Anfang Januar 2012 fand in Berlin ein sogenannter Fankongress statt. Er war komplett von der Ultraszene organisiert und funktionierte deshalb wie am Schnürchen - was nur diejenigen Journalisten überraschte, die Ultras bislang nur in dem Zerrbild kennengelernt hatten, das mancher ihrer Kollegen mit viel Eifer und wenig Sachkenntnis von der derzeit wohl massenwirksamsten europäischen jugendlichen Subkultur zeichnet.
Ich spreche bewusst von einer Subkultur, obwohl ich das Argument kenne, es gäbe heutzutage keine Subkulturen mehr, da sich die postmoderne Welt so ausdifferenziert habe, dass es keine Haupt-Kultur mehr gebe - sondern stattdessen so viele Subkulturen, wie die Erde an Einwohnern zähle.
Blödsinn. Oder um im Register dieses mutmaßlich recht elaborierten Bandes zu bleiben: ein faszinierender Gedanke. Als 40-jähriger, früher einmal mannigfaltig Subkultureller kann ich ihn dennoch nicht denken, weil ich um mich herum nur noch 20-Jährige wahrnehme, die die gleiche Frisur haben, die gleichen Klamotten tragen, die gleiche Übelmucke hören und die gleichen Plattitüden als eigene Meinung ("Also, ganz ehrlich ") ausgeben wie die anderen Abermillionen von Ganz-ehrlich-Klone mit gleich schlechtem Musikgeschmack und dem gleichen vermaledeiten Geburtsdatum. Allein schon deshalb werden mir Ultras immer erst einmal sehr sympathisch sein: Sie unterscheiden sich schließlich wohltuend von ihren Altersgenossen.
Gewaltdebatte hinter verschlossenen Türen
Doch zurück zum Fankongress. Während wir Journalisten also hellauf begeistert vom Niveau der Diskussionen und der Berechtigung der diversen Fananliegen in die Tasten hieben (und damit voll auf das Dauer-Lamento hereingefallen waren, wonach die Presse per se auf der anderen Seite sei), fand ein einziger Workshop dann doch hinter verschlossenen Türen statt. Es ging dabei, oh Wunder, um das Thema Gewalt. Und - oh noch größeres Wunder - die ausdrücklich unerwünschte Presse hat dennoch erfahren, was hinter den Mauern gesprochen wurde.
Es gab wohl doch eine ganze Menge Fanfürsten, die mit viel Verve ausführten, dass Hauereien mit verfeindeten Ultragruppen und Scharmützel mit der Polizei nun einmal zu "Ultrà" dazugehörten wie das Pyro vor die Technik. Doch das müsse man der Presse ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Und es gab Gegenredner. Menschen, die eindringlich davor warnten, vollends der Gewaltfaszination zu erliegen. Italien wurde von ihnen als warnendes Beispiel angeführt. Dort ist die Szene ja längst zum Schluss gekommen, dass die Gewalt, verbunden mit der immer größeren Aufsplitterung der einzelnen Gruppen, fatale Auswirkungen hatte.
Es wird in den kommenden Monaten und Jahren spannend sein zu beobachten, welche Fraktion der deutschen Ultras sich durchsetzt. Die, für die die Konfrontation mit der gegnerischen Ultragruppe der Hauptzweck ihres Daseins ist. Oder die, die sich einmal aus ganz anderen Motiven den Ultras angeschlossen haben. Derzeit scheint es, als hätten diejenigen Oberhand, die Abgrenzung statt Öffnung propagieren. Das ist bedauerlich.
Es wird derzeit viel gemauschelt, getuschelt und geraunt in der deutschen Ultraszene. Die Blicke im Block sind misstrauischer geworden, die Abgrenzungsrituale ausgeklügelter, die Codes geheimnisvoller, die Jünger jünger. So jung, dass manche Stirn beim kritischen Stirnrunzeln nicht einmal Falten wirft. Als Journalist muss man sowieso eher froh sein, wenn man auf gerunzelte Stirnen trifft. Die Szene unterstellt den Medien gerne einmal, dass sie eine Ansammlung sensationsgeiler, korrupter Polizeistaatsfanatiker seien, die Ultras pauschal aburteilten. Wie pauschal diese Medienkritik ist, merkt allerdings der ein oder andere. Auch im Umgang mit der Presse wird sich weisen, ob Abgrenzung oder Öffnung künftig das Leitmotiv sein wird.
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