Von Peter Ahrens
Hamburg - Wenn ein Verantwortlicher des HSV dieser Tage den Mund aufmacht, dann dauert es nicht lange, bis das Wort "Zeit" fällt. Man brauche Zeit, es werde eine gewisse Zeit dauern, es sei eine Frage der Zeit, bis der Erfolg käme.
Nun ist Zeit ein Gut, das in der Bundesliga eigentlich überhaupt nicht vorhanden ist. Nach zwei Spieltagen werden bereits die ersten Krisen heraufbeschworen und Titelfavoriten ausgerufen. Von daher ist es ein gewagtes Experiment, was an der Elbe derzeit abläuft: Das Finden und Bilden einer Mannschaft mitten in der Saison. So etwas ist bisher selten gut ausgegangen.
Das 2:2 am Wochenende gegen den Aufsteiger Hertha BSC war jedenfalls ein deutlicher Fingerzeig, dass der wackere Trainer Michael Oenning mit seinen Bemühungen erst am Anfang steht. Was der Coach anschließend in erfrischender, aber seiner eigenen Sache nicht unbedingt dienlicher Art ausdrückte: Der Satz "So richtig funktioniert bei uns noch gar nichts" wendet sich irgendwann einmal gegen denjenigen, der in sportlichen Dingen die Verantwortung trägt. Das ist wohl wirklich eine Frage der Zeit.
Umbruch hätte früher passieren müssen
Der HSV hat seinen Kader vor der Saison radikal entschlackt. Er hat die Altstars aus den Jahren der Selbstüberschätzung in der Ära von Präsident Bernd Hoffmann ziehen lassen. Ruud van Nistelrooy, Ze Roberto, Frank Rost, Joris Mathijsen sind nicht mehr da, der Verein hat zudem das ewige Talent Piotr Trochowski abgegeben. Man kann angesichts der Leistungen, die das Team in den vergangenen zwei Spielzeiten abgeliefert hat, nicht behaupten, dass dies ein falscher Schritt war. Der Umbruch, von dem beim HSV jetzt die Rede ist, hätte höchstens schon viel früher beginnen müssen. Dann wäre er statt des jetzigen Brachialstils sanfter verlaufen.
Anstelle der hochdotierten Profis der Vergangenheit versucht es der Verein jetzt - ganz nach dem fußballerischen Zeitgeist - mit jungen Spielern Anfang 20: Michael Mancienne ist mit seinen 23 Jahren schon so etwas wie der Dino unter den Neuzugängen. Sein Nebenmann Jeffrey Bruma ist Jahrgang 1991, Offensivkraft Gökhan Töre Jahrgang 1992. Spieler aus dem Talentschuppen des FC Chelsea, die der neue Sportdirektor Frank Arnesen von seinem alten Arbeitgeber aus London mitgebracht hat. Dazu kommt der schon seit längerem beim HSV unter Vertrag stehende hochtalentierte Stürmer Son Heung Min, der seine Anlagen am Wochenende erneut andeutete. Allesamt junge Leute mit Perspektive, denen man aber noch nicht zumuten kann, eine Erstliga-Mannschaft zu führen - was man angesichts der Abwehrleistung gegen die auch kreuzbraven Herthaner deutlich erkennen konnte.
Orientierung zu geben - das wäre die Aufgabe der erfahrenen Profis. Und von denen hat das Team derzeit viel zu wenige, die den Job der Führungspersönlichkeit einnehmen könnten. Mladen Petric kokettiert in regelmäßigen Abständen mit dem Weggang, der Niederländer Eljero Elia ist auf schnurgeradem Wege zum Null-Bock-Profi, Marcell Jansen zu verletzungsanfällig, David Jarolim im Spätherbst seines Schaffens. Torwart Jaroslav Drobny hat genug damit zu tun, die eigene Leistung zu stabilisieren. Und der Kapitän Heiko Westermann ist von dem zur Destruktivität neigenden Hamburger Publikum schon in der Vorbereitung ausgepfiffen worden. Dann gäbe es noch Paolo Guerrero, der sich schon so viele Eskapaden erlaubt hat, dass er sich selbst aus dem Kreis der seriösen Profis disqualifiziert hat: quasi der Hamburger Arnautovic.
Es bleibt von den Arrivierten im Grunde nur Außenverteidiger Dennis Aogo übrig - er ist auch der einzig verbliebene aktuelle DFB-Nationalspieler aus den Hamburger Reihen.
Die Mischung aus Jung und Alt stimmt nicht
Wie man aus diesem Personal ein funktionierendes Team basteln soll, mit stimmigen Hierarchien, mit einem gelungenen Mix aus Jung und Alt - das erscheint zumindest rätselhaft. Und möglicherweise eine zu große Aufgabe für einen Trainer, der zwar die Rückendeckung Arnesens genießt, aber beim HSV sportlich wenig vorzuweisen hat. Oenning hat die Nachfolge Armin Vehs als Cheftrainer am 13. März dieses Jahres angetreten. Das erste Spiel unter seiner Regie gewann der HSV gegen den 1. FC Köln 6:2. Es ist bis heute der letzte Liga-Sieg der Hamburger geblieben. Danach folgten neun erfolglose Auftritte.
"Es wäre Schwachsinn, uns nach zwei Spielen eine Krise anzudichten", hat Aogo nach dem Hertha-Spiel festgestellt. Krise wäre denn auch wahrscheinlich das falsche Wort. Aber die Erwartungshaltung an den Club ist nach den beiden ersten Auftritten noch weiter abgesunken. Zu den Großen der Liga gehört das Team ohnehin seit absehbarer Zeit nicht mehr. Aber in dieser Spielzeit könnte es ernsthaft vorrangig darum gehen, die Klasse zu erhalten. Um nichts anderes.
Das haben aber offenbar noch nicht alle im HSV-Dress tatsächlich begriffen. Aogo hat gesagt, er glaube nicht, dass der nächste Gegner für den HSV unschlagbar sei. Der nächste Gegner heißt Bayern München.
Bis in Hamburg der Dünkel endgültig verschwunden ist, braucht es eben Zeit.
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