Bayern-Präsident in der Özil-Debatte Hoeneß hat sein Gespür verloren

Mit seinen Attacken gegen Mesut Özil sorgt Uli Hoeneß wieder für Wirbel und Kopfschütteln. Nicht das erste Mal in jüngerer Vergangenheit.

Karl-Heinz Rummenigge (l.), Uli Hoeneß
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Karl-Heinz Rummenigge (l.), Uli Hoeneß

Von Florian Kinast und Christoph Leischwitz, München


Am Dienstagabend sprach auch Karl-Heinz Rummenigge. Es ging um die Aussagen von Uli Hoeneß zum Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft, als der Klub-Boss am Rande der PR-Tour durch die USA in Philadelphia sagte: "Ich bin immer nah an Uli Hoeneß dran. Ich glaube, er mochte den Spieler Özil nie so gerne. Und es ist ihm etwas auf die Nerven gegangen, dass daraus so eine Rassismus-Nummer gestrickt wurde."

So eine Rassismus-Nummer.

Richtig differenziert und reflektiert klang auch das nicht, genauso wenig wie am Montag die Erklärung des Präsidenten des FC Bayern, die nicht nur für mächtig Wirbel sorgte, sondern auch für Rätselraten. Denn tatsächlich musste man sich fragen: Hat Hoeneß verstanden, worum es in der wochenlangen Causa Özil überhaupt ging?

Faktische Fehler, hanebüchener Populismus

Das alles auslösende Foto mit Erdogan, das groteske Kollektivversagen der DFB-Spitze bis hin zu Özils dreiteiliger Online-Depesche samt Vorwürfen und Rücktrittserklärung aus der Nationalmannschaft am Sonntag. Es ging um aufwühlende Kontroversen, um heikle Themen wie Integration, Rassismus, um das mögliche Ende vom Mythos einer bunten Nationalmannschaft. Und da redet Hoeneß davon, dass Özil "seit Jahren einen Dreck gespielt" und keinen Zweikampf mehr gewonnen habe"? Abgesehen vom faktischen Fehler klang das sehr nach hanebüchenem Populismus.

Seit vier Jahrzehnten lenkt Uli Hoeneß nun schon die Geschicke des Vereins - unbestritten nicht nur seine Verdienste, aus einem schwer verschuldeten Klub einen wirtschaftlich gesunden und ertragreichen Großkonzern aufgebaut zu haben, sondern auch sein soziales Engagement, ohne dass er sich für jede gute Tat in den Medien feiern ließ, oft spendete er einfach geheim, ohne viel Aufsehen.

Aufsehen erregte er dafür lange Jahre mit seiner streitbaren Attacken-Abteilung. Ob man seine Meinung teilte oder nicht: Hoeneß hatte oft ein Gespür für gesellschaftliche Schwingungen, stieß neue Debatten an oder setzte eigene Akzente. Dieses Gespür scheint ihm inzwischen abhandengekommen zu sein.

Hoeneß umgibt sich mit treuen Gefährten

Immer mehr verstärkten sich auch im Klub die Zeichen der Entfremdung vom Tagesbetrieb, als sei Hoeneß einfach nicht mehr nah genug dran. Ob es 2016 die falsche Aussage war, Mats Hummels habe von sich aus einen Wechsel von Dortmund zum FC Bayern forciert, wofür ihn Rummenigge abkanzelte. Oder bei seiner Comeback-Wahl zum Präsidenten, als er RB Leipzig vor den johlenden Vereinsmitgliedern als "Feind" bezeichnete, wofür er sich wenig später entschuldigte. Oder sein sinnloses und teils auch als respektlos interpretierbares Gebaren, man werde Jupp Heynckes schon noch überzeugen, über Sommer 2018 hinaus Bayern-Trainer zu bleiben, obwohl Heynckes gleich zu Beginn seiner vierten Amtszeit im Oktober 2017 dies kategorisch ausgeschlossen hatte.

Als es Hoeneß endlich eingesehen hatte, hatte der lange als Wunschkandidat gehandelte Thomas Tuchel bereits bei Paris St. Germain zugesagt. Vielleicht kam das Hoeneß auch gar nicht ungelegen, statt des unbequemen Tuchels mit Niko Kovac einen wesentlich pflegeleichteren Trainer an seiner Seite zu haben. Wie auch mit Hasan Salihamidzic, dem Sportdirektor. Beides seine Ex-Spieler, treue Gefährten, von denen kein Ärger zu erwarten ist.

Etwas fragiler ist das Verhältnis mit Karl-Heinz Rummenigge. Mochten die beiden Alpha-Männer des Klubs Jupp Heynckes zuliebe im Herbst 2017 rührselig Frieden schwören: Wie sehr sich die beiden in ihren Gedanken zur Ausrichtung des Klubs unterscheiden, wurde erst am Wochenende wieder deutlich, beim Bayerischen Sportpreis, als beide gemeinsam den Preis für den FC Bayern als "Jahrhundertmannschaft" entgegennahmen.

"Kraft aus Heimat, aus den Wurzeln, die Kraft des Mia san mia"

Uli Hoeneß sagte auf der Bühne: "Wir haben als Bayern München weiter eine Chance, in dem Konzert dieses Haifischbeckens erfolgreich zu überleben, wenn wir unseren eigenen Weg finden." Man sei zwar chancenlos gegen die milliardenschweren Scheichs und Oligarchen, aber, so Hoeneß: "Die Kraft aus der Heimat, aus den Wurzeln, die Kraft des Mia san mia muss das ausgleichen." Auf die Frage des Moderators nach teuren Transfers folgte keine Minute später Rummenigges kühler Konter: "Es gibt kein Limit. Den Markt macht der Markt. In diesem Konzert wollen wir weiter eine große Rolle spielen." Hier der Global Player Rummenigge, dort der Heimatpfleger Hoeneß.

Doch auch bei der von ihm so gern gepriesenen Basis sorgte Hoeneß bereits für Unmut, wie eine Episode aus dem Frühjahr zeigt. Damals kündigte der Klub die Verlegung des Regionalliga-Derbys FC Bayern II gegen den TSV 1860 in die Allianz Arena an. Wie aus dem Verein später zu hören war, war es vor allem eine Idee von Uli Hoeneß, der den Löwen-Fans die Rückkehr in das von vielen verhasste Stadion zumuten wollte. Allerdings brüskierte er damit auch viele Bayern-Fanklubs, Anhänger der Amateure, die einen Umzug in die große Arena kategorisch ablehnten. Also mussten die Bayern zurückrudern, das Spiel fand doch wie geplant an der gewohnten Heimspielstätte im Stadion an der Grünwalder Straße statt.

Es läuft nicht mehr alles nach Wunsch für den 66-jährigen Hoeneß. Ein gutes Jahr noch läuft die Amtszeit als Präsident, die nächste Wahl ist im Herbst 2019. Man darf gespannt sein, ob er im Falle einer neuerlichen Kandidatur dann wieder auf so ein grandioses Ergebnis von 97,7 Prozent wie 2016 kommt. Unantastbar wie bei der Krönungsmesse nach der Haftentlassung scheint er nicht mehr.



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