Überfall auf Fußball-Fans Die lange Leitung der "Soko Rex"

218 Fotos, 16 Sonderermittler, null Erfolg: Die bisherige Bilanz der Sonderkommission Rex, die einen rechtsextremistischen Überfall auf Fußballfans in Sachsen aufklären soll, ist erschütternd. Telefonischer Kontakt zu den Beamten ist schwer herzustellen, ein wichtiger Zeuge wurde noch nicht befragt.

Von

oberligasued

Fast könnte man darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Seit mehr als zehn Tagen ermittelt eine 16-köpfige Sonderkommission der sächsischen Polizei im "Fall Brandis". In der Stadt im sächsischen Landkreis Leipzig war es am 24. Oktober bei einem Bezirksliga-Spiel zwischen dem FSV Brandis und Roter Stern Leipzig zu schweren Ausschreitungen gekommen. Etwa 50 Neonazis hatten die Gästefans mit Eisenstangen und Holzlatten attackiert. Dabei waren drei Anhänger der als politisch links bekannten Roter-Stern-Fans verletzt worden, einer von ihnen schwer.

Während die Polizei zunächst den Vorwurf der RSL-Verantwortlichen, sie habe im Vorfeld Kenntnis von den Angriffen gehabt, bestritt, räumten die Sicherheitsbehörden drei Tage nach den Ausschreitungen Versäumnisse ein. Gleichzeitig wurde medienwirksam eine 16-köpfige Sonderkommission eingerichtet. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir die brutalen Schläger vom Wochenende ermitteln und ihrer gerechten Strafe zuführen", hatte der sächsische Landespolizeipräsident Bernd Merbitz damals gesagt.

Seitdem ist allerdings kein einziger Ermittlungserfolg bekannt geworden. SPIEGEL ONLINE machte den Test. Am Mittwoch habe ich versucht, die "Soko Rex" - so der Name der Sonderkommission - zu erreichen, um auf einen wichtigen Zeugen hinzuweisen. Dieser hatte SPIEGEL ONLINE Fotos vom Angriff zur Verfügung gestellt - insgesamt 218 Bilder. Beim Anruf in der Leipziger Polizeizentrale erfahre ich, dass die Leipziger Polizei nicht zuständig sei, sondern "die Kollegen in Grimma". Bei der Leipziger Polizei kennt man zwar den Namen der "Soko Rex", offenbar aber nicht ihre Durchwahl. "Die kann ich Ihnen nicht sagen, die weiß ich nicht", so der Beamte, der immerhin eine Zentralnummer weitergibt.

11.30 Uhr, Polizei Grimma: "Die sind wohl alle zu Tisch"

In der Polizeizentrale in Grimma dann ein ähnliches Bild. Drei Versuche, mich an die "Soko Rex" durchzustellen, enden in minutenlangen Zwangsaufenthalten in Warteschleifen. "Einen Moment bitte noch, das war wohl die falsche Nummer", so die Dame aus der Zentrale, bevor es wieder in die Schleife geht. "Da meldet sich keiner, die sind wohl alle zu Tisch." Um 11.30 Uhr? Nach zehn Minuten Warten nimmt dann doch noch jemand ab. "Hallo", meldet sich der Teilnehmer. "Guten Tag, Glindmeier, SPIEGEL ONLINE, bin ich da richtig bei der "Soko Rex"? "Nene, da sind Sie ganz falsch", antwortet der Beamte.

Ich äußere kurz meinen Unmut darüber, jetzt zwar jede Menge gemafreie Musik zu kennen, aber immer noch keinen Ansprechpartner am Telefon zu haben, "schließlich könnte ich ja ein wichtiger Zeuge sein." Darauf hat der Mann dann immerhin eine schnelle Antwort parat: "Sind Sie aber nicht!" Dann hat er doch noch ein Einsehen und holt einen Kollegen, der sich zumindest etwas besser auskennt: "Hallo, hören Sie? Wir können da nichts zu sagen, rufen Sie bitte bei der Staatsanwaltschaft in Leipzig an."

Der dortige Sprecher ist dagegen sofort im Bilde. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Zeugen dieses Vorfalls zu vernehmen", lautet die Antwort auf meine Frage, wie weit denn die Ermittlungen der "Soko Rex" fortgeschritten seien. Man stehe im ständigen Austausch mit der Polizeikommission, auch, "um die vorliegenden Lichtbilder auszuwerten", so der Sprecher. Die meisten dieser Bilder, die auch SPIEGEL ONLINE vorliegen, kamen von einem Fotografen, dessen Name nach Informationen von SPIEGEL ONLINE der "Soko Rex" bekannt sein soll. Bis heute hat sich allerdings weder Polizei noch Staatsanwaltschaft bei dem Zeugen gemeldet, der zudem kein Unerfahrener in Sachen Neonazi- und Antifa-Szene in der Region ist.

Angreifer in Internet-Blog längst identifiziert

Meine Frage, warum weder die 16-köpfige Sonderkommission noch die Staatsanwaltschaft mehr als zehn Tage nach dem Vorfall Kontakt zu dem Zeugen aufgenommen haben, kann der Sprecher nicht beantworten: "Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist aber beabsichtigt, an alle potentiellen Zeugen heranzutreten." Zudem verwies er auf den Zeugenaufruf der Polizei: "Wir haben eindringlich appelliert, dass Zeugen auf uns zugehen." Wenn man denn jemanden erreicht.

Obwohl der Staatsanwaltschaft nach Informationen von SPIEGEL ONLINE 35 bis 40 Zeugen namentlich bekannt sind, gibt es bislang keinen einzigen Erfolg. "Wir ermitteln gegen Unbekannt", so der Sprecher. Die Online-Gemeinde ist da allerdings bislang etwas erfolgreicher gewesen. In dem linken Internet-Blog indymedia haben sich zahlreiche Augenzeugen gemeldet und diverse Angreifer identifiziert - darunter einige NPD-Mitglieder aus der Region. "Man hat leider das Gefühl, dass das Polizei-Interesse, die Täter zu finden, relativ gering ist", so eine Sprecherin von Roter Stern Leipzig.



Forum - Was tun gegen Gewalt im Fußball?
insgesamt 601 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hercules Rockefeller, 25.10.2009
1. Vereine müssen zahlen
Meiner Meinung nach sollte die Polizei sich ihre Einsätze mit Mann und Maus bezahlen lassen-von den Vereinen! Ich verstehe gar nicht, weshalb der Steuerzahler für die Bespaßung von Hooligans und Unterschichtlern den Sicherheitsdienst sponsorn muss? Wenn ein Verein Millionen für Spieler ausgeben kann, dann müssen die paar tausend Euro für Polizeibeamte auch drin sein-zumal sich die Vereine die Kosten teilen können. Alternativ können die Spiele auch ohne Zuschauer durchgeführt werden, wenn es denn nicht anders geht. Vielleicht sollte man das als Regel einführen. Nach jedem Zwischenfall mit Körperverletzung muss das nächste Spiel der betreffenden Vereine ohne Zuschauer abgehalten werden. Bin mal gespannt, wie schnell die Vereine dann die Ticketpreise erhöhen werden, um das gewalttätige Prekariat draussen zu halten...
MaXimumOwn 25.10.2009
2.
Erstmal aufhören über die Polizei zu schimpfen und den Polizisten vor Ort irgendwelche Schuld zu geben. An jeden Wochenende finden tausende Fußballspiele statt - Bundesligen, Landes-, Kreis und Bezirksligen. Die Ressourcen der Polizei sind irgendwann auch mal erschöpft - immerhin verlangt man von der Polizei das sie auch ihre anderen Aufgaben wahrnehmen soll. "Offenbar hatte man auch beim ausrichtenden Verein schon vor Anpfiff geahnt, dass das Spiel gestört werden würde. Nach Angaben der RSL-Fans sei man per Stadionlautsprecher aufgefordert worden, eine Seite des Sportplatzes zu räumen, weil "die Dummen noch kommen"." Wieso hat man das Spiel dann nicht abgesagt und die Zuschauer und Verantwortlichen nach Hause geschickt ? Wieso legt man es auch noch darauf an ? Und wie oft wurde die Polizei eigentlich schon von Personen der linken Szene angegriffen ? ..... Anscheinend merkt hier niemand, dass unsere Polizei mehr oder wenigernur noch dazu dienen, dass frustrierte Jugendliche sich mal richtig austoben können und wenn unsere Polizisten mal nicht rechtzeitig da sind (obwohl man sie meistens nie dahaben wil - siehe 1. Mai Demos u.a.l) dann wird gleich mal nen Faß aufgemacht. Und was wäre passiert wenn die Polizei hart durchgegriffen hätte und die rechten Schläger reihenweise verprügelt / eingesperrt hätte ? Dann würden die rechten Schläger jeden einzelnen Polizisten verklagen. Also im Grunde können die Polizisten machen was sie wollen - sie sind immer die dummen und immer schuld. Ich würde sagen, dass beide Seiten diese Auseinandersetzung gewollt haben und man hier sicher nicht der Polizei irgendwelche Schuld zuschieben kann. Was kann man dagegen tun ? Als erstes sollten sich alle - bevor man mit dem Finger auf andere zeigt - an die eigene Nase fassen. Die Täter müssen selbstverständlich gefaßt und bestraft werden und die Vereine sich selber mal fragen, wieso man nicht vorher Spiele absagt wenn man weiß, dass es Ärger geben wird. Gruß
fröp 25.10.2009
3.
vereine wie der fsv brandis und roter stern leipzig sind notorisch pleite. die verdienen keine millionen, das sind amateurvereine. ich denke es ist im interesse des staates jede möglichkeit rechte gewalttäter zu stoppen bzw. festzunehmen wahrzunehmen, was nur möglich ist wenn man sich wenigstens um angemessenen schutz solcher bekanntermaßen riskanten spiele kümmert. denn wenn man denen raum zum terrorisieren von gruppen oder einzelpersonen lässt werden die ihn auch nutzen. Denn tatsächlich bedrohen diese rechten hools und neonazis die allgemeinheit (zumindest in leipzig) mehr als die zwar konstant heraufbeschworenen Islamisten.
Pacolito, 25.10.2009
4.
Bei einem durchschnittlichen Spiel der 1. Bundesliga mit 40.000 oder 50.000 Zuschauern kommt es doch zu wesentlich weniger Gewalttätigkeiten als beim jeweiligen Oktoberfest der örtlichen Dorffeuerwehr. Wieder einmal total sinnlos der Thread. Dass es in manchen unterklassigen Ligen in den neuen Bundesländern teilweise zu massiven Ausschreitungen kommt, hat weniger was mit dem Fußball an sich zu tun. Das ist ne Mischung aus dumpfer Aggression, Rechtsradikalismus, Perspektivlosigkeit etc., ertränkt in Alkohol. Sie können da alle Fußballclubs verbieten, gehen die eben zum Handball usw.
mooringman, 25.10.2009
5. Roter Stern
Das es Vereine mit dem Namen "Roter Stern" in Deutschland gibt,wurde mir erst neulich bewußt durch eine Pressemitteilung.In Lübeck gingen Neonazis aus dem Umfeld des VfB Lübeck bei einem unterklassigen Spiel auf Fans eines "Roter Stern" Vereines los und erzwangen einen Polizeieinsatz.Es wird Zeit ,das diese braunen Hools,es sind keine Fans, aus dem Umfeld der Fußballvereine verschwinden.In Lübeck zumindest sind die meisten Polizei und Vereins bekannt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.