Uefa-Cup-Historie Die Geburt des Euro-Eddy

Für Edgar Schmitt war es die Partie seines Lebens. Im Zweitrunden-Rückspiel des Uefa-Cups gegen Valencia musste der KSC 1993 ein 1:3 wettmachen. Sie schafften es tatsächlich. Im Magazin "11 FREUNDE" berichtet der treffsichere Stürmer, wie er zum "Euro-Eddy" wurde.


Was für eine verrückte Woche! Am Freitag hatte ich einen schweren Autounfall. Ich kam von der Fahrbahn ab und überschlug mich – einmal, zweimal, dreimal, viermal. Ob das was zu bedeuten hatte? Zum Glück hatte ich nur einen Schnitt am Ohr und konnte im Uefa-Cup gegen den FC Valencia spielen. Im Hinspiel in Spanien waren wir richtig vorgeführt worden. Penev, Mijatovic, mein Gott! Was für Fußballer! Dieses Kurzpassspiel! Ruckzuck lagen wir 0:3 hinten. Allein der überragende Oliver Kahn bewahrte uns vor Schlimmerem.

Aber dann, kurz vor Schluss, traf ich mit einem Kopfball zum 1:3. Das war die Wende. Schon in der Kabine hieß es: "Zu Hause hauen wir die weg!" Das war zwei Wochen lang unsere Parole. Wir waren eine Mannschaft, die das Heft selbst in die Hand nehmen konnte. Mannschaftsgeist bedeutet ja keineswegs, dass man sich Tag und Nacht in den Armen liegt. Es ist sehr abhängig von den Einzelspielern.

Auch in dieser Phase war der Olli Kahn sehr wichtig. Er war damals schon ein großer Motivator. Ein weiterer wichtiger Spieler in dieser Karlsruher Mannschaft war der Wolfgang Rolff. Wir nannten ihn "Wolle". Er war einerseits ruhig, andererseits ein Macher, ein Antreiber. Mit ihm im defensiven Mittelfeld zogen wir ein Spiel auf, von dem Ottmar Hitzfeld einmal sagte: "Das ist kein Forechecking mehr, das ist schon Krieg."

Das hatten wir drauf, und der Winnie Schäfer machte uns mit seiner Kabinenpredigt vor dem Rückspiel am 2. November 1993 im Wildpark noch mal so richtig heiß. "Das schaffen wir! Wir schaffen das!", rief er immer wieder. Er hatte sich zu uns gemogelt, denn eigentlich war er gesperrt worden und durfte nicht bei uns sein. Plötzlich gab es Alarm: "Da kommt jemand von der Uefa." Schnell versteckte der Winnie sich hinter der Kabinentür und hängte sich eine Winterjacke über den Kopf.

KSC-Goalgetter Schmitt: "Das Spiel meines Lebens"
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KSC-Goalgetter Schmitt: "Das Spiel meines Lebens"

In der Konzentration hat uns diese Situation so gut wie nicht gestört, im Gegenteil: Kaum war das Spiel angepfiffen, haben wir mit vier, fünf Angreifern den Mittelkreis gestürmt. Die Spanier hatten Angst, das haben wir sofort gemerkt. Nachdem ich in der 29. Minute das 1:0 erzielt hatte, spielten wir uns in einen Rausch. Das Publikum hat uns getragen. 33.000 Menschen waren da, obwohl nur 25.000 erlaubt waren. Alle sangen "Viva España!".

Ich war so in das Spiel vertieft, mir wurde erst hinterher klar, dass wir gerade Geschichte schrieben. Der Rainer Schütterle schoss das 2:0, und ich traf ein weiteres Mal vor der Halbzeit. Aber das hat uns nicht gereicht. Direkt nach Wiederanpfiff hat Valeri Schmarow das 4:0 gemacht. Immer weiter, immer weiter! Sogar der Slaven Bilic war noch erfolgreich, und am Ende stand es 7:0 für uns. 7:0! Ich hatte viermal getroffen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal – für jeden Überschlag ein Tor. So bin ich zu "Euro-Eddy" geworden.

Jörg Dahlmann von Sat.1 hat mir diesen Spitznamen noch während des Spiels verpasst. Ich habe ihm alle Ehre gemacht: Beim 3:0 gegen Girondins Bordeaux in der nächsten Runde erzielte ich zwei weitere Treffer. Sogar für die WM in den USA war ich im Gespräch, als möglicher Ersatz für Rudi Völler. Daraus ist leider nichts geworden, aber ich muss trotzdem sagen: Ich habe jeden Tag in diesem wunderbaren Beruf genossen. Und das 7:0 gegen Valencia war ganz klar das Spiel meines Lebens. Einmal kam ein alter Mann in der Fußgängerzone auf mich zu – und küsste mich auf die Wange! Dann nahm er meine Hand und sagte: "Herr Schmitt, ich danke Ihnen, dass ich das noch erleben durfte!"

Protokoll: Dirk Gieselmann



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