Steuersünder Hoeneß: Der Narzisst

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Der Uli Hoeneß, der sich vor Gericht wegen Steuerhinterziehung verantworten muss, scheint ganz anders als der Bayern-Präsident: vergesslich, dünnhäutig, unbeherrscht. Doch das Verhalten passt ins Schema. Denn der Narzisst Hoeneß kämpft nur um eines: Liebe.

Hoeneß-Bad in der Menge: Die Sucht, geliebt zu werden Zur Großansicht
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Hoeneß-Bad in der Menge: Die Sucht, geliebt zu werden

In der einen Welt ist Uli Hoeneß alles zugleich: oberster Befehlshaber und selbstloser Sozialarbeiter, erfolgreicher Geschäftsmann und gefühlsechter Fußballfan. Er bestimmt, was richtig und was falsch ist, er ist stark und selbstbewusst, er wird geliebt. Diese Welt hat sich Uli Hoeneß selbst gebaut, auf stabilen Pfeilern. Weit weg von dem Saal im Münchner Landgericht, in dem er sich dieser Tage wegen Steuerbetrugs in Millionenhöhe verantworten muss.

In der anderen Welt gibt es einen stickigen Raum voller Juristen, Journalisten und Zuschauer. Hoeneß ist darin weder Ankläger noch Richter. Er ist der Beschuldigte. "Ulrich H." nannten ihn viele überrascht und schadenfroh, als im vergangenen Jahr die Vorwürfe gegen den 62-Jährigen bekannt wurden. Es schien, als gebe es plötzlich zwei Uli Hoeneß: den omnipotenten Macher und den kranken Zocker, dem zuletzt alles unter den Händen zerrann.

Nur: Es gibt nicht zwei Welten. Es gibt nur den einen Hoeneß; einen, der beides zugleich ist, weil jede Seite die andere bedingt. Den Narzissten Uli Hoeneß. Seine Selbstverliebtheit nährt die außerordentliche Entwicklung des FC Bayern München ebenso wie die einst wuchernden Geldbeträge auf den Bankkonten in der Schweiz.

Psychodramatische Choreografie des Prozesses

Beobachter des ersten Verhandlungstags in München wollten nicht glauben, dass sich der sonst so selbstsichere und selbstgerechte Uli Hoeneß von seinem Anwalt zurechtweisen ließ: "Aber Herr Hoeneß, die Gäule gingen doch bei Ihnen durch! Wie ein Verrückter haben Sie telefoniert!", fuhr Verteidiger Hanns W. Feigen seinen Mandanten an, nachdem Hoeneß einen Einfluss der "Stern"-Recherchen auf seine Selbstanzeige verneint hatte.

In dieser kleinen Szene offenbarten sich Hoeneß' Persönlichkeit und die Choreografie des Prozesses. Denn es ist nicht anders denkbar, als dass Hoeneß und sein hochbezahltes Anwaltsteam sich im Vorfeld sehr genau überlegt haben, wie sie den Mandanten vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen lassen wollen: als einen guten Menschen, dem irgendwann die Kontrolle entglitt, als einen Getriebenen, der nicht mehr wusste, was mit seinem Geld passierte und deshalb keine Konsequenzen überriss.

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Fall Hoeneß: Die ersten Prozesstage
Ein vergesslicher Uli Hoeneß? Einer, der die Details seines Handelns nicht mehr erinnert? Wohl kaum. Auch wenn er vor Gericht immer wieder betonte, die Geschäfte seinem Devisenhändler anvertraut zu haben, und man gerne glaubt, dass er irgendwann überfordert war von der großen Finanzwelt: Uli Hoeneß ist nicht unzurechnungsfähig. Er ist berechnend.

"Sie wollten ihn zwar nicht zum pathologisch-steuerungsunfähigen Zocker stilisieren, dieses Bild hätte Hoeneß von sich nie zugelassen", sagt der forensische Psychiater Christian Kraus. "Aber Ziel war es, jeden davon zu überzeugen, dass er kein kaltblütiger Krimineller ist." So ist vermutlich die Reaktion Feigens zu deuten, der sich einerseits über den aus der Marschroute ausscherenden Hoeneß ärgerte, die Situation aber andererseits sofort mit Improvisationsgeschick dazu nutzte, den Angeklagten durch die Zurechtweisung menschlich wirken zu lassen.

Kampf um den Ruf als Gutmensch

Es ist bezeichnend, dass Hoeneß sich selbst in der für ihn scheinbar ausweglosen Situation nicht voll und ganz auf einen anderen verlassen kann, sogar Ratschläge missachtet. "Es hat das Gefühl, dass er auch in so einem Moment noch das Zepter in der Hand hat", sagt Kraus, "er kann nicht anders. Seine Überheblichkeit und Unbelehrbarkeit verbieten es ihm."

Der Psychiater Kraus hat sich lange Zeit mit den narzisstischen Wesenszügen Uli Hoeneß' beschäftigt, in der kürzlich erschienenen Biografie über den Bayern-Präsidenten (Peter Bizer: "Uli Hoeneß - Nachspiel") bildet sein Aufsatz über "Die Gier nach Größe" den Abschluss. Darin heißt es: "Narzissten sind oft betriebsame oder getriebene Menschen. Zur Ruhe kommen fällt ihnen schwer." Sie wollen ihr Handeln stets selbst bestimmen, Kontrolle ausüben über alles, was um sie herum geschieht, und dafür bewundert und anerkannt werden.

So ist es nur logisch, dass Hoeneß seit dem vergangenen April jegliches Reden und Denken über sich beeinflussen will - in eine Richtung, die ihn als den herzensguten Menschen erscheinen lässt, als den er sich am liebsten sieht. Bereits im ersten Interview nach Bekanntwerden der Vorwürfe, es war ein ausführliches Gespräch in der "Zeit", nutzte er den Raum, um sich selbst als Opfer seiner Sucht zu inszenieren. "Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert", sagte er.

Die Inszenierung

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Sein Sohn Florian, bei dem Gespräch ebenfalls anwesend, übernahm damals die Rolle, die im Prozess Anwalt Feigen zukommt: Hoeneß in die Nähe der Willenlosigkeit zu rücken. "Ich darf sagen, dass die Familie das anders sieht", warf Florian Hoeneß ein. Ein redaktionell überarbeitetes und autorisiertes Interview ist nicht gleichzusetzen mit dem Geschehen vor Gericht, doch die Parallelen sind erstaunlich. Damals wie heute versuchen Hoeneß und seine Vertrauten, seinen Ruf zu retten und zu beweisen, dass der wahre Uli Hoeneß kein Krimineller ist. "Nichts ist schlimmer für einen Narzissten wie ihn, als nicht mehr geliebt zu werden. Das ist eine Sucht", sagt Christian Kraus. "Es ist ihm egal, ob er eine Millionen-Strafe zahlen muss. Solange sein Ansehen nicht leidet."

"Das Stadion ist seine Trutzburg"

Hoeneß hat seit dem vergangenen April viel getan für sein Ansehen. Er hat in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, wie viel er für wohltätige Zwecke gespendet hat; etwas, was er zuvor allenfalls beiläufig erwähnte. Er hat sich mit den Fans getroffen, ihnen sogar Geschenke gemacht, als er um ihre Gunst fürchten musste. Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern ließ er sich von den Vereinsmitgliedern feiern, bis die Tränen flossen. Während des Prozesses besuchte er das Champions-League-Spiel der Münchner gegen Arsenal, um Nähe zum Fußball und zum Verein herzustellen, um zu zeigen: Ich bin's doch nur, euer Uli.

Peter Bizer, Autor der Hoeneß-Biografie, sagt: "Das Stadion ist seine Trutzburg, es ist seine Welt. Er hoffte, dort die Sympathien zu finden, die er so dringend braucht." Bizer, der vor 40 Jahren sein erstes Buch über Hoeneß schrieb, belächelt dieses Verhalten als "kindlich", er sagt: "Hoeneß hat jedes Maß verloren. In seinem Kopf herrschen andere Kriterien." Die Maßlosigkeit hat ihn unersättlich werden lassen - und erfolgreich.

"Das Gefühl, jemand Besonderes zu sein, rechtfertigt besondere Regeln und Moralvorstellungen", schreibt der Psychiater Kraus über Narzissten. Uli Hoeneß bestätigte diesen Wesenszug mit seiner Aussage vor Gericht: "Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich bin kein schlechter Mensch." Dass der gute Mensch nun ins Gefängnis muss, wird er wohl nicht verstehen.

Mehr zur Persönlichkeitsstruktur Uli Hoeneß' können Sie in Peter Bizers Buch "Uli Hoeneß - Nachspiel" lesen.

Buchtipp

Mitarbeit: Aimen Abdulaziz-Said

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insgesamt 150 Beiträge
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1.
thomas_gr 13.03.2014
Einfach auch so sein wie man wahrgenommen werden möchte, dann klappt es auch mit der Zuneigung.
2.
pmeierspiegel 13.03.2014
die hobbypsychologen maschieren auf. was für ein armutszeugnis. aber leute die im leben selber nichts auf die reihe bekommen haben, weiden sich natürlich am hoeness und schlagen munter drauf.
3. .
didi1222 13.03.2014
sehr guter Beitrag! ...sehe ich, auch wenn sich mein fachärztliches Wissen in Grenzen hält, auch so. Aber ist er nun ein schlechter charakterloser Mensch ? - oder vielleicht doch nur krank ? ..und wie soll jetzt da ein Richter urteilen???
4. Psycho
tomsailor 13.03.2014
Viele Vermutungen und Interpretationen! Aber es kann auch alles ganz anders gewesen sein. Was ist denn mit den Hintermännern die mit gezockt haben?
5. Ball
ioamin 13.03.2014
flach halten und nicht gleich übertreiben !
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