Von Peter Ahrens
Die Aussicht ist verlockend: Die besten Fußballer Europas im eigenen Lande, Sonnenschein, Public Viewing. Vier Wochen Feierlaune. So könnte das werden, wenn Deutschland als EM-Ausrichter für die Ukraine einspringen würde.
Am besten dies alles gleich wieder vergessen. So wird es nicht werden.
Wenn es eine Diskussion gibt, die das Wort "Gespensterdebatte" verträgt, dann die über eine Verlegung der Fußball-Europameisterschaft 2012. Die EM wird selbstverständlich in Polen und der Ukraine ausgetragen. Kein Verantwortlicher hat bisher nur im Ansatz über eine Verlegung nachgedacht. Das blieb Politikern der mittleren bis unteren Ebene wie dem Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, vorbehalten, der am Wochenende anregte, Spiele aus der Ukraine nach Deutschland oder Österreich zu verlegen.
Man kann über die Funktionäre des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) auch in Sachen Ukraine genug Kritisches anmerken. So hätte man sich von DFB-Seite schon weit früher ein offenes Wort zur Menschenrechtssituation im Co-Gastgeberland gewünscht. Bis vor einer Woche war aus dem deutschen Sport wenig bis gar nichts über die Haftbedingungen von Oppositionellen, über eingeschränkte Meinungsfreiheit und politischen Druck des Regimes in der Ukraine zu hören.
In der Frage der Verlegung trifft der DFB den richtigen Ton
Erst als Bayern-Präsident Uli Hoeneß am Wochenende im SPIEGEL seine Meinung kundgetan hatte, fühlten sich auch die Sportfunktionäre gezwungen, Stellung zu beziehen. Als sei ihnen erst jetzt, sechs Wochen vor Turnierbeginn, unvermittelt aufgegangen, dass es in der Ukraine mit den Menschenrechten nicht zum Allerbesten steht.
Dennoch: In der Frage einer möglichen Verlegung der EM treffen DFB und DOSB den richtigen Ton, ebenso unaufgeregt wie vernünftig. "Die Menschen in der Ukraine haben diese Europameisterschaft verdient", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach der "Bild"-Zeitung. Er sieht in der Austragung in der Ukraine sogar eine Chance, die Situation der Menschenrechte in dem osteuropäischen Land zu verbessern.
"Das Medienereignis bietet die einmalige Chance, neben der Berichterstattung über den Fußball auch die Missstände in der Ukraine anzuprangern", so Niersbach. Ob auch der DFB diese Rolle des Menschenrechtsanwalts aktiv wahrnehmen werde, ließ er allerdings offen.
Den Plan B gibt es bei jedem Fußball-Event
DOSB-Chef Thomas Bach bezeichnet die Forderung nach einer Verlegung als "geprägt von großer internationaler Respekt- und Instinktlosigkeit, weil sie über die Köpfe selbst des Mitgastgeberlandes Polen und der anderen europäischen Nationen hinweg erhoben wird".
Meldungen vom Wochenende über einen sogenannten "Plan B" der europäischen Fußball-Union Uefa, der Ukraine die EM kurzfristig wegzunehmen, sind denn auch nicht viel mehr als eine Medienblase. Der Kontinentalverband entwickelt für jedes große Fußballereignis einen Notfallplan - für den Fall einer Umweltkatastrophe oder eines Bürgerkriegs sowie bei unlösbaren finanziellen Problemen des Gastgeberlands. Aus Kreisen des Auswärtigen Amts heißt es, in den Verträgen zwischen Uefa und der Ukraine gebe es lediglich bei einem Kriegszustand eine Ausstiegsklausel.
Aber selbst bei einem solchen Szenario würde niemand in der Uefa daran denken, das Turnier kurzfristig nach Deutschland zu verlegen. Das hat der zuständige Uefa-Direktor Martin Kallen noch zuletzt deutlich gemacht. Dann werde das Turnier um ein Jahr auf 2013 verschoben - eine kurzfristige Verlegung in ein anderes Land sei rein logistisch nicht leistbar. "Das ist unmöglich. Das bekommt man in so kurzer Zeit gar nicht hin."
Der DFB hat dieser Tage übrigens beschlossen, auf eine Bewerbung um eine Austragung der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2020 zu verzichten. Niersbach begründete dies damit, dass "es auch das gute Recht anderer Länder ist, die Gastgeberrolle zu übernehmen".
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