UdSSR-Team bei der WM 1982 Spielrausch in Westberlin

Russland hofft gegen Spanien auf die WM-Sensation und sehnt sich nach den alten Zeiten zurück - als das Land noch UdSSR hieß. So gut wie bei der WM 1982 hat dieses Team nie wieder gespielt.

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Aus Moskau berichtet


Russe zu sein war in Paderborn Anfang der Achtzigerjahre keine gute Idee. Dabei kannte in der ganzen Stadt vermutlich niemand einen Russen persönlich, dennoch: DER Russe hatte es nicht leicht. Der Kalte Krieg erreichte seinen Höhepunkt mit der Nachrüstung in West und Ost, und im katholisch-konservativen Milieu war wenig Schlimmeres vorstellbar als der Sowjetmensch. Dass Russen Kinderfresser seien, war mehr oder weniger das Einzige, was ihnen damals nicht unterstellt wurde.

Der Gemeindepfarrer mit dem schönen Namen Underberg vergaß in keiner Predigt vor den Gefahren aus dem Osten zu warnen. Er säuselte das Wort Kommunismus, mit einem lang gezogenen End-s, das sich durch die ganze Kirche von vorn nach hinten schlängelte, kurz vorm Eingangstor kehrtmachte und auf der anderen Seite die Kirchenbänke wieder heraufkroch.

Ich wurde 16 in diesem Sommer 1982, ein Alter, in dem man in manchen Sachen ein bisschen anders denkt als der Gemeindepfarrer. Es war der Sommer der Weltmeisterschaft in Spanien, und unser Klassenlehrer hatte beschlossen, mit seinen Schülern ins geteilte Berlin zu fahren.

Vor Kreativität überschäumend

Schon am ersten Abend gab es denn auch die ersten Spaltungen, der Klassenlehrer hatte einen Besuch im Schillertheater angeregt. Aber es war der Abend, an dem im fernen Sevilla der Top-Favorit Brasilien auf die Mannschaft der UdSSR stieß. Brasilien, diese vor Kreativität überschäumende Mannschaft mit Sócrates, Zico, Éder, Falcão, Júnior - eine an guten Tagen so großartig aufspielendes Team, wie man es danach vielleicht nie mehr erlebt hat. Ihr Fußball war ein Rausch.

Und auf der anderen Seite standen die Russen. Man muss wohl besser sagen, die Sowjets. Denn in der Mannschaft von Trainer Konstantin Beskow standen weit mehr Ukrainer und Georgier als Russen. Es war die große Zeit von Dinamo Tiflis und Dinamo Kiew, Teams, die in Europa nur wenige Mannschaften fürchten mussten. Zusammen ergaben sie eine Mannschaft, die in der WM-Qualifikation in acht Spielen nur einen Punkt abgegeben hatte. Es hätte genauso gut eine Eishockeymannschaft der UdSSR sein können.

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UdSSR bei der WM 1982: Die Ballnacht von Sevilla

Angeführt wurde das Team von Alexander Tschiwadse, einem schnauzbärtigen Georgier, hinter ihm sein Landsmann Rinat Faisrachmanowitsch Dassajew, einer der besten Torleute der Welt. Vorne stürmte Superstar Oleg Blochin, wenn seine beste Zeit auch schon vorbei war. Um ihn herum hochbegabte, schlitzohrige Spieler, dazu mit wunderbaren Namen gesegnet: Tengis Sulakwelidze, Witali Darasselia, Anatoli Demjanenko, Andrej Bal, der das Spielgerät fast schon im Namen trug, Wladimir Bessonow mit dem Kindergesicht und Blochins Sturmpartner Ramas Schengelija.

Das rote Hemd mit dem CCCP-Aufdruck

So sehr ich Socrates und die Seinen für ihre Spielkunst bewunderte, die so unglaublich weit weg war von dem, was ich aus der Fußball-Bundesliga kannte, so sehr hatte ich vom Anpfiff an mein Herz an diese UdSSR-Auswahl verschenkt in ihren leuchtend roten Trikots mit dem CCCP-Aufdruck. Und war damit fast der Einzige im Saal: Dem Russen die Daumen zu halten, das ging dann doch zu weit. Wer sich heute über das Russland-Bashing des Westens beklagt, und es gibt ja einige, die das tun, der hat den Kalten Krieg nicht erlebt.

An diesem Abend vor den staunenden Zehntklässlern am Fernsehschirm in Berlin-Lichterfelde entwickelte sich ein so rasantes, großartiges Fußballspiel, wie ich es selten zuvor gesehen hatte. Es gab zu jener Zeit vielleicht nur ein Team, das es spielerisch einigermaßen mit den Brasilianern aufnehmen konnte. Und das war die Mannschaft von Konstantin Beskow, einem alten Kämpen des Sowjetfußballs, der so ungefähr alle Moskauer Mannschaften schon als Trainer betreut und dann die Sbornaja übernommen hatte.

Beskow war Jahrgang 1920, er hatte den Krieg erlebt, grimmig saß er auf der Bank, mein Klassenlehrer nannte ihn einen Apparatschik. Ich hätte ihn am liebsten sofort ins Schillertheater geschickt. Als ausreichende Gerechtigkeit sah ich es an, dass die UdSSR in Führung ging. Ein Weitschuss von Bal rutschte dem brasilianischen Torwart durch die Hände, der Favorit lag zurück. Und das Feuerwerk ging erst richtig los.

Ab dieser 34. Minuten rollte eine Angriffswelle nach der nächsten auf das sowjetische Tor, Dasajew wuchsen fünf, sechs Hände, Beskows Elf versuchte sich immer wieder zu befreien, hatte Konterchancen, es war ein Open-Air-Festival des Fußballs, die Ballnacht von Sevilla.

Eine Ballnacht, die so endete, wie es enden musste. Ein wunderbarer Fernschuss von Socrates sorgte für das späte 1:1, und als ich schon hoffte, meine Rothemden könnten sich mit einem Remis retten, ließ Zico einen Junior-Pass durch seine Beine gleiten, er wusste genau, dass ein Mitspieler hinter ihm stand. Eder nahm den Ball an, ließ ihn in die Luft tropfen und schoss ihn volley neben Dasajews Kopf ins Netz. Ein so schönes Tor, das ich es nie wieder vergessen habe. Die Klassenfahrt war gerade erst einen Abend alt, aber ich hatte das Beste schon gesehen. Und das Traurigste auch.

Polen trotzte UdSSR ein Remis ab

Weltmeister sind sie beide nicht geworden, sie starben sozusagen in Schönheit, obwohl das Spiel gegen Brasilien das Einzige war, das die UdSSR-Elf verlor. Aber Polen trotzte den Sowjets in der Zwischenrunde ein 0:0 ab, das reichte zum Weiterkommen ins Halbfinale. In Polen wurde das Remis gegen den Großen Bruder gefeiert wie ein triumphaler Sieg, es war das Jahr, nachdem im Land das Kriegsrecht verhängt worden war.

Schengelija, Bal, Darasselija - sie alle leben bereits nicht mehr, Darasselija starb noch 1982 bei einem Autounfall im Alter von 25 Jahren. Die Qualität dieser Mannschaft ist nie mehr erreicht worden. Auch das Team von Stanislaw Tschertschessow, das am Nachmittag gegen Spanien versuchen wird, das Viertelfinale zu erreichen, hat sie bei Weitem nicht.

Ins Schillertheater sind wir dann doch noch gegangen: Penthesilea von Kleist mit Hermann Treusch und Elisabeth Trissenaar. Eine Tragödie, natürlich. Noch eine.



insgesamt 8 Beiträge
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vogtnuernberg 01.07.2018
1.
Dezent verschiwegen wird, dass Russland 1988 Vizeeuropameister wurde. Gratulation zu soviel geballtem Fussballwissens: https://de.wikipedia.org/wiki/Fußball-Europameisterschaft_1988
moysofff 01.07.2018
2. So ein Unfug :)
1. "So gut wie bei der WM 1982 hat dieses Team nie wieder gespielt." ???! Bis auf das - wohl verlorene - Spiel gegen Brasilien hat diese Mannschaft sehr durchschnittlich gespielt. In der Zwischenrunde gab es nur 2 äußerst blasse Unentschieden, und das war's! Offenbar vergessen Sie die WM 1986 in Mexiko: Das war die beste Sowjetische Auswahl, die im ersten Spiel Ungarn mit 6:0 aufgemischt hat und im 2. Spiel Frankreich an den Rand einer Niederlage brachte. Erst im 1/8 Finale unterlagen sie den Belgiern nach äußerst fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen mit 3:4. 2. "Angeführt wurde das Team von Alexander Tschiwadse, einem schnauzbärtigen Georgier, hinter ihm sein Landsmann Rinat Faisrachmanowitsch Dassajew" ???! Rinat Dassajew hat nie was mit Georgien zu tun gehabt: weder war er da geboren noch gehörte er zu der Ethnie: Er hat tatarische Wurzeln und ist in Astrachan geboren 3. Diese Sowjetische Auswahl soll Ihrer Meinung nach die einzige Mannschaft bei diesem Turnier gewesen sein, die es mit mit Brasilianern "spielerisch" aufnehmen konnte ???! Da würde ich Sie gerne an das Spiel Brasilien - Italien in der Zwischenrunde erinnern, das 2:3 für Italiener ausgegangen war, in dem Italiener Paolo Rossi, Francesco Graziani, Alessandro Altobelli, Marco Tardelli die hochgelobten Brasilianer so richtig aufgemischt haben. Und die Französische Auswahl ???! Das wohl spielerisch das beste Team des Turniers, auch wenn sie im Halbfinale an Schumacher und Kalle Rummenige verzweifelten. Nichts für Ungut, aber es gibt viele Menschen, die heute Spiegel Online lesen und damals 1982 noch in UdSSR gelebt haben und auch schon fernsehen konnten.
DorianH 01.07.2018
3.
Wieso denn verschwiegen? Warum sollte das in einem Artikel über ein Spiel der WM 1982 Thema sein? So ein Geschwafel wieder......
MatthiasSchweiz 01.07.2018
4.
1. So wie es im 1. Absatz beschrieben ist, ist es heute ja dank der Mehrheit unserer Politiker mit gütiger Mithilfe von Presse, Funk und Fernsehen auch wieder. 2. EM 1988 und 2008 vergessen?
Msc 01.07.2018
5.
Wenn es kein offenes Geheimnis wäre, dass alle Sportler aus dem Ostblock (und auch der Großteil der westlichen Welt) bis in die letzte Haarwurzel voll mit Dopingmitteln gewesen sind, könnte ich die Leistungen von damals ernst nehmen.
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