Uefa-Boss Platini Die zwei Gesichter des Lebemanns

Genussfreude, Bodenhaftung, entwaffnender Charme - für all das steht Michel Platini. Doch der Uefa-Boss hat auch eine andere Seite. Er schweigt häufig zu Korruptionsskandalen, hat sein Amt vor allem umstrittenen Funktionären zu verdanken, seine Familie pflegt zweifelhafte Kontakte.

Von , Nyon

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Dienstschluss in Nyon. Das Hauptquartier der Europäischen Fußball-Union Uefa, traumhaft gelegen am Genfer See, leert sich zügig. Gegen halb sechs schlurft ein Mittfünfziger dem Ausgang entgegen. Typ Peter Falk alias Inspektor Columbo. Knittriger Anzug, offenes Hemd. Unterm linken Arm klemmen einige Unterlagen. Mit der Rechten balanciert er ein prall gefülltes, großes Silbertablett. Melón con jamón. Er bietet den Damen an der Rezeption an, zuzugreifen. Doch der Mann steht nicht etwa in Diensten einer Catering Firma. Hier serviert der Chef noch selbst.

Michel Platini sieht die erstaunten Blicke. Er grinst. "Ich hatte gerade Besuch aus Spanien", sagt er. "Soll ich das gute Zeug etwa verkommen lassen?" Auf keinen Fall, also nimmt er die Tapas-Platte mit nach Hause, wo sich dazu garantiert eine gute Flasche Rotwein findet.

Die Episode erzählt einiges über Michel Platini, vor allem über seinen mitunter entwaffnenden Charme. Platini, der einstige Weltstar, einer der besten Fußballer der Geschichte und heute einer der mächtigsten Fußballfunktionäre der Welt, hat sich eine gewisse Bodenhaftung bewahrt. Das macht seine Faszination aus. Die meisten seiner Funktionärskollegen verschanzen sich in ihren Nobelhotels und Luxussuiten, lassen die Limousinen in Tiefgaragen vorfahren und vermeiden Öffentlichkeit, so gut es geht. Platini aber benutzt den Haupteingang. Auch als Uefa-Präsident und Mitglied des Exekutivkomitees im Weltverband Fifa bleibt der Multimillionär nahbar.

Platini muss sich dank seiner Fußballer-Vergangenheit nicht beweisen

Platini, der während der Fußball-Europameisterschaft im Juni seinen 57. Geburtstag feiert, ist nicht von diesem verzehrenden Machtstreben geplagt wie etwa Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. Anders als sein sportpolitischer Ziehvater Blatter, der kein herausragender Fußballer war, muss sich Platini in der Szene nicht beweisen. Seine Vita spricht für sich. Sein Wort hat Gewicht. Platini braucht weder mehr Ruhm noch mehr Geld. In gewisser Weise ist die Machtfrage für ihn eine Luxusfrage. Genießen oder arbeiten? Ständig wird er gefragt, wann er den Fifa-Thron besteigen und Blatters Nachfolger werden will.

Platini kokettiert stets. "Es ist schon anstrengend genug, ständig in die entlegensten Winkel Europas zu reisen", sagt er. "Aber da gibt es meistens abends noch einen Rückflug. Schauen Sie sich dagegen mal die Reisepläne eines Fifa-Präsidenten an." 300 Tage im Jahr sei der unterwegs, wenngleich stets mit First Class Ticket oder Privatjet. Dennoch fragt sich Platini: "Heute Ozeanien. Morgen Südamerika. Übermorgen Afrika. Muss ich mir das antun?"

Man darf sich aber nicht täuschen lassen.

Schon als Fußballer wirkte er oft abwesend, als sei mit ihm nicht zu rechnen. Das Hemd über der Hose, die Stutzen heruntergerollt. Durchaus auch mal ein paar Gramm zu viel auf den Hüften. Und doch ein Genie. Raffiniert und stets gefährlich.

Platini macht derzeit keine positiven Schlagzeilen. Weder in der Uefa noch in der Fifa, wo er zu den flächendeckenden Korruptionsproblemen vor allem schweigt und nicht der kleinen Garde der Erneuerer zuzurechnen ist. Die EM in Polen und der Ukraine ist sein Kind. Denn die Vergabe des Turniers nach Osteuropa war, da sind die Meinungen einheitlich, ein Dankeschön an seine Wahlhelfer aus jener Region, allen voran an den dubiosen ukrainischen Verbandschef Grigorij Surkis. Schon deshalb muss er dieses Turnier vehement verteidigen und kürzlich etwa den Kritiker Phillip Lahm, der politische Stellungnahmen einforderte, resolut in die Schranken weisen. Dann kann auch der Lebemann Platini plötzlich knallhart und unerbittlich sein.

Dass Platini im Januar 2007 auf dem Uefa-Kongress in Düsseldorf den Schweden Lennart Johansson aus dem Amt verdrängen und neuer Verbandspräsident werden konnte, hatte er vor allem drei Männern zu verdanken: Surkis, dem undurchsichtigen zypriotischen Öl-Magnaten Marios Lefkaritis und Blatter. Allein diese Aufzählung ist kein Ruhmesblatt für Platini, sondern wirft viele Fragen auf, von denen bislang keine seriös beantwortet wurde.

Platinis Familie pflegt gute Kontakte zum umstrittenen Funktionär Lefkaritis

Da gab es die Korruptionsvorwürfe zur EM-Vergabe an Polen und die Ukraine, die Ende 2010 der ehemalige zypriotische Funktionär Spyros Marangos erhob. Von Millionenzahlungen an Uefa-Funktionäre war die Rede. Die Uefa, inklusive ihres Präsidenten Platini, wies die Vorwürfe zurück und erstattete Anzeige gegen Marangos, zeigte an der Aufklärung nach außen hin aber nur mäßiges Interesse. Marangos versäumte es allerdings auch, Beweise vorzulegen.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE tat er das vor allem deshalb nicht, weil er um die Sicherheit seiner Familie fürchtete. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass in Zypern, wo Marangos lebt, doch erstaunlich viele Fäden zusammenlaufen: Dort herrscht der steinreiche Marios Lefkaritis, Chef der Petrolina-Holding, der den Exekutivkomitees von Uefa und Fifa angehört und der Platini vehement unterstützt.

Auch die Familien Lefkaritis und Platini sind eng verbandelt, was manch aufrechtem Funktionär der zweiten Reihe Beweis genug ist, Platini zu misstrauen. Eine zypriotische Anwaltskanzlei steuert zudem die Kerngeschäfte des Ukrainers Surkis, für den die Mittelmeerinsel die zweite Heimat ist. Und schließlich ranken sich in der Szene bizarre Gerüchte um jene märchenhaften Bestechungsgelder, die im Rahmen der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar vor allem über Mittelsmänner auf Zypern geflossen sein sollen.

Bewiesen ist nichts. Aufgeklärt aber auch nichts.

Platini, das weiß man inzwischen, hat im Dezember 2010 für die WM 2022 in Katar gestimmt. Sein Sohn Laurent, ein Anwalt, wurde wenige Wochen später als Europachef von der Firma Qatar Sport Investments (QSI) angeheuert. Die QSI-Gruppe steuert unter anderem die Geschäfte von Paris St. Germain und war auch am spektakulären Trikotsponsoring-Deal der Qatar Foundation mit dem FC Barcelona beteiligt.

Der Sohn des Uefa-Chefs und wohl künftigen Fifa-Präsidenten ist also bestens im Geschäft. Platini findet das ganz normal. Andere sprechen von Vetternwirtschaft. Mit den neuen Compliance-Regeln, die sich die Fifa verordnet, korrespondieren derlei Beziehungen schwerlich.

Für Platini aber, den Mann mit den zwei Gesichtern, sind sie typisch.

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