Überraschungsteams in der Liga Triumph der Kuschelclubs

Die Bundesliga steht Kopf: Vereine mit Champions-League-Ambitionen spielen gegen den Abstieg, Außenseiter haben den Klassenerhalt fast sicher. Ein Zufall ist das nicht, wie ein genauer Blick auf Kader und Trainer von vermeintlichen Krisenclubs wie Freiburg oder Hannover zeigt.

Von Peter Unfried

Getty Images

Diese Saison hat einen seltsamen Verlauf genommen, das zeigt nicht nur die unglaublich deutliche Tabellenführung von Borussia Dortmund. Von den sechs erwarteten Abstiegskandidaten der Bundesliga sind drei dank einer außergewöhnlichen Vorrunde praktisch gerettet: Mainz 05, Hannover 96 und der SC Freiburg. Aufsteiger Kaiserslautern und der letztjährige Relegationsplatzinhaber Nürnberg haben ebenfalls gute Chancen auf den Klassenerhalt.

Sicher, seit Beginn der Rückrunde nivellieren sich die kuriosen Ausschläge. Bayern ist an Mainz vorbeigezogen, Leverkusen sogar an Mainz und Hannover. Dennoch bietet sich in der unteren Tabellenzone ein bizarres Bild. Eine gewöhnliche Saison hätte je einen Club, der entgegen seiner Platzierung in der Personaletat-Tabelle sehr gut oder sehr schlecht abschneidet. Diesmal hängen von den vermeintlichen acht Top-Vereinen mit Champions-League-Ansprüchen vier durch: Der FC Schalke (Vizemeister), Bremen (Dritter 2010), Wolfsburg (Meister 2009) und Stuttgart (Meister 2007).

Die letztgenannten drei Teams spielen sogar potentiell noch gegen den Abstieg. Und dann sind da selbstverständlich die Traditionssorgenclubs 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach. Den Tabellenletzten Gladbach werden die ersten Beobachter nach dem 1:3 gegen Bayer Leverkusen bereits abschreiben. Doch das ist 15 Spieltage vor Saisonende genauso unseriös wie die andere Borussia abwechselnd zum Meister zu erklären und ihr dann wieder das große Zittern einreden zu wollen.

Starkult war gestern

Die Frage ist allerdings, ob es bei aller Volatilität und der Notwendigkeit, jeden Club einzeln zu betrachten, einen größeren Zusammenhang gibt. Es wäre übertrieben, die Saison 2010/2011 zum Jahr der Revolution in der Bundesliga auszurufen. Aber die Clubs, die positiv überraschen, haben im Vergleich mit dem Durchschnitt sehr flache Hierarchien, sind skeptisch gegenüber Starkult und eben "sozial" angelegt. Das ausgleichende Element überwiegt gegenüber der Einzelkämpfermentalität. Das liegt an den Trainern (Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Robin Dutt, Mirko Slomka), an deren Auswahl der Spieler, die sogenannte "Charaktertests" bestehen müssen. Es bestätigt den aktuellen Fußball-Zeitgeist.

Angesichts dieser Entwicklung wirken Köln und Mönchengladbach so, wie man sie bisweilen nennt: wie "Dinos". Ihre Tradition besteht schon länger darin, Dinge traditionell falsch zu machen. Beide Vereine haben kein erkennbares Personalkonzept, das den Clubs eine Identität gäbe, den Teams eine soziale Seele und gleichzeitig als Geschäftsmodell funktioniert. Wenn man vergleicht, welche Spieler Freiburg in den vergangenen fünf Jahren herausgebracht hat, die heute an anderer Stelle spielen - und welche Gladbach und Köln teuer eingekauft und mit Verlust wieder abgestoßen haben, sieht man den Unterschied. Und ahnt, was Volker Finke in Köln bewirken könnte.

Bleiben noch die Verlierer der Saison, von denen man deutlich mehr erwartet hätte. So wie Werder Bremen, das am Sonntag ausgerechnet 0:3 in Köln unter die Räder kam. Von einer Gemeinschaft ist das Team derzeit weit entfernt. "Wir sind nicht bereit, als Gruppe aufopferungsvoll zu kämpfen", sagt Werder Bremens Sportdirektor Klaus Allofs. Das markiert den Unterschied zwischen dem aktuellen Werder und jener verschworenen Gemeinschaft unter Führung von Thomas Schaaf der vergangenen Jahre.

Ein sozial funktionierendes Team ist wichtiger denn je

Der Standortvorteil bestand in Bremen eben darin, dass das sorgfältig ausgewählte Personal als Gruppe innerhalb eines Club- und Spielkonzepts funktionierte. Weil das seit über zehn Jahren der Fall war, hält man es heute in Bremen für den Normalzustand. Ähnlich wie Werder taumelt auch der VfB Stuttgart durch die Saison. Oder der VfL Wolfsburg, der viel änderte, aber weniger Erfolg hat.

Zurück zu den erfolgreichen Underdogs: Eine Personalie steht vielleicht stellvertretend für das, was bei Freiburg, Hannover und Co. im Moment gerade passiert. Wer zu Saisonbeginn noch dachte, der Wechsel des individualistischen Zweite-Klasse-Stars Mo Idrissou werde Freiburg schwächen und Gladbach stärken, musste bald umdenken. Freiburg holte Papiss Demba Cissé - doppelt so teamfähig, fünfmal so viel Tore (15) wie Idrissou (drei). Gladbach kaufte in der Winterpause Mike Hanke nach.

Das alles bedeutet nicht, dass ein funktionierendes Team mäßig begabter Sozialhelden sich am Ende dieser Saison für die Champions League qualifiziert. Dafür sind Bayern und Leverkusen dann doch individuell und als Team zu gut.

Aber das soziale Moment im Fußball, die sorgfältig gescoutete, funktionierende Gruppe ist wichtiger denn je. Dazu gehört auch der Respekt vor den eigenen Spielern. Den hat St. Paulis Trainer Holger Stanislawski gezeigt, als er sagte, er würde Arjen Robben nicht mal nehmen, "wenn der bei uns einen neuen Versuch starten wollen würde".

Warum über das Irreale philosophieren, wenn es das Team abwerten würde? St. Pauli ist nun erstmals in dieser Saison auf den Relegationsplatz gerutscht. Aber bei den bestehenden ökonomischen Nachteilen als Tabellensechzehnter gegen den Abstieg zu kämpfen, heißt de facto: Das Team funktioniert. Und zwar ziemlich gut - und sozial.

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Seite 1
WhereIsMyMoney 24.01.2011
1. ...
Zitat von sysopDie Bundesliga steht Kopf: Vereine mit Champions-League-Ambitionen spielen gegen den Abstieg, Außenseiter haben den Klassenerhalt fast sicher. Ein Zufall ist das nicht, wie ein genauer Blick auf Kader und*Trainer von vermeintlichen Krisenclubs wie Freiburg oder Hannover zeigt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,741142,00.html
Wer hatte Mainz als Abstiegskandidat auf dem Zettel? Und auch Freiburg war nicht wirklich unter den Favoriten. Hannover dagegen war bei mir an erster Stelle, noch vor Pauli und Gladbach. Das ist die größte Überraschung für mich, noch vor Dortmund und Mainz.
jot-we, 24.01.2011
2. °!°
"Diesmal hängen von den vermeintlichen acht Topvereinen mit Champions-League-Ansprüchen fünf durch: Der FC Schalke (Vizemeister), Bremen (Dritter 2010), Wolfsburg (Meister 2009) und Stuttgart (Meister 2007)..." Also da hab ich jetzt 10mal nachgezählt - irgendwas stimmt da einfach nicht ...
Hardliner 1, 24.01.2011
3. Geld kickt nicht
Zitat von jot-we"Diesmal hängen von den vermeintlichen acht Topvereinen mit Champions-League-Ansprüchen fünf durch: Der FC Schalke (Vizemeister), Bremen (Dritter 2010), Wolfsburg (Meister 2009) und Stuttgart (Meister 2007)..." Also da hab ich jetzt 10mal nachgezählt - irgendwas stimmt da einfach nicht ...
Geld kickt nicht automatisch gut. Das kann man an den Bildungsausgaben sehen.Berlin gibt das meiste Geld für Bildung aus, hat aber die schlechtesten Ergebnisse.Ähnlich ist es bem Fußball.Und wer drei, fünf, sechs oder acht Millionen Euro pro Jahr erhält, der muss nicht automatisch obsser sein als ein Spieler mit einem Salär von 500 000 Euro. Warum etwa der VfB Stuttgart einen Weltmeister (Camoranesi) gar nicht eimnsetzt, bleibt das Geheimnis der VfB-Verantwortlichen. Platz 17 ist die Quittung.
mic_doe 24.01.2011
4. ..ist aufm Platz,
. ..ist aufm Platz, die Wahrheit, abzulesen nächstens in CL und EL, denn dafür werden die obersten Ränge der BL ja schließlich ausgespielt. Zu befürchten ist allerdings (alle Jahre wieder) ein frühes Scheitern der BL- Clubs*, da diese ihre Form nicht annähernd in die nächste (CL-/ EL-) Saison retten. Aber: warum eigentlich nicht ? Sollen die sog. underdogs mit Sozial- Kompetenz das diesmal machen ! Oder etwa doch nicht ? Sollten bei diesen Clubs etwa keine Leistungsträger dem Ruf des Geldes folgen, sollten etwa Körper und Psyche keinen Tribut fordern ? Alsdenn: träumen wir mal wieder von rauschenden Europacup-Abenden mit BL- Beteiligung - und schauen am Ende wieder den üblichen internationalen* Geldclubs zu. *die Ausnahme liegt an der Isar.
wurstendbinder 24.01.2011
5. stuttgart
beim vfb muss man immer bedenken: wenn man innerhalb von einem jahr zwei absolute weltklassespieler abgibt, die die eigene nachwuchsabteilung durchlaufen haben, dann ist das bei den rahmenbedingungen unter denen die trainer in stuttgart arbeiten müssen nahezu unmöglich, das zu kompensieren. es wird zeit, dass endlich mal ein trainer beim vfb wieder zeit bekommt um aus der hervorragenden jugendarbeit des clubs kapital zu schlagen. man schaue sich nur an, welche leistungsträger aktuell die liga beherrschen die beim vfb ausgebildet wurden. tiffert, der aktuell der beste vorlagengeber der liga ist, ist da nur ein beispiel ... ganz zu schweigen von hoppenheim, die hatten am sonntag 5 ex-vfbler in der startformation.
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