Debatte um Ukraine: Das Gespenst von der EM in Deutschland

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Soll die Fußball-Europameisterschaft der Ukraine weggenommen werden? Politiker fordern eine Verlegung von Spielen nach Deutschland. Die Sportfunktionäre widersprechen. Tatsächlich wäre eine kurzfristige Verlagerung schon rein organisatorisch nicht denkbar.

EM-Stadion von Donezk: Verlegung ist kein Thema Zur Großansicht
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EM-Stadion von Donezk: Verlegung ist kein Thema

Die Aussicht ist verlockend: Die besten Fußballer Europas im eigenen Lande, Sonnenschein, Public Viewing. Vier Wochen Feierlaune. So könnte das werden, wenn Deutschland als EM-Ausrichter für die Ukraine einspringen würde.

Am besten dies alles gleich wieder vergessen. So wird es nicht werden.

Wenn es eine Diskussion gibt, die das Wort "Gespensterdebatte" verträgt, dann die über eine Verlegung der Fußball-Europameisterschaft 2012. Die EM wird selbstverständlich in Polen und der Ukraine ausgetragen. Kein Verantwortlicher hat bisher nur im Ansatz über eine Verlegung nachgedacht. Das blieb Politikern der mittleren bis unteren Ebene wie dem Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, vorbehalten, der am Wochenende anregte, Spiele aus der Ukraine nach Deutschland oder Österreich zu verlegen.

Man kann über die Funktionäre des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) auch in Sachen Ukraine genug Kritisches anmerken. So hätte man sich von DFB-Seite schon weit früher ein offenes Wort zur Menschenrechtssituation im Co-Gastgeberland gewünscht. Bis vor einer Woche war aus dem deutschen Sport wenig bis gar nichts über die Haftbedingungen von Oppositionellen, über eingeschränkte Meinungsfreiheit und politischen Druck des Regimes in der Ukraine zu hören.

In der Frage der Verlegung trifft der DFB den richtigen Ton

Erst als Bayern-Präsident Uli Hoeneß am Wochenende im SPIEGEL seine Meinung kundgetan hatte, fühlten sich auch die Sportfunktionäre gezwungen, Stellung zu beziehen. Als sei ihnen erst jetzt, sechs Wochen vor Turnierbeginn, unvermittelt aufgegangen, dass es in der Ukraine mit den Menschenrechten nicht zum Allerbesten steht.

Dennoch: In der Frage einer möglichen Verlegung der EM treffen DFB und DOSB den richtigen Ton, ebenso unaufgeregt wie vernünftig. "Die Menschen in der Ukraine haben diese Europameisterschaft verdient", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach der "Bild"-Zeitung. Er sieht in der Austragung in der Ukraine sogar eine Chance, die Situation der Menschenrechte in dem osteuropäischen Land zu verbessern.

"Das Medienereignis bietet die einmalige Chance, neben der Berichterstattung über den Fußball auch die Missstände in der Ukraine anzuprangern", so Niersbach. Ob auch der DFB diese Rolle des Menschenrechtsanwalts aktiv wahrnehmen werde, ließ er allerdings offen.

Den Plan B gibt es bei jedem Fußball-Event

DOSB-Chef Thomas Bach bezeichnet die Forderung nach einer Verlegung als "geprägt von großer internationaler Respekt- und Instinktlosigkeit, weil sie über die Köpfe selbst des Mitgastgeberlandes Polen und der anderen europäischen Nationen hinweg erhoben wird".

Meldungen vom Wochenende über einen sogenannten "Plan B" der europäischen Fußball-Union Uefa, der Ukraine die EM kurzfristig wegzunehmen, sind denn auch nicht viel mehr als eine Medienblase. Der Kontinentalverband entwickelt für jedes große Fußballereignis einen Notfallplan - für den Fall einer Umweltkatastrophe oder eines Bürgerkriegs sowie bei unlösbaren finanziellen Problemen des Gastgeberlands. Aus Kreisen des Auswärtigen Amts heißt es, in den Verträgen zwischen Uefa und der Ukraine gebe es lediglich bei einem Kriegszustand eine Ausstiegsklausel.

Aber selbst bei einem solchen Szenario würde niemand in der Uefa daran denken, das Turnier kurzfristig nach Deutschland zu verlegen. Das hat der zuständige Uefa-Direktor Martin Kallen noch zuletzt deutlich gemacht. Dann werde das Turnier um ein Jahr auf 2013 verschoben - eine kurzfristige Verlegung in ein anderes Land sei rein logistisch nicht leistbar. "Das ist unmöglich. Das bekommt man in so kurzer Zeit gar nicht hin."

Der DFB hat dieser Tage übrigens beschlossen, auf eine Bewerbung um eine Austragung der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2020 zu verzichten. Niersbach begründete dies damit, dass "es auch das gute Recht anderer Länder ist, die Gastgeberrolle zu übernehmen".

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Wichtige Diskussion
arti67 02.05.2012
Egal, wie die Diskussion auch ausgeht. Die angeregte Diskussion lenkt das Interesse auf die Lage in der Ukraine und das ist gut so. Man wünschte sich, das gewissen Formel1-Fahrer (Schumacher) und Verantwortliche bzw. Experten (Lauda) ähnlich gestrickt wären. Ich fand es erschreckend, wie man sich da über den GP in Bahrain und die Menschenrechtslage vor Ort äußerte. Immer schön raushalten, Sport ist Sport und Politik ist Politik. Wenn die Kohle stimmt, dann kann man auch ein Wettessen in Äthiopien oder Nordkorea veranstalten, Hauptsache RTL überträgt und es werden keine kritischen Fragen gestellt.
2. Blutspiele von Peking
norfair 02.05.2012
Das gleiche Argument, dass die Spiele zur Öffnung beitrügen, hat sich in China als nette, naive und zerstobene Hoffnung erwiesen. Wirklich treffen würde allein der Boykott. Dem DFB und den Sportfunktionären geht es nur um die eigenen Profite.
3.
Marinus_Ladegast 02.05.2012
Das Politiker sich jetzt melden, man solle EM-Spiele von der Ukraine nach Deutschland verlegen, zeugt von einer diplomatischen Trampeligkeit, die wirklich sprachlos macht. Jeder kann sich an drei Fingern abzählen, wie das die ukrainische Regierung ihren Bürgern verkaufen wird: "Die Deutschen reden von Menschenrechten, und in Wirklichkeit wollen die uns nur unsere EM wegnehmen und selber ausrichten." - Und bei manchem politischem Hinterbänkler, der sich jetzt zu Wort meldet, dürfte dieser Vorwurf gar nicht mal so weit hergeholt sein. Was kann man denn wohl daraus schließen, wenn die Boulevard-Blätter bei jedem Zweifel an der Ukraine die Schlagzeile "EM-Spiele in Deutschland?" hervorkramen? Es ist moralisch gerechtfertigt, sich über den Boykott einer Sportveranstaltung zu unterhalten, wenn im Veranstalterland grobe Verstöße gegen die Menschenrechte oder das Völkerrecht vorliegen. Wer würde bei einem Ehepaar im Wohnzimmer gemütlich beim Kaffee sitzen wollen, von dem weiß, dass es Zimmer nebenan seine Kinder sadistisch quält? Andererseits muss man aber festhalten, dass es außer bei den Olympischen Spielen 1936 keine Veranstaltung gab, bei der ein Boykott wirklich politische Veränderung garantiert hätte. Weder hat der westliche Boykott der Olympiade in Moskau 1980 zum Niedergang der UdSSR beigetragen, noch hat die Fußball-WM 1978 in Argentinien die dortige Militärjunta auf Dauer retten können. Wer fortbleibt, überlässt den dortigen Propagandisten das Feld. Kritisch begleitend teilzunehmen, ohne als Oberlehrer oder Kolonialherren aufzutreten - das wäre das Ideale. Und es ist die Aufgabe der Politiker und Journalisten - bitte kippt nicht 20jährigen Fußballern eure Arbeit vor die Füße.
4. ?
_meinemeinung 02.05.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSoll die Fußball-Europameisterschaft der Ukraine weggenommen werden? Politiker fordern eine Verlegung von Spielen nach Deutschland. Die Sportfunktionäre widersprechen. Tatsächlich wäre eine kurzfristige Verlagerung schon rein organisatorisch nicht denkbar. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,830873,00.html
Schalten unsere "Verantwortungsträger" auch mal ihr Hirn ein (soweit vorhanden), bevor sie ihr Gegeifer in die Medien spritzen? Man ist gerade dabei, das politische Verhältnis zur Ukraine auf Dauer zu beschädigen. Wenn das gewollt ist - Operation geglückt.
5. Sagen wir mal, was mich an dieser Diskussion
blaudistel 02.05.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSoll die Fußball-Europameisterschaft der Ukraine weggenommen werden? Politiker fordern eine Verlegung von Spielen nach Deutschland. Die Sportfunktionäre widersprechen. Tatsächlich wäre eine kurzfristige Verlagerung schon rein organisatorisch nicht denkbar. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,830873,00.html
- wieder einmal gewaltig - stört das ist die Tatsache dass Deutschland vorneweg prescht. Ob sich die Befürworter der Fussball-EM in Deutschland eigentlich klar sind was das für die ukrainischen Menschen bedeuten würde. Wie sehr sie dies kränken und verletzen würde? Denkt DARAN eigentlich auch nur eine Politikernase? Man kann doch gegen die Haftbedingungen der Frau Julia protestieren (wobei mir immer wieder auffällt dass die Rückendeckung durch die ukrainische Bevölkerung wohl ziemlich schwach ausfällt) aber wie gesagt: Man kann doch protestieren. Aber wie sieht denn die Realität aus? Frau Julia ist rechtskräftig verurteilt, die ukrainischen Ärzte lehnt sie ab. Also zieht sie eine medienwirksame Show ab um nach Deutschland zu kommen. Im Herbst sind Wahlen in der Ukraine, und ich bin bereit zu wetten dass DANN Frau Julia auf wundersame Weise genesen sein wird. Sozusagen eine politische Wunderheilung. Natürlich kann man die Haftbedingungen von Frau Timoschenko kritisieren. Aber den ukrainischen Menschen die EM wegzunehmen und nach Deutschland zu holen - das ist eine Sauerei. Ich möchte nicht mit dem Geschicht-Hammer winken aber gerade wir haben sehr viel Veranlassung uns etwas dezent zurück zu halten. Oder vielleicht nicht?
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Fotostrecke
Fußball-EM in der Ukraine: Hoeneß kritisiert ukrainische Regierung

Fläche: 603.700 km²

Bevölkerung: 45,553 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef einer Übergangsregierung: Arsenij Jazenjuk

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite

Die bisherigen EM-Gastgeber
1960: Frankreich (4 Teams) - Europameister: UdSSR
1964: Spanien (4) - Spanien
1968: Italien (4) - Italien
1972: Belgien (4) - Deutschland
1976: Jugoslawien (4) - CSSR
1980: Italien (8) - Deutschland
1984: Frankreich (8) - Frankreich
1988: Deutschland (8) - Niederlande
1992: Schweden (8) - Dänemark
1996: England (16) - Deutschland
2000: Belgien/Niederlande (16) - Frankreich
2004: Portugal (16) - Griechenland
2008: Österreich/Schweiz (16) - Spanien
2012: Polen/Ukraine (16) -
2016: Frankreich, Italien oder die Türkei (24) -