Hoeneß nach Bayern-Unentschieden gegen Düsseldorf "Wir müssen alles überdenken"

Nach dem blamablen 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf geht Uli Hoeneß erstmals auf Distanz zu Niko Kovac. Ab sofort ist Kovac nur noch Trainer auf Bewährung.

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Von Florian Kinast, München


Die Spieler waren längst verschwunden, als Uli Hoeneß zu den Reportern kam. Es war 18.30 Uhr, eine gute Stunde nach Spielende in der Münchner Arena. Im Nu hatte Hoeneß viele Mikrofone und Aufnahmegeräte vor seinem Gesicht, in den Minuten davor hatte man schon gerätselt, ob noch an diesem Abend der Rauswurf von Niko Kovac verkündet werde. Dem war nicht so. Und doch war nach den folgenden sieben Minuten klar, dass Kovac ab sofort nur noch Trainer auf Zeit ist. Auf Bewährung. Auf Abruf.

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Bundesliga: Wie im Slapstick-Film

Uli Hoeneß, der vor eineinhalb Monaten noch seine uneingeschränkte Rückendeckung für Kovac erklärt und verkündet hatte, dass er ihn verteidigen werde "bis aufs Blut" - genau dieser Uli Hoeneß rückte nun deutlich von seinem Trainer ab. Vom bedingungslosen Treueschwur war nichts mehr zu hören nach diesem desaströsen Nachmittag für den FC Bayern.

Kaum einer hatte gedacht, dass es nach den fürchterlichen Ergebnissen der vergangenen Wochen noch schlimmer kommen könnte. Kam es aber. Die indiskutable Leistung beim 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf war der Tiefpunkt in der schlimmsten Phase des FC Bayern seit vielen Jahren.

Wie sehr hatte Niko Kovac am Freitag noch davon gesprochen, dass man anders als gegen Augsburg und Amsterdam, Freiburg und Dortmund endlich mal eine Führung ins Ziel bringen müsste. Und dann reichten zweimal zwei Tore Vorsprung nicht zum Sieg. 2:0 und 3:1 führten die Bayern. Zuhause. Gegen Fortuna Düsseldorf.

Niko Kovac: Bayern-Trainer auf Abruf?
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"Ich habe gedacht, die Welt geht unter"

Zum völligen Desaster geriet die Nachspielzeit, als es nicht gelang, ein 3:2 über die Zeit zu retten. Als Verteidiger Mats Hummels für Doppeltorschütze Thomas Müller kam, um hinten abzusichern. Und als die Bayern Sekunden vor dem Ende trotzdem ausgekontert wurden und Dodi Lukebakio die Gäste mit seinem dritten Tor des Tages in Karnevalsstimmung schoss. Und die Bayern in Fassungslosigkeit. In Apathie.

Später sagte Hoeneß: "Ich habe mir in diesem Moment gedacht, die Welt geht unter." Die Nerven lagen blank nach Schlusspfiff, auch bei den Fans. Aus der Südkurve ertönten Pfiffe, wie man sie seit Jahren nicht hat. Einige Anhänger stiegen auf den Zaun und schimpften in Richtung der Spieler, die in sicherer Distanz im Strafraum ausharrten. Erst nach etwa einer Minute brandete wieder Applaus auf. Es braucht nicht mehr viel, bis die Stimmung kippt. Und nicht mehr viel, bis Kovac gehen muss.

Auf die Frage, wo die rote Linie sei, wann Hoeneß in der Trainerfrage die Reißleine ziehe, sagte der Bayern-Präsident: "Das werde ich nicht mit Ihnen am Samstag nach so einem schlechten Spiel besprechen. Von diesem Schock muss ich mich erstmal erholen. Vielleicht fällt mir dann am Montag was dazu ein."

Goretzka sagt "dazu jetzt gar nix"

Im wichtigen Champions-League-Spiel gegen Benfica am Dienstag (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Kovac laut Hoeneß definitiv noch auf der Bank sitzen. Und dann? "Wir müssen alles hinterfragen", so der Präsident, "wir werden die nächsten Tage, vielleicht auch die nächsten Wochen nutzen, um eine richtige Lösung zu finden. Wir müssen zu einem Ergebnis kommen."

Hoeneß ließ durchblicken, dabei auch die Stimmung in der Mannschaft ausloten zu wollen, wie viel Rückhalt Kovac noch im Kader hat. "Wir sind Manns genug, um unsere Entscheidungen selbst zu treffen, aber selbstverständlich hört man immer auch die Meinung von Spielern an." Und was sagten die Spieler am Samstag? Leon Goretzka erwiderte auf die Frage, wie die Mannschaft zum Trainer stehe: "Dazu sag ich jetzt gar nix." Klang nichtssagend, war aber doch vielsagend.

Offensichtlich wurde am Samstag, dass die Spieler die Vorgaben von Kovac nicht mehr umsetzen. "Wenn wir das getan hätten, was der Trainer uns mitgegeben hat, hätten wir 5:0 gewonnen", sagte Kapitän Manuel Neuer. Heißt im Umkehrschluss: Kovac erreicht die Spieler mit seinen Ansagen nicht mehr. Dazu wirkt er, ob am Spielfeldrand oder in den Pressegesprächen, immer lethargischer und nicht wie einer, der die Mannschaft mit Leidenschaft noch mitreißen und ihr Selbstbewusstsein geben könnte.

"So etwas habe ich bislang nur in Slapstick-Filmen gesehen"

Spielerisch liegt ohnehin einiges im Argen, das Mittelfeld um Goretzka, Javi Martínez und Renato Sanches war ein uninspirierter Totalausfall und die Abwehr ein Fiasko. Niklas Süle sah bei allen drei Gegentoren schlecht aus, beim ersten Treffer der Düsseldorfer zum 1:2 leistete zudem Jérôme Boateng kräftige Mithilfe.

Zu dieser Szene sagte Hoeneß: "Es gibt auch den ein oder anderen Spieler, der mal über sich nachdenken muss. Das hat man an diesen dilettantischen Fehlern gesehen. Wenn ich an das erste Tor denke: So etwas habe ich bislang nur in Slapstick-Filmen gesehen."

Hoeneß gewährte zum Schluss noch einen Einblick in sein Privatleben. "Das wird ein schwerer Abend für meine Frau", erklärte er, "wir sind heute alleine zu Hause. Und morgen kommt die Tochter mit den Enkeln. Die werden es auch nicht leicht haben mit mir. Das war so nicht vorgesehen in unserer Familienplanung für das Wochenende."

Wie immer die Stimmung im Landsitz hoch über dem Westufer des Tegernsees dieser Tage auch sein mag, Ehefrau Susi und Tochter Sabine können sich sicher sein, dass Hoeneß immer bedingungslos zu seiner Familie steht. Zu Kovac tut er das seit diesem Samstag nicht mehr.



insgesamt 120 Beiträge
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spon_2937981 24.11.2018
1. Ach...
Jahaaaa, Herr Kinast, er sagte 'bis auf's Blut verteidigen'. In dem Moment/ in der Phase. Er sagte nicht 'bis in alle Ewigkeit verteidigen', die Situation hat sich halt geändert. Spätestens zu Spieltag 18 hat der FCB einen neuen Trainer, wahrscheinlich aber schon am 2.Advent, das steht nach Hoeneß' Aussage wohl fest.
Sal.Paradies 24.11.2018
2. Neuer Sender?
Komisch. Das Gespräch von U.Hoeneß mit der Presse habe ich ein Stück weit anders erlebt, als das was SPON hier verkauft? Immerhin hat Hoeneß mit seiner Kommentierung des ersten Gegentores Sachverstand bewiesen und selbst gesehen, "wo" das Problem liegt! Pardon, aber für so viel Dusseligkeit und diesem unterirdischen Stellungsspiel eines N.Süle kann kein Trainer der Welt was. Und wenn jetzt wirklich einige Spieler gegen Kovac spielen, weil sie mit seinem System, etc..nicht konform gehen, sollte Hoeneß (was er nicht tun wird) auch mal den einen oder anderen Spieler hochkant auf die Straße setzen. Sorry, diese Jungs verdienen >600000€/Monat und zetteln hier einen internen Streik an? WIe alt sind die alle eigentlich? Selbst wenn nicht alles genial ist, was Kovac auf dem Feld sehen möchte, so wird er wohl definitv verlangen das "gewonnen" wird, oder? Und wenn ich 3:1 Zuhause gegen einen potenziellen Absteiger "führe", dann gibt es bei den Bayern genügend Granaten die so was eigenhändig regeln müssen, damit am Ende nicht noch 2 Gegentore eingeschenkt werden. Vielleicht ist N.Kovac ja wirklich nicht der richtige Trainer für die Bayern, aber ich bin überzeugt, dass im Moment auch ein J.Heynckes verzweifeln würde.
Orthoklas 24.11.2018
3. Kovac und Brazzo
Kovac und Brazzo weg - das wäre schon mal ein erster Schritt. Hoffentlich wird Lahm nach der EM Sportdirektor.
Dida 24.11.2018
4. Kovac
ist ein guter Trainer..Hoeneß ein schlechter Boss. Die Bayern sind einfach nicht gut aufgestellt und die Schuld daran trägt das Management.
McTitus 24.11.2018
5. Der Ulli ...
... kann ja mal zur Abwechslung über sich selber nachdenken. Die Bayern sind halt im Moment nicht gut genug für die oberen Regionen der Tabelle. Auch und vor Allem aufgrund des Personals aufm Platz. Da hatte Kovac ja nun wirklich keinen Einfluss drauf, wer da alles so zusammengekauft wurde. Und wer am Besten hätte gehen sollen...
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