Ukraine-Länderspiel in Krakau 57 verkaufte Karten

Das gab es noch nie in Europa: Aus politischen Gründen verzichtete die Ukraine auf ihr Heimrecht im WM-Qualifikationsspiel gegen Kosovo. Die Partie wurde nach Polen ausgelagert - und fand vor einer Geisterkulisse statt.

Thilo Neumann

Aus Krakau berichtet Thilo Neumann


Andrej Schewtschenko, Cheftrainer der ukrainischen Nationalmannschaft, hatte gerade bei sieben Grad Celsius und Nieselregen den Rasen des Jozef-Pilsudski-Stadions im polnischen Krakau betreten, als ein Reporter aus dem Kosovo sein Handy zückte und ihm den Weg versperrte: "One photo, Mister Schewtschenko?" Der frühere Weltkassefußballer nickte stumm, setzte sein berühmtes melancholisches Lächeln auf und blickte, halb genervt, halb gequält, in die Smartphone-Kamera.

Es war eine Szene, die das historische Ereignis am Sonntagabend aus ukrainischer Sicht gut beschrieb: Die Ukraine spielte in der WM-Qualifikation gegen das Kosovo - ähnlich wie ihr Trainer hatten auch Schewtschenkos Spieler beim 3:0-Sieg Schwierigkeiten mit den Südosteuropäern. Und auch für den Verband war das Heimspiel in der Fremde, knapp drei Autostunden entfernt von der ukrainischen Grenze, eine eher unangenehme Sache.

Wie es dazu kam? Die Ukraine hat das Kosovo bis heute nicht als Staat anerkannt. So wie mehr als 80 weitere Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, die der Republik den Status als unabhängiges Land verweigern. Aufgrund dieser politischen Lage werden keine Repräsentanten der Balkan-Republik auf ukrainischem Boden empfangen, also auch nicht die Delegation des kosovarischen Fußballverbands FFK.

Sportlicher Zwang und politischer Wille

Dieser war im Mai von der Uefa mit 28:24 Stimmen in die europäische Fußballfamilie gewählt worden - unter heftigem Protest Serbiens und ohne Zustimmung der Ukrainer. Wenige Wochen später wurde das Kosovo auch als Fifa-Mitglied bestätigt. Der nächste logische Schritt: die Eingliederung in eine der damals bereits feststehenden WM-Qualifikationsgruppen. Der Weltverband entschied sich für Gruppe I, mit der Ukraine. Was die dortigen Fußballfunktionäre in Bedrängnis brachte.

Gefangen zwischen sportlichem Zwang und politischem Willen begab sich der ukrainische Verband auf die Suche nach einer Lösung - und fand sie in Krakau. So wurde im Stadion des Erstligisten Cracovia am Sonntagabend Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal verzichtete ein europäischer Verband in einem Pflichtspiel aus politischen Gründen auf sein Heimrecht.

Die polnischen Sicherheitsbehörden reagierten skeptisch auf die unverhoffte Sonntagabendunterhaltung. Ihre Befürchtung: Ukrainische Fans könnten zusammen mit polnischen Hooligans protestieren, im Zweifel gewaltsam. Es könne zu Ausbrüchen von "aggressivem Nationalismus" kommen, warnte FARE, ein Netzwerk von Fußballfans, das sich gegen Rassismus einsetzt.

Aus Sorge vor Ausschreitungen wurde der Zutritt zum Stadion begrenzt. Obwohl das Stadion mehr als 15.000 Zuschauer fasst, wurden nur 999 Tickets für die Partie ausgegeben: 792 für ukrainische, 150 für kosovarische Fans. Die restlichen 57 Karten wurden eine Stunde vor Anpfiff aus einem Kassenhäuschen auf dem Stadionvorplatz verkauft. Dutzende Interessierte gingen leer aus - unter ihnen viele Ukrainer, die per Billigflieger aus Kiew oder per Auto aus dem grenznahen Lwiw gekommen waren, in der Hoffnung, ihre Mannschaft unterstützen zu können.

"Die Politik interessiert uns nicht"

Die, die draußen bleiben mussten, verpassten ein munteres Spiel mit Vorteilen für die "Heimelf" und ohne Zwischenfälle auf den Rängen. Die Kosovaren kämpften aufopferungsvoll, kassierten aber den Rückstand, ein Schuss des Ex-Stuttgarters Artem Krawez wurde unhaltbar abgefälscht (31. Minute); kurz vor dem zweiten Treffer durch Andrij Jarmolenko (81.) vergab der Kosovare Bernard Berisha die größte Chance zum Ausgleich, als er aus sechs Metern an der Latte scheiterte. Nach dem dritten Gegentor durch Ruslan Rotan (87.) schlichen die Gäste enttäuscht in die Kabine, während die Ukrainer ihren Erfolg feierten - vor der handverlesenen Anhängerschaft.

Die Beteiligten gaben sich im Anschluss Mühe, die politische Dimension der Begegnung klein zu reden. "Die Politik interessiert uns nicht", sagte Kosovos Verteidiger Fanol Perdedaj von 1860 München, während er frisch geduscht und mit lädiertem Knöchel zum Teambus humpelte. "Sicher wurde im Vorfeld viel geredet, aber wir sind nun mal nur Sportler." Auch Ukraine-Trainer Schewtschenko sah in der Partie nicht mehr als "ein normales Fußballspiel" - das mit seinem ersten Sieg als Nationaltrainer endete.

Ganz sicher sind die drei Punkte jedoch noch nicht für Schewtschenko: Der serbische Verband geht vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas gegen die Aufnahme des Kosovo in die Fußball-Familie vor, für den 31. Oktober ist eine Anhörung angesetzt. Erst wenn Serbien scheitert, kann sich die Ukraine vorbehaltlos über den Sieg freuen. Vielleicht verhelfen die Punkte zur Teilnahme an der Endrunde 2018 in Russland. Einem Land, das seit zwei Jahren in einem bewaffneten Konflikt mit der Ukraine steckt.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Herkules67 10.10.2016
1. ukrainische Hooligans?
Da haben die polnischen Behörden wohl von sich auf andere Länder geschlossen. Natürlich hat jedes Land seine "Hooligans", aber die Ukraine ist im europäischen Fussball noch nicht mit einem Hooligan-Problem aufgefallen, ganz im Gegenteil zu den Polen (CL Legia vs. BVB), den Deutschen (WM Frankreich, EM in Lille gegen ukrainische Fans!!!), den Russen oder den Engländern. In der Ukraine kann man sich noch sicher sein als Fussball-Zuschauer, das klappt schon in der deutschen dritten Liga nicht mehr. Einfach nur anmassend diese Polen, interessant aber auch die Ausdrucksweise des Artikels, Proteste von ukrainischen Fans zusammen mit polnischen Hooligans???? Oje, in welcher Realität lebt den der Kommentator oder die polnischen Sicherheitsbehörden? Als ob sich Hooligans jemals mit Fans zusammen tun würden. Glückwunsch an die Ukraine für 3 Punkte, sollte Kosovo ausgeschlossen werden, (was ich mir nicht vorstellen kann), dann wird es da wohl eine 5er-Gruppe geben. Vor- und Nachteil für alle Beteiligten, gleicht sich also aus. Türkei ist weg vom Fenster, Finnland ebenso, also Kroatien, Island oder die Ukraine, das dürfte spannend werden.
tombrok 10.10.2016
2.
Informieren hilft! Kiew-Fans sind schon diverse Male in europäischen Fussball negativ aufgefallen, belegbar durch Geldstrafen und Teilausschlüssen der Fans seitens der UEFA z.b. in der Europa League. National ist das nochmal ein anderes, heftigeres Kaliber!
torflut 10.10.2016
3. wen juckt das?
Ein in jeder Hinsicht bedeutungsloses Spiel! Niemand will es politisch instrumentalisieren (gut so), kaum jemand wollte es sehen (traurig) und der zukünftige Weltmeister wird über diese Hürden (Teams) nicht stolpern... falls er sie überhaupt zu Gesicht bekommt.
WernerWeb 10.10.2016
4.
Keiner erwartet das der Staatspräsident oder sonstige Repräsentanten des Staates auf der Tribune sitzen, es handelt ich sich auch nicht um ein Aufeinandertreffen von Staaten sondern von Fußballverbänden. Insofern ist diese Politisierung des Fußball grundsätzlich abzulehnen und Verbände die aus diesen Gründen nicht zu Pflichtspielen antreten oder kein Heimstadion zur Verfügung stellen sollen von der FIFA ausgeschlossen werden.
fckw23 10.10.2016
5. 57 oder 999 Karten?
Laut Überschrift wurden 57 Karten verkauft, laut Artikel 999....was denn nun?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.