Uefa-Cup-Pleite Wiese blamiert Werder

Zweimal hat Werders Torwart Tim Wiese beim Uefa-Cup-Achtelfinale in Glasgow böse daneben gegriffen. Später schob er die Schuld auf die "Scheiß-Pille", die "so komisch fliegt". Doch es war nicht der erste Patzer des selbsternannten Nationalkeepers.

Aus Glasgow berichtet


Geschichte wiederholt sich nicht? Es war ein prickelndes Champions-League-Achtelfinale im Turiner Stadio delle Alpi, fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 7. März 2006. Bis zur 88. Minute hatte Bremens Torwart Tim Wiese gegen Juventus klasse gehalten, es stand 1:1, als er kurz vor Schluss nach einer überflüssigen Showeinlage dem Brasilianer Emerson den Ball vor die Füße rollen ließ und mit dem folgenden Tor Juventus damit das Weiterkommen ermöglichte. "Seitdem habe ich gelernt, dass man nicht abheben darf und immer konzentriert sein muss", beteuerte der Tormann danach. Irgendwie wäre es gut gewesen, Wiese hätte sich gestern daran erinnert.

Denn Geschichte im Fußball wiederholt sich offensichtlich doch – anders sind zwei unfassbare Wiese-Aussetzer bei der 0:2 (0:1)-Niederlage im Hinspiel des Uefa-Cup-Achtelfinales bei den Glasgow Rangers kaum zu erklären. "Es ist eigentlich nichts passiert und wir liegen doch zur Halbzeit 0:1 hinten", erklärte Trainer Thomas Schaaf später in den Katakomben des Ibrox-Park entgeistert – und jeder wusste, was gemeint war, als der Trainer anfügte: "Ich weiß nicht, warum solche Fehler passieren, aber leider passieren sie."

Es war ein mildes Statement des Fußball-Lehrers angesichts der Ereignisse, die den Bundesligisten um die Weiterbeschäftigung auf internationaler Bühne bringen könnten. "Wir brauchen zwar kein Wunder, aber wir werden schon ein ganz großes Spiel abliefern müssen, um das Ding noch zu drehen", sagte Sportchef Klaus Allofs mit Blick auf das Rückspiel am 13. März. Zumal nicht nur Wiese, sondern das gesamte Team eine miserable Vorstellung geboten hatte. "Wir haben gegen keine überragende Rangers-Mannschaft verloren. Das war zu wenig – nicht nur international", mäkelte Allofs. Zur Causa Wiese sagte der 51-Jährige mit zerknirschter Miene: "Er hat gegen Braga maßgeblich dazu beigetragen, dass wir weitergekommen sind. Jetzt hat er dafür gesorgt, dass wir auf die Verliererstraße geraten sind."

Obwohl es bewegte Live-Bilder nur im Werder-TV via Internet gab, werden die Szenen aus der 45. und 47. Minute wohl noch oft gezeigt werden. Denn sie stehen symbolisch für das Versagen eines Schlussmannes mit dem Hang zur Selbstdarstellung, der sich seit jeher für gut genug hält, das Tor der Nationalmannschaft zu hüten - dem allerdings immer mal wieder eine fatale Mixtur aus Unkonzentriertheit und Schludrigkeit zum Verhängnis wird.

Was war passiert? In der 45. Minute gab Rangers-Mann Daniel Cousin eher aus Verzweiflung einen Fernschuss ab – 30 Meter, freie Sicht, hoch angesetzt. Doch die Kugel bekam der Keeper im violetten Jersey einfach nicht zu packen, das Nachfassen des Modellathleten missriet zum Akt der Hilflosigkeit.

"Dumm gelaufen"

Der Schütze, ein 31-jähriger Franzose, konnte es wie 51.000 Augenzeugen kaum fassen, dass Ball samt Ballfänger plötzlich hinter der Linie zappelten – höhnisches Gelächter dröhnte durch das Stadion. Damit aber nicht genug: Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen und hatte erneut Cousin nach einem Ballverlust von Daniel Jensen flach abgezogen, boxte Wiese den Ball mit beiden Fäusten im Stile eines verhinderten Volleyballers nach vorne, Steven Davis grätschte die Kugel dankend über die Linie (47.). Fassungslosigkeit beim grün-weißen Anhang unter Exit 7 und 8, Kopfschütteln des Keepers, der ungewohnt sprachlos wirkte.

Direkt nach dem Duschen entschwand Wiese dann im Bus, doch schließlich konnte ihn Werders Pressesprecher Tino Polster doch noch bewegen, Stellung zu beziehen. Also versuchte der Torwart mit leiser Stimme zu erläutern, was da passiert war: "Das Ding flattert ganz schön, er flutscht mir durch die Finger, ich dachte, er ditscht auf die Latte, doch dann ist er drin." Pause. "Dumm gelaufen. Es hat nicht sollen sein. Ein Torwart darf sich keine Fehler leisten. Es gibt solche Tage." Dann analysierte Wiese, dass Fehler zwei ursächlich mit Fauxpas eins verknüpft gewesen sei. "Den zweiten muss ich festhalten. Das wäre sonst nicht passiert."

Das klang vernünftig. Doch dann schwadroniert Wiese, der privat gerne große Modellhubschrauber steuert, plötzlich vom unbekannten schottischen Flugobjekt, dieser "Scheiß-Pille, die komisch fliegt". Immer wieder entfuhr dem 26-Jährigen im Stakkato der Erklärungsversuche nun das Wort "Scheiße", wahlweise auch "alles Scheiße". Seine Stimme stockte. Man merkte: Diesen Fehler steckt er nicht so einfach weg. Wo er sich doch im Februar nach drei gehaltenen Elfmetern binnen vier Tagen – in der Bundesliga beim FC Bayern und im Uefa-Cup gegen den SC Braga – als Kandidat für die Nationalmannschaft positioniert hatte. Wobei Wiese sich schon damit abgefunden hat, nie nominiert zu werden - aber gern betont, dass er aufgrund seiner konstanten Leistungen eigentlich der wahre Nationalkeeper ist

Jetzt sagte Wiese zu seinen Zukunftsplänen nur noch: "Ich muss nach vorne schauen. Und jetzt zu Null spielen."

Da wird es dem Torwart recht sein, schon am Samstag beim VfB Stuttgart wieder spielen zu dürfen. Bereits am Freitagmorgen brachte der Charterflieger die grün-weiße Entourage direkt ins Schwabenland. Das eigentlich geplante Training in der Nähe von Glasgow ließ Schaaf wegen der schlechten Platzverhältnisse ausfallen. Stattdessen wird die Regeneration für das Gastspiel beim Deutschen Meister ab Freitagnachmittag auf deutschem Boden vorangetrieben. Fahrt zum Hotel nach Sindelfingen, leichtes Training, Abendessen, Bettruhe.

Keine 41 Stunden liegen zwischen Abpfiff im Ibrox-Park und Anpfiff im Gottlieb-Daimler-Stadion. "Ich will ja nicht jammern", sagt Allofs, "aber zweimal hintereinander zwei Auswärtsspiele im Donnerstag-Samstag-Rhythmus zu spielen, ist schon ein Wettbewerbsnachteil. Wir haben aber nicht die Möglichkeit, nicht anzutreten." Oder ohne Torwart anzutreten.



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