Bayern-Präsident Hoeneß: Der Schein-Heilige vom Tegernsee

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Uli Hoeneß: Ein Leben für den FC Bayern Fotos
AFP

Uli Hoeneß nennt sich selbst einen "Zocker" - jetzt steht der Bayern-Präsident unter dem Verdacht der Steuerhinterziehung. Aber warum tut einer sowas, der alles erreicht hat im Leben? Warum riskiert ein begnadeter Manager seinen Ruf? Es begann mit fünf Pfennigen in einer Metzgerei.

Hamburg - All jene, die glaubten, dass Uli Hoeneß so etwas wie der Dalai Lama vom Tegernsee war, eine Lichtgestalt, fähig, die Probleme der modernen Welt mit gesundem Menschenverstand und einer Portion Schweinsbratwürsten zu lösen, hätten sich vielleicht mal den Swimming Pool ansehen sollen, den Hoeneß auf sein Anwesen hoch über Bad Wiessee bauen ließ. Er zeigt auf dem Boden einen schnaubenden Bullen und einen Bären - die Symbole der Börse.

Selbst wenn man Hoeneß mochte: Der Pool war peinlich. So baden Oligarchen. Menschen, die mit ihrer Gier aus Kohle noch mehr Kohle machen wollen. Wenn der vermeintlich Heilige vom Tegernsee seine Konten ansah, wusste er, er schwamm im Geld. Aber er wollte offenbar auch noch symbolisch darin planschen. Wie ein Baby in einer warmen Wanne. Wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher.

Uli Hoeneß hatte immer ein besonderes Verhältnis zum Geld. Im Jahr 2000, so Stand der Ermittlungen heute, soll ihm der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus fünf Millionen Mark auf ein Konto in der Schweiz bei der in Zürich ansässigen Bank Vontobel eingerichtet haben, für weitere 15 Millionen soll er gebürgt haben. Louis-Dreyfus und Hoeneß waren börsenverrückte Zocker. Die Gelder scheinen sauber gewesen zu sein. Die Rendite, die er dafür bekam, war es wohl nicht mehr - Hoeneß hätte dafür in Deutschland Kapitalertragsteuer bezahlen müssen.

Warum tut einer sowas? Warum riskiert jemand, dem bislang im Leben alles gelang, der als erfolgreichster Fußballmanager der Welt gilt, der eine zweite Karriere als Fleischfabrikant sein Eigen nennt, der Häuser hat an der Cote d'Azur, in Lenzerheide und am Tegernsee, ein Mann, der in den vergangenen 20 Jahren rund 50 Millionen Euro Steuern gezahlt hat und seine mit 30.000 Euro dotierten Vorträge immer einem guten Zweck spendet, warum riskiert jemand seinen Ruf, seine Position im Verein und möglicherweise eine Freiheitsstrafe - nur um noch mehr Geld zu horten, und schädigt damit Menschen finanziell, denen er täglich ein Vorbild sein will?

100 Meter in elf Sekunden

Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Aber die einfachste und klarste, jene, die Uli Hoeneß wohl selbst in einem lichten Moment gegeben hätte, lautet: weil er es konnte.

Bei seinem Aufstieg vom Sohn eines Metzgerehepaares in Neu-Ulm zum deutschen Supermanager hat es Hoeneß manchmal nicht so genau genommen mit den Regeln. Für ihn, so scheint er es gesehen zu haben, galten im Zweifelsfall andere Gesetze.

Er lief die 100 Meter in elf Sekunden, aber er musste nicht zur Bundeswehr, weil ihm das Helmtragen laut Gutachten Kopf und Knieschmerzen verursachte. 1972, längst im Profikader des FC Bayern, behielt er den Amateurstatus bei, weniger aus sportlichen Idealen, sondern weil er hoffte, dass sich die mit einer Olympia-Teilnahme gewonnene Popularität "nach den Spielen auszahlen wird".

Ein Jahr später heiratete Hoeneß am Tegernsee und bot seine Hochzeit den Medien an - für 75.000 Mark. Eine Premiere im deutschen Fußball. Sogar Franz Beckenbauer, der für eine Autogrammstunde 5000 Mark verlangte, knirschte mit den Zähnen. "Ich verdiene auch gern Geld", sagte Beckenbauer, "aber nie mit der Verbissenheit, die man heute gerade bei jungen Spielern oft sieht. Ich habe zu Uli gesagt: 'Pass auf, ich glaube, du machst einen Fehler.'"

Wenn fünf Pfennige fehlten, dann wurde die Metzgerei durchsucht

Hoeneß wollte nicht hören. Auch als Weltmeister und Europapokal-Sieger holte er sich noch am Sonntagmorgen zum Frühstück Touristengruppen nach Hause, denen er gutgelaunt Leberkäse servierte. Gegen Entgelt natürlich. Es war die schwäbische Aufsteiger-Mentalität, die sein Mannschaftskollege Udo Horsmann einmal eindringlich beschrieben hat. Wenn in der Metzgerei Hoeneß, so Horsmann, bei der Endabrechnung fünf Pfennig in der Kasse fehlten, dann wurde die Metzgerei abgeschlossen und so lange gesucht, bis das Geld wieder da war.

Der sagenhafte Erfolg, den sich Hoeneß in den folgenden zwei Jahrzehnten erarbeitete, veränderten sein Leben, weniger anscheinend aber seine Fixierung auf das Geld.

Hoeneß trug bereits in den neunziger Jahren in der Hosentasche Geräte, die ihm die neuesten Kurse anzeigten, bei den Schafkopfrunden im Mannschaftsbus gehörte er zu den Stammspielern. Es ging immer um Geld, und im Jahr 2000, jenem Jahr, in dem Hoeneß sein Zockerkonto in der Schweiz angelegt haben soll, hatte jener Zeitgeist, dass man an der Börse angeblich schnell und nachhaltig reich werden konnte, fast das ganze Land erfasst. Aktien galten als schick und idiotensicher. Die Bayern-Kabine war auf einmal voll von Investoren.

Alle Alarmanlagen hätten rot blinken müssen

Hinzu kommt, dass viele Fußballer das Finanzamt als Naturplage betrachten. Die erste Halbzeit spiele man sowieso nur für die Steuer, hat Hoeneß vor einem halben Jahr noch bei Günther Jauch mit Empörung in der Stimme erklärt. Und anscheinend zieht man es vor, wenn es geht, diese erste Halbzeit etwas zu verkürzen. Wie Franz Beckenbauer, der in Österreich versteuert, wie Günter Netzer, der zeitweise in der Schweiz wohnte, wie inzwischen sogar der Fußballreporter Waldemar Hartmann, der ebenfalls den Schutz der eidgenössischen Berge und Seen suchte. Am deutschen Fiskus etwas vorbeizuschieben, das galt im Kickermilieu lange Zeit als Kavaliersdelikt, männlich, sportlich, riskant, so wie den Blitzern zum trotz mit Vollgas über die A8 zu brettern. "A Hund is er scho", wie man sich an Stammtischen anerkennend zuraunte, wenn wieder einer erwischt wurde.

Spätestens seit dem Ankauf der ersten Steuer-CD, allerspätestens seit den eineinhalb Jahren mit Bewährung für den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel hätten bei Uli Hoeneß alle Alarmanlagen rot blinken müssen. Aber er änderte nichts. Er ließ es laufen, wie ein Trainer, der glaubt, dass sich ein verlorenes Spiel noch in der 89. Minute drehen lässt.

Der Alarm blinkte weiter, auch als sich Hoeneß mit Hilfe der Medien zur großen moralischen Ausnahmeinstanz der vergangenen Jahre küren ließ. Der Halbgott von der Säbener Strasse. Zweifelsohne hat er diese gewinnende, großzügige, fürsorgliche, sentimentale, herzliche Seite, aber der erfolgsversessene Zocker, der immer auf Sieg spielt, war immer noch da. Katholische Doppelmoral, bayerischer Barock plus moderner Wahnsinn? Mindestens, wenn nicht mehr.

Wie das alles ausgeht? Muss er ins Gefängnis? Bekommt er eine Bewährungsstrafe? Kann er sich am Ende sogar als Präsident halten? Völlig offen. Moralische Ratschläge jedenfalls kann sich der Uli, wie ihn zuletzt viele vertrauensvoll nannten, als wäre er ein guter Freund, fürs Erste sparen. Hoeneß ist schwer angeschlagen, aber er ist ein Kämpfer. Man muss mit allem rechnen.

Der Letzte, der so dumm und unnötig ins Taumeln kam, war Bill Clinton mit Monica Lewinsky. Keiner hätte damals mehr auf ihn gewettet - und seine moralischen Ratschläge.

Clinton hat sich entschuldigt, er hat nicht die Anwälte sprechen lassen, er hat Worte gefunden, die die Menschen verstehen, seine Worte, und als dieses Jahr Obama am Boden lag, war es Clinton, der ihm mit seiner großartigen Rede beim Parteitag der Demokraten den Wahlsieg wieder möglich machte.

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insgesamt 249 Beiträge
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1.
neoliberaler 23.04.2013
Der Galgen für UH steht bereit, das Volks wird ihm das nicht verzeihen, Wasser predigen, Wein, nein, Champagner schlürfen, wird Zeit das Uli bei Paolo Pinkel (alias Michel Friedman) antritt und sich rechtfertig, das trägt schon soziopathische Züge beim juuuten Uli, die Parameter der Checkliste von Dr. Hare erfüllt er mMn auch. Ein Blender und Heuchler, bin sehr gespannt was noch alles weitere auftaucht, Steuerhinterziehung ist ganz sicher nicht sein einziges Delikt... Wie schon in Transfermarkt.de bei den Gerüchten aufgetaucht: Uli nach Stadelheim, 90 %, Quelle: Breno
2.
intenso1 23.04.2013
Zitat von sysopDPAUli Hoeneß nennt sich selbst einen "Zocker" - jetzt steht der Bayern-Präsident unter dem Verdacht der Steuerhinterziehung. Aber warum tut einer sowas, der alles erreicht hat im Leben? Warum riskiert ein begnadeter Manager seinen Ruf? Es begann mit fünf Pfennigen in einer Metzgerei. http://www.spiegel.de/sport/fussball/uli-hoeness-der-zocker-vom-tegernsee-a-895885.html
Er, der Bayern-Präsident Uli Hoeneß, steht nicht unter Verdacht der Steuerhinterziehung sonder er hat durch seine Selbstanzeige die Steuerhinterziehung bereits eingestanden. Die Selbstanzeige hat er des wegen gemacht um eine strafrechtliche Ahndung zu entgehen. Wäre der Vertrag zwischen der CDU/CSU, FDP und der Schweiz zu Stande gekommen hätte es auch keine Selbstanzeige gegeben und Herr Hoeneß aber nicht nur er hätte viele Euro eingespart.
3. optional
hansmaus 23.04.2013
Ich verstehe es immer noch nicht, was haben die Leute und die Medien denn jetzt auf einmal an Hoeneß gefressen??? Ich mein Steuerhinterziehung ist doch vollkommen ok, Otto Graf Lambsdorf Zumwinkel und wie sie alle heißen, das ist doch heute kein Verbrechen oder Delikt mehr, sowas sitzt man aus und gut is. Auf einem Behindertenparkplatz parken ist schlimmer als Steuerhinterziehung... so wurde es doch die letzten Jahrzehnte seitens der Öffentlichkeit, Justitz und der Presse gehandhabt. warum jetzt also so ein Aufstand? Das ein Vettel, Beckenbauer, schumacher wegen der Steuern nicht in Deutschland "wohnt" juckt ja auch kein Schwein
4. Warum?
spon_1873159 23.04.2013
Ist doch ganz einfach: Wenn man sieht mit welcher Unverfrorenheit Steuergelder in Banken, Tiefbahnhöfe, Flughäfen.....gesteckt werden, aber kein Geld für Kultur, für KiTas, für die schwachen da ist, warum sollte man diesem unfähig geführten Staat Geld geben?
5. Verhälnismassigkeit gefragt
materialist 23.04.2013
Was sind die Piepen die Hoeneß noch nicht mal nachgewiesen ebentuell unterschlagen hat gegen die Milliarden die unsere Politiker sinnlos verbraten?Sicher ist es nicht okay was er getan hat aber er ist nun nicht der grösste Verbrecher den es gibt.
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