06.03.2014 – 10:56 Uhr

Prozess wegen Steuerhinterziehung: Der Fall des Uli Hoeneß

Ein Multimediaspezial von und

Uli Hoeneß war eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Den FC Bayern hat er zu einem Weltverein geformt, gleichzeitig wurde er zum leidenschaftlichen Mahner für Gerechtigkeit. Dann der Sturz: Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung. Von Montag an muss sich Hoeneß vor Gericht verantworten. Es ist der Prozess des Jahres.

Uli Hoeneß konnte nie genug bekommen. Der FC Bayern hat unter seiner Führung alles gewonnen, was es im Vereinsfußball an Titeln gibt: 18 Meisterschaften, elf Pokalsiege, zwei Champions-League-Trophäen. Wirtschaftlich steht der Club so gut da wie kein anderer im Weltfußball:

400 Millionen Euro Umsatz, der Wert des Unternehmens liegt bei rund 1,3 Milliarden Euro.

Doch Hoeneß reichte es nicht, den FC Bayern zur Weltmarke zu formen. Er war nicht nur hungrig nach Erfolg, er war gierig. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen das lange als positive Eigenschaft wahr, Hoeneß' Karriere galt als makellos.

Das änderte sich am 20. April 2013. An diesem Tag wurde bekannt, dass Uli Hoeneß Steuern hinterzogen hat, über mehrere Jahre. Mit einem Konto in der Schweiz spekulierte er an der Börse, machte Millionengewinne und meldete diese nicht dem Fiskus.

Ab Montag steht Hoeneß in München vor Gericht, die Staatsanwaltschaft hält seine Selbstanzeige für unzureichend. Im Falle einer Verurteilung droht dem Bayern-Präsidenten eine Bewährungsstrafe, doch auch eine Haftstrafe ist möglich.

Es ist ein Absturz, wie es ihn im deutschen Fußball nie zuvor gegeben hat. Denn eigentlich war der Mann, der nun im Gefängnis landen könnte, auf dem Weg, zu einer moralischen Instanz in Deutschland zu werden. Er traf sich mit der Kanzlerin, zog gegen gierige Manager und Börsenzocker zu Felde, die Wetten auf Nahrungsmittelpreise abschließen. Das kam an: Im September 2012 wünschten sich in einer Umfrage der "Bild"-Zeitung 88 Prozent der Befragten "mehr Hoeneß in der Politik". Es war das letzte Jahr der schwarz-gelben Koalition, das Ansehen von Spitzenpolitikern hatte sich noch einmal verschlechtert.

Dagegen konnte Hoeneß sich perfekt positionieren: ein erfolgreicher Fußballspieler, der im zweiten Berufsleben als Manager noch größere Erfolge feierte. Ab dem Jahr 2006 verlagerte Hoeneß seine öffentlichen Auftritte vom Fußballplatz auf die politische Bühne: Statt sich mit Bundesliga-Größen wie Werder-Macher Willi Lemke anzulegen, stritt der Bayern-Präsident in TV-Talkshows mit Politikern. Die Themen bei Sabine Christiansen und Günther Jauch lauteten: Intrigen in der Politik, Deutschlands Steuerpolitik und soziale Gerechtigkeit.

Hoeneß trat bei den TV-Talkern nicht selten breitschultrig und selbstsicher auf. Die Sympathien vieler Zuschauer waren ihm dennoch gewiss. Es kam an, wenn er Katja Kipping von der Linkspartei Realitätsferne vorwarf. Oder wenn er Markus Söder (CSU) Unehrlichkeit beim Sturz von Edmund Stoiber unterstellte. Hoeneß' größtes Pfund war seine Klartext-Rhetorik. Eine Eigenschaft, mit der auch SPD-Mann Peer Steinbrück punkten konnte, bevor er Kanzlerkandidat wurde. Hoeneß' Motto:

"Ich sage allen meine Meinung, wenn ich es für richtig halte. Dieses Recht habe ich mir in 30 Jahren erarbeitet."

Der Bayern-Präsident war auf dem Weg, ähnlich unantastbar zu werden wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt.

Die Steueraffäre hat seinen Aufstieg abrupt beendet. Der Bayern-Macher behielt zwar seine Posten beim FC Bayern, und sein Ruf bei den Fans erlitt kaum Schaden. Doch sein Ansehen außerhalb des Clubs war zerstört. Sein Moralisieren, die Sätze über Politik und Politiker erschienen auf einmal wie Heuchelei. Hoeneß versuchte seine Kritiker zu besänftigen, seine Fans zu umgarnen, sprach öffentlich über seine Wohltätigkeit.

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Dabei wusste jeder nun: Dieser Mann, der als harter Hund, aber auch als grundehrlicher Mensch galt, hatte den Staat um mehrere Millionen Euro betrogen.

Welche Fallhöhe der Sturz des Uli Hoeneß hatte, zeigte sich, als Angela Merkel den Regierungssprecher ausrichten ließ, sie sei enttäuscht von Hoeneß. Die "FAZ" kommentierte, der Bayern-Architekt müsse zurücktreten, als Präsident und als Aufsichtsratschef. Umfragen zufolge sahen das 60 Prozent der Deutschen genauso. Doch Hoeneß blieb, verteidigte sich so:

"Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Aber ich bin kein schlechter Mensch geworden."

Wie sehr ihm gleichwohl der öffentliche Liebesentzug zusetzte, zeigte eine Szene beim Champions-League-Finale im Mai: Als die Bayern-Spieler ihm nach dem Triumph die Trophäe überreichen wollen, wehrte Hoeneß zunächst ab. Erst als Bastian Schweinsteiger und Franck Ribéry nicht locker ließen, nahm Hoeneß den Pott. Und reckte ihn zaghaft nach oben.

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Der Fall des Uli Hoeneß ist so einzigartig im deutschen Fußball wie seine Karriere. Lange schien es, als gelinge dem Mann alles, was er anpackt. Als 20-Jähriger spielte Hoeneß bereits in der Nationalmannschaft, mit Gerd Müller bildete er Anfang der siebziger Jahre das torgefährlichste Stürmer-Duo der Bundesliga. Er war Europameister und Weltmeister, bevor er mit 27 Jahren seine Karriere beenden musste - ein Knorpelschaden im Knie. Es folgte sein Projekt, das Projekt FC Bayern.

1979 übernahm Hoeneß den Managerposten von Robert Schwan. Seinen ersten Tag im Büro habe er so angetreten, wie er sich einen Manager vorstellte, erzählte Hoeneß einmal der "FAZ": "Graues Sakko, hellblaues Hemd, schwarzer Notizblock unter dem Arm." Was er den ganzen Tag tun sollte, habe er nicht gewusst. "Dann habe ich mit drei, vier Leuten zwei Stunden rumtelefoniert, und dann bin ich wieder heimgefahren." Der FC Bayern machte damals 12 Millionen Mark Umsatz, die Schulden betrugen 7 Millionen Mark. Hoeneß vervielfachte die Einnahmen, baute die Segmente Fanartikel und Sponsoring systematisch aus. Die Eintrittsgelder, die lange die einzige Einnahmequelle waren, machen mittlerweile weniger als 20 Prozent aus.

Sportlich polarisierte Hoeneß, weil er der Bundesliga-Konkurrenz die besten Spieler abkaufte und sie dann noch verhöhnte: "Ich bin nicht dem Fußball verantwortlich, sondern dem FC Bayern." Was machte den Erfolg von Hoeneß aus? Beobachter, die ihn seit vielen Jahren kennen, nennen als herausragendes Merkmal seine Leidenschaft. Am besten sei Hoeneß, wenn er sich selbst spüre, wenn er für etwas brenne, sagt einer, der ihn lange begleitet hat.

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Teamkollegen unter sich: Hoeneß (r.) und Gerd Müller 1973. Der heutige Bayern-Präsident wurde am 5. Januar 1952 in Ulm geboren. Als 18-Jähriger wechselte er zum FC Bayern. Dort gehörte er mit Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Co. zum Erfolgsteam, das in den Siebzigern Titel in Serie gewann.

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Damals entstanden in München und auch in der Nationalmannschaft Bande, die bis heute halten. Müller ist heute Co-Trainer der zweiten Mannschaft, Jupp Heynckes (r.) führte die Bayern vergangene Saison zum Triple aus Sieg in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League.

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Unter Bundestrainer Helmut Schön debütierte Hoeneß (2.v.r.) 1972 in der Nationalmannschaft und traf gleich im ersten Spiel gegen Ungarn. Bereits einen Monat später erzielte er die frühe Führung im EM-Viertelfinale gegen England und wurde kurz darauf mit dem DFB-Team Europameister. 1973 nahm die Nationalmannschaft den Ohrwurm-Song auf: "Fußball ist unser Leben".

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1974 das Turnier im eigenen Land: Hier musste sich unter anderem der Australier James Mackay der Dynamik des Außenstürmers Hoeneß geschlagen geben. Beim 4:2 gegen Schweden traf Hoeneß zum Endstand.

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Nach dem gewonnenen WM-Finale gegen die Niederlande (2:1) feierte Hoeneß mit Beckenbauer den Titel. Es war der Höhepunkt einer kurzen Karriere, in der Hoeneß nahezu alle wichtigen Titel des Weltfußballs gewinnen konnte. Mit dem FC Bayern wurde er jeweils dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister. Bereits im Alter von 27 Jahren musste er aber wegen eines Knorpelschadens im Knie seine Karriere beenden - und wechselte ins Management des FC Bayern.

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1982 überstand er nur knapp einen Flugzeugabsturz: Mit drei Freunden war Hoeneß zu einem Länderspiel nach Hannover geflogen, beim Anflug auf die Landeshauptstadt stürzte die Propellermaschine ab, der Bayern-Manager überlebte als Einziger. Als Hoeneß am nächsten Tag im Krankenhaus erwachte, fragte er: "Wie ist das Länderspiel ausgegangen?"

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Hoeneß professionalisierte den Verein und setzte auch bei seinen Trainern gern auf alte Freunde. Heynckes (3.v.r.) war erstmals von 1987 bis 1991 für die Mannschaft verantwortlich. Mit Kapitän Klaus Augenthaler (Mitte) feierten die Bayern-Bosse hier die Meisterschaft 1990.

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Heynckes und Augenthaler gehörten zum Bayern-Kosmos, den Hoeneß zusammenhielt. Neben aller Professionalität zeigte sich aber auch immer wieder das soziale Engagement des früheren Managers und heutigen Präsidenten. Als etwa Gerd Müller unter Alkoholsucht litt, war es Hoeneß, der dem ehemaligen Mitspieler wieder auf die Beine half und ihm einen Job beim Rekordmeister gab.

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Hoeneß gefiel sich auch in der Rolle des Gönners. So bot er dem FC St. Pauli ein Freundschaftsspiel an, um so den damals finanziell heftig angeschlagenen Hamburgern zu helfen. Dafür gab es vom damaligen St.-Pauli-Präsidenten Corny Littmann ein Retter-T-Shirt.

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Christoph Daum war über Jahre Hoeneß‘ Intimfeind. Daum sollte 2000 deutscher Nationaltrainer werden. Doch Hoeneß machte Daums Kokainkonsum öffentlich, was zu heftigen Anfeindungen gegen den Bayern-Manager führte. Daum unterzog sich freiwillig einer Haarprobe mit den Worten: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe." Dummerweise bewies diese Haarprobe seinen Drogenmissbrauch, Hoeneß lag richtig.

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Ein inniger Freund von Hoeneß wurde der langjährige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld. Von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008 war er Trainer in München, verlor 1999 im denkwürdigen Champions-League-Finale gegen Manchester United - und gewann den Titel zwei Jahre später gegen den FC Valencia.

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Auf Hitzfeld folgte Felix Magath, der beim VfB Stuttgart sein Händchen für talentierte Jungprofis unter Beweis gestellt hatte. Bei den Bayern gelangen Magath zwei Doubles aus Meisterschaft und Pokal in Folge. Doch der Trainer und Hoeneß rieben sich aneinander. Nach einem schlechten Rückrundenauftakt 2007 hatte der damalige Manager genug von seinem Coach, Magath musste gehen.

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Hitzfeld gab sein Comeback in München. Er sprang ein und blieb länger als ein Jahr. Im Mai 2008 verabschiedete sich Hitzfeld endgültig vom FC Bayern - mit der Meisterschaft und vielen Tränen. Da musste auch Hoeneß weinen.

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Nach dem emotionalen Abschied folgte Hoeneß‘ wohl größtes Experiment: die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Der als Modernisierer und Reformer geholte Ex-Stürmer scheiterte und wurde im April 2009 nach nicht einmal einem Jahr gefeuert. "Bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt", sagte Hoeneß später. Für den Rest der Saison übernahm Heynckes, der noch die Qualifikation für die Champions League schaffte.

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Es folgte der Neustart mit einem Niederländer: Louis van Gaal. Der führte die Bayern zum Sieg in Pokal und Meisterschaft sowie ins Finale der Champions League. Aber es prallten zwei gewaltige Egos aufeinander, van Gaals Zeit war bald abgelaufen. "Fachlich war er top. Dass er menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt", urteilte Hoeneß.

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Auf das holländische "Feierbiest" folgte wieder ein Mitglied der Bayern-Familie. Zum dritten Mal trat Heynckes die Trainerstelle beim FCB an - und stellte Hoeneß zufrieden. Heynckes habe die "kranke Seele" des Rekordmeisters geheilt, so der Präsident. Heynckes holte in seiner Abschiedssaison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Im Sommer ging er in den Ruhestand.

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Die Steueraffäre wurde ausgerechnet im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte öffentlich. 2013 holte der FC Bayern nämlich nicht nur das Triple, sondern zudem noch den europäischen Supercup und den Weltpokal. Hoeneß‘ Auftritt bei der Jahreshauptversammlung im November wurde mit großer Spannung erwartet, die Affäre war seit einem halbem Jahr publik.

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Der Präsident hielt eine flammende Rede und wurde anschließend lautstark von den Mitgliedern gefeiert. Die "Uli, Uli"-Sprechchöre wollten kein Ende nehmen, was Hoeneß zu Tränen rührte. Wir, der FC Bayern München, sind eine Familie - das war die Botschaft an diesem Abend.

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Die Bayern-Familie wird Hoeneß vor Gericht nicht helfen können. Die Justiz entscheidet, ob der 62-Jährige wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird und ob er womöglich ins Gefängnis muss.

Hoeneß kann sich nicht nur leidenschaftlich für etwas einsetzen, für seinen FC Bayern, für die Spieler, für die Mitarbeiter. Er kann auch leidenschaftlich hassen. Seine Begeisterungsfähigkeit wird gespiegelt durch einen Hang zum Cholerischen. Wenn Hoeneß sich ungerecht behandelt fühlt, läuft sein Gesicht rot an, er brüllt herum und gibt erst Ruhe, wenn der Gegenüber eingelenkt hat. Wenn er sich durchgesetzt hat.

Seine Kompromisslosigkeit zeigte sich besonders im Fall Christoph Daum. Im Herbst 2000 machte Hoeneß den Kokain-Missbrauch des Bundesliga-Trainers öffentlich. "Wenn die Gerüchte stimmen, kann er nicht Bundestrainer werden", sagte der Bayern-Manager. Daum wies die Vorwürfe empört zurück - und gab auf öffentlichen Druck hin eine Haarprobe ab. Für einen Augenblick geriet Hoeneß in die Defensive. Als die Untersuchung dann aber ergab, dass Daum tatsächlich Kokain genommen hatte, stand sein Gegenspieler als großer Gewinner da. In der Stunde des Sieges zeigte Hoeneß sich kompromisslos: Eine öffentliche Versöhnung werde es mit ihm nicht geben, betonte er.

Ähnliche Leidenschaft zeigte er auch in seinem sozialen Engagement, etwa für die Dominik-Brunner-Stiftung. 2009 war der Rechtsanwalt Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, nachdem er sich schützend vor vier Kinder gestellt hatte. Eine Woche nach Brunners Tod hielt Hoeneß im Münchner Stadion eine viel beachtete Rede, in der er zu mehr Zivilcourage aufrief.

Welche dunklen Seiten seine Leidenschaft hat, ist erst seit knapp einem Jahr bekannt: In einem "Zeit"-Interview gab Hoeneß zu, er habe exzessiv an der Börse gezockt: "Das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, das war teilweise extrem." Jetzt erinnerten sich Beobachter an den kleinen Börsenpager, den Hoeneß stets bei sich getragen hatte. Damit checkte er regelmäßig Aktien- und Wechselkurse.

Im Jahr 2000 brauchte Hoeneß neues Spielgeld, er hatte große Verluste an den Börsen gemacht. Vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus bekam er fünf Millionen Mark. Das Geld landete auf einem Depotkonto der Vontobel Bank in Zürich. Dreyfus soll auch für einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Mark gebürgt haben. Bis 2006 gingen die Spekulationen gut, so Hoeneß, danach habe er große Verluste gemacht, 2008 folgte die Finanzkrise. Das geliehene Geld und das Darlehen hat er zurückgezahlt. In seinen Steuererklärungen tauchte das Konto offenbar nicht auf, und Hoeneß zahlte keine Kapitalertragssteuer auf die Gewinne. Erst ab 2009, so die "Süddeutsche Zeitung", führte Hoeneß 25 Prozent Abgeltungssteuer an den deutschen Fiskus ab.

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Experten zufolge sind erfolgreiche Manager besonders anfällig für krankhaftes Zocken an der Börse: Solche Deals seien für sie, "was vor 300 Jahren Würfel- und Kartentische an Königs- und Fürstenhöfen waren", sagte der Hohenheimer Forscher Tilman Becker dem "manager magazin". "Die sozial akzeptierte Form des Glücksspiels."

Hoeneß spielt die Geschäfte, die ihm so viel Ärger einbrachten, weiter herunter. Das Spekulieren an der Börse empfinde er nicht als unmoralisch, sagte er der "Zeit". Er halte sich auch nicht für suchtkrank. "Ein paar Jahre war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert." Sein Sohn Florian, der bei dem Interview dabei war, warf daraufhin ein:

"Ich darf sagen, dass die Familie dies ein bisschen anders sieht."

Viele Beobachter hat es überrascht, dass Hoeneß seine Posten beim FC Bayern behalten durfte. Immerhin soll er mehr als drei Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben. Im Vergleich dazu erscheinen die Vorwürfe gegen Christian Wulff marginal, der Ex-Bundespräsident stand bis vor kurzem wegen einer Hotelrechnung vor Gericht. Deren Wert: 400 Euro.

Im Unterschied zu dem blassen CDU-Politiker hat Hoeneß einen wesentlichen Vorteil: Er hat sich im Laufe seiner Karriere ein Umfeld geschaffen, das ihn niemals fallenlassen würde.

Grund dafür ist zum einen der Erfolg. In der Bundesliga hat Hoeneß alle Rivalen der vergangenen Jahrzehnte abgeschüttelt.

  • Dortmund? War beinahe insolvent, darf sich Verfolger nennen.
  • Der 1. FC Köln? Spielt mittlerweile in der zweiten Liga.
  • Stuttgart, Bremen, Hamburg? Kämpfen um den Klassenerhalt.

Auch wirtschaftlich hatte Hoeneß großen Erfolg: Die Großkonzerne Adidas, Audi und die Allianz haben für einen Gesamtanteil von 25 Prozent 275 Millionen Euro bezahlt. Der Einstieg der Allianz ist das größte Geschäft, das es jemals in der Bundesliga gab. Der Versicherungskonzern zahlt für einen Anteil von 8,33 Prozent 110 Millionen Euro. Mit dem Geld kann der Club die letzten Verbindlichkeiten für die Allianz Arena abbezahlen und ist schuldenfrei. Etwas, das Hoeneß unbedingt erreichen wollte, bevor er seinen Posten räumt.

Freunde

und Gegner

Dieter Hoeneß

Der jüngere Bruder ist ebenfalls Ex-Fußballspieler und Ex-Manager, war aber in beiden Tätigkeitsfeldern längst nicht so erfolgreich wie sein Bruder.

Karl-Heinz Rummenigge
Hoeneß verkaufte ihn 1984 für rund zehn Millionen Mark an Inter Mailand und sanierte damit die Bayern. Seit 2002 Vorstandsvorsitzender der FC Bayern AG, steht bedingungslos zu Hoeneß.

Franz Beckenbauer

Früher Mitspieler von Hoeneß, später viele Jahre Vorstandskollege, sagt: "Hoeneß ist kein Betrüger."

Paul Breitner

Gehörte ebenfalls den großen Bayern-Mannschaften der Siebziger an. Freundschaft erlebt ein Auf und Ab, saß beispielsweise nach Hoeneß' Flugzeugabsturz am Krankenbett.

Jupp Heynckes

Ein enger Hoeneß-Freund, war dreimal Trainer des FC Bayern. Widmete Hoeneß den Halbfinal-Sieg gegen Barcelona 2013.

Susanne Hoeneß

Seit 1972 mit Uli verheiratet, zwei Kinder (Florian und Sabine). Hatte ihn nach einer Affäre mit einer Flugbegleiterin zwischenzeitlich aus dem Haus geworfen.

Florian Hoeneß

Der 34 Jahre alte Sohn führt seit 2001 die Geschäfte von Hoeneß' Wurstfabrik. Soll dabei gewesen sein, als eilig die Selbstanzeige verfasst wurde.

Edmund Stoiber

Der Ex-Ministerpräsident sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern. Gab Hoeneß Rückendeckung in der Steueraffäre.

Karl Hopfner

Machte den FC als Finanzvorstand zu einem der finanziell stärksten Clubs Europas, keine Transaktion ging ohne ihn. Mittlerweile 1. Vizepräsident und Aufsichtsratsmitglied.

Hans-Ulrich Jörges

Langjähriger Freund, sitzt in der "Stern"-Chefredaktion. Trotzdem Recherchen über Hoeneß' Bankkonto.

Helmut Markwort

Herausgeber des "Focus", sitzt auch im Bayern-Aufsichtsrat. Sein Magazin berichtete als erstes Medium über den Fall.

Günter Ache

Seit vielen Jahren Hoeneß' Steuerberater. War dabei, als die Selbstanzeige verfasst wurde.

Karin Potthoff

Jahrelang Hoeneß' Sekretärin und Vertraute.

Hermann Gerland

In den Neunzigern schon einmal fünf Jahre Trainer der Bayern-Amateure, seit 2001 wieder bei dem Club, aktuell Co-Trainer. Stets loyal.

Martin Winterkorn

Der VW-Chef sitzt ebenfalls im Aufsichtsrat der Bayern. Die VW-Tochter Audi ist an der Bayern AG mit 8,33 Prozent beteiligt.

Alfons Schuhbeck

Der Promi-Koch ist seit Jahren mit Hoeneß befreundet. Unterhält auch geschäftliche Beziehungen, warb zusammen mit Hoeneß für eine Fastfood-Kette.

Willi Lemke

Mit dem langjährigen Manager von Werder Bremen gab es in den Neunzigern häufig öffentlichen Streit. Tiefe gegenseitige Abneigung.

Christoph Daum

Sollte Bundestrainer werden, doch Hoeneß deckte Kokain-Affäre auf. Etliche verbale Scharmützel, hält sich mittlerweile zurück.

Theo Zwanziger

Der Ex-DFB-Präsident und Hoeneß kritisieren sich seit Jahren gegenseitig. Nannte Hoeneß einmal eine "kleinkarierte Seele".

Christian Ude

Münchens Oberbürgermeister ist SPD-Politiker und 1860-Fan – ideologisch das Gegenteil von Hoeneß, dazu angeblich Gegner des Baus der neuen Arena.

Joseph S. Blatter

Der Fifa-Boss wird seit Jahren von Hoeneß kritisiert, der Bayern-Präsident wettete sogar auf Blatters Rücktritt.

Der Erfolg alleine kann die Loyalität nicht erklären, die Hoeneß beim FC Bayern genießt. Hinzu kommt die emotionale Ebene.

Der Verein funktioniert wie ein Familienunternehmen, das Sagen haben die Spieler der siebziger Jahre, und Hoeneß steht an ihrer Spitze. Sein Führungsstil ist konsequent, aber herzlich. "Jeder bei Bayern muss das Gefühl haben, dass er dazugehört", sagte er mal. Anders als bei vielen großen Unternehmen scheint den Münchner Bossen die Nähe zu den Mitarbeitern wirklich wichtig zu sein.

Hoeneß half Gerd Müller beim Kampf gegen die Alkoholabhängigkeit und zahlte Sebastian Deisler das Gehalt noch zwei Jahre, nachdem dieser seine Karriere wegen Depressionen beendet hatte. Und er setzte sich nicht nur für ehemalige Spieler ein: Wenn einer der 500 Mitarbeiter ein Problem hat oder schwer krank ist, kümmert Hoeneß sich persönlich. DER SPIEGEL beschrieb ihn im vergangenen Jahr als Patron, als aus der Zeit gefallenen Patriarchen. Tatsächlich dürfte es dieser Führungsstil gewesen sein, der Hoeneß bis heute vor dem Komplettabsturz bewahrt hat. Die Abhängigkeit vom Patriarchen verhindert eine Revolution.

Daran sollte auch der Prozess nichts ändern - es sei denn, Hoeneß müsste tatsächlich ins Gefängnis. Wie aber geht es mit dem Bayern-Präsidenten weiter, wenn er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt oder gar freigesprochen wird?

Bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern im November 2013 hat Hoeneß angekündigt, sein Schicksal in die Hände der Vereinsmitglieder zu legen. "Ich möchte Ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob ich noch der richtige Präsident für diesen Verein bin", rief der Bayernboss den Mitgliedern zu.

Was wie Demokratie klingt, ist nur scheinbar eine offene Entscheidung: Natürlich weiß Hoeneß genau, wie sie ausfallen würde.


Mitarbeit: Alexander Demling, Guido Grigat (Grafik), Birger Hamann, Maximilian Rau, Alwin Schröder, Erik Seemann (Fotos), Holger Wilkop (Dokumentation), Jule Lutteroth (Koordination)

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insgesamt 201 Beiträge
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    Seite 1    
1. Prozess des Jahres....?
bolchen73xy 06.03.2014
...so wichtig sollten wir Herrn Hoeneß nun nicht nehmen. Für mich bleibt der NSU Prozess immer noch die traurige Nr. 1!
2.
d.s.1999 06.03.2014
Zitat von sysopUli Hoeneß war eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Den FC Bayern hat er zu einem Weltverein geformt, gleichzeitig wurde er zum leidenschaftlichen Mahner für Gerechtigkeit. Dann der Sturz: Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung. Von Montag an muss sich Hoeneß vor Gericht verantworten. Es ist der Prozess des Jahres. http://www.spiegel.de/sport/fussball/uli-hoeness-prozess-welches-urteil-erwartet-den-bayern-a-956067.html
5 Jahre Knast sind angemessen, ohne Bewährung, der muss mal richtig durchsanktioniert werden!
3. Hoeneß...
Badener1848 06.03.2014
...polarisiert, seitdem er der Öffentlichkeit bekannt ist. Aber er hat nunmal nicht die Gemeinschaft des FC Bayern betrogen, sondern mit seiner Steuerhinterziehung die Allgemeinheit. Daher muss er sich in erster Linie vor der Allgemeinheit verantworten...und dabei handelt es sich hoffentlich um eine wirklich offene und demokratische Entscheidung.
4.
roflxd 06.03.2014
Respelt vor Ulis Leistung, aber man muss bedenken, dass der FC Bayern nun einmal das ist, was er ist: "NUR" ein Fußballverein. Als Unternehmer hätte Uli keine Chance.
5.
republica_banana 06.03.2014
Wenn der Staat sich nicht selbst abschaffen, Milliarden Beträge in Fässe ohne Boden deponieren (Griechenland & Co.), eine vierte Gewalt namens Monetative schaffen sowie für ein einfaches und gerechtes Steuersystem sorgen würde, wäre ich auch bereit, meine Steuern wieder in Deutschland zu zahlen.
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