Spanische Ultra-Gruppen Gewalt im Namen des Klubs

Der Tod eines spanischen Fußball-Ultras hat die Diskussion um Sicherheit in den Stadien angeheizt. Vereinen, die ihre radikalen Anhänger unterstützen, drohen harte Strafen. Sie haben zu lange weggesehen - auch aus Angst.

DPA

SPIEGEL ONLINE Fußball
In Spanien haben die Fußballbosse den Ultras den Kampf angesagt. Nach der blutigen Massenschlägerei vom vergangenen Sonntag setzten sich der Ligaverband LFP, der Fußballverband RFEF und die Sportbehörde zusammen. Ihr Plan: Vereine, die sich von ihren gewalttätigen Anhängern nicht distanzieren, sollen künftig mit Punktabzug oder Zwangsabstieg bestraft werden.

Die LFP will zudem eine Liste mit aggressiven Ultragruppen zusammenstellen, sie sollen gar nicht mehr in die Stadien dürfen. In Tribünenbereichen, die als Risikozonen gelten, sollen Zuschauer mit Fingerabdrücken identifiziert werden. Die Schritte sind drastisch, sie werden den spanischen Fußball verändern.

Doch sie sind eine logische Folge, weil Klubs und Verantwortliche zu lange nichts getan haben. Die Kontrolle ist ihnen entglitten, vor langer Zeit schon, nicht erst, als der Ultra von Deportivo La Coruña nach einer Schlacht mit radikalen Madrider Anhängern ums Leben kam. Francisco Javier Romero, 43, war von Mitgliedern der Atlético-Gruppierung Frente in den Fluss Manzanares geworfen worden, er erlitt einen Herz- und Atemstillstand und eine Gehirnerschütterung und starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Man fragt sich: Wie konnte es so weit kommen? "Frente war bis vor kurzem der größte und bekannteste Fanklub von Atlético Madrid", sagt André Kahle. Er ist der Präsident von Centuria Germana, dem einzigen deutschen Atlético-Fanklub, und beobachtet das Geschehen in Spanien mit Sorge. "Innerhalb der Ultrabewegung sind nicht alle Mitglieder des Fanklubs oder Vereins selbst, sie nutzen Frente und den Fußball nur als Ort, um ihre Gewalt auszuleben und ihre Geschäfte voranzutreiben", sagt er.

Der Ultra-Begriff ist in Spanien negativ besetzt

In Spanien sind die Ultras traditionell politisch eingestellt, oft gewalttätig, und sie sind - im Gegensatz zu den meisten Ultra-Gruppen in Deutschland - tendenziell rechts einzuordnen. Während Ultras in Deutschland zu einer Verbesserung des Kurvenklimas beigetragen haben, indem sie sich zum Beispiel gegen Diskriminierung stark machen, ist der Ultra-Begriff in Spanien negativ besetzt.

Die Orientierung nach rechts entspringt vor allem der Zeit des faschistischen Franco-Regimes, auf vielen Flaggen der Ultras sieht man den spanischen Adler. "In Madrid sind die Ultras zudem königstreu und spanisch-patriotisch. Wenn hier baskische, katalanische oder galizische Mannschaften spielen oder umgekehrt, hat das per se Konfliktpotenzial", sagt Kahle. Das hätte der Polizei auch vor dem Ligaspiel zwischen Atlético und Deportivo klar sein müssen - doch das Risiko rund um das Spiel wurde im Vorfeld als "niedrig" eingestuft; nur 150 Beamte waren für die Partie um 12 Uhr mittags abgestellt worden.

Dabei wissen sie in Madrid: Trotz oberflächlicher Feindschaft sind in den vergangenen Jahren Verbindungen zwischen den verschiedenen Madrider Ultragruppen gewachsen, unter anderem zwischen Frente und den Real-Anhängern Ultra Sur. "Einige wenige der Mitglieder arbeiten politisch zusammen - und auch in Bereichen der organisierten Kriminalität", sagt Kahle. Ähnlich wie in Italien bestehen durch einzelne Personen mafiöse Kontakte in die Prostitutions- und Drogenszene. "Sie kommen ins Stadion, um unter den perspektiv- und arbeitslosen jungen Fans Nachwuchs oder Boten zu rekrutieren. Und die Vereine haben Probleme mit ihnen", sagt Kahle. Ob sich die Frente-Mitglieder ausschließen lassen, ist fraglich. Die Gruppe will sich offenbar umbenennen, um Verboten zu entgehen und schwerer greifbar zu sein.

"Wir machen in eurem Namen Probleme"

In Spanien diktierten die Ultras in vielen Vereinen die Politik, sie setzen die Verantwortlichen unter Druck. "Sie sagen: Wir wollen für das nächste Spiel 500 Karten, sonst machen wir in eurem Namen Probleme", sagt Kahle. Gerade die beiden größten Klubs des Landes haben damit immer wieder ihre Erfahrungen gemacht.

Der FC Barcelona hofierte viele Jahre die Boixos Nois, eine Anfang der Achtzigerjahre gegründete Ultra-Gruppe. Sie strebte - wie Barça - nach der Unabhängigkeit Kataloniens, entwickelte sich aber nach und nach zu einer Organisation mit rechtsextremen Tendenzen. Als Joan Laporta 2003 Präsident des FC Barcelona wurde, war eines seiner Anliegen, die Boixos Nois aus dem Stadion zu verbannen. Er verweigerte ihnen die bis dahin offenbar übliche Herausgabe von Eintrittskarten und entzog ihnen Privilegien wie die Nutzung eines Raums im Stadion zur Vorbereitung ihrer Choreografien. Die Ultras setzten Laporta unter Druck, bedrohten ihn und seine Familie. Nach seinem Aus als Präsident tauchten die Boixos Nois wieder im Stadion auf.

Ähnlich ist es bei Real Madrid, wo mit den Ultras Sur lange eine der mächtigsten Ultra-Gruppen Europas den Ton angab. Es war kein guter: rassistische Beleidigungen von dunkelhäutigen Spielern, rechtsradikale Parolen und Symbole. Präsident Florentino Pérez schuf daraufhin unter anderem im Estadio Santiago Bernabéu in der Südkurve einen Bereich für junge Fans - dort, wo die Ultras traditionell ihren Platz haben. Diese revanchierten sich angeblich, in dem sie das Grab von Pérez' im Jahr 2012 verstorbener Frau beschmierten.

Das lange nur zögerliche Vorgehen gegen die radikalen Gruppen in Spanien zeigt den Zwiespalt, in dem die Vereine stecken. Gewalttäter werden geduldet, weil sie wichtig sind für die Stimmung, denn die Ultras sind oft die einzigen, die Atmosphäre erzeugen in spanischen Stadien. Der ehemalige Real-Trainer José Mourinho sagte einmal, wenn es die Ultras nicht gäbe, würde man denken, das Stadion sei leer. Es ist kein abwegiges Szenario mehr.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.