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31. Januar 2013, 06:43 Uhr

Neue Torlinientechnologie

Drin oder nicht drin?

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Diskussionen wie die um das Wembley-Tor soll es künftig nicht mehr geben. Dafür soll die Torlinientechnologie sorgen. Zwei konkurrierende Systeme gibt es - die Fifa lässt derzeit beide testen. Nur die Bundesliga ziert sich.

Der Fußball erlebt eine kleine Revolution, und die Welt bemerkt es kaum. Im Dezember ist die Torlinientechnik offiziell eingeführt worden - nach Jahren des Zögerns, des Blockierens und des Streits um die Technologie. Künftig werden, wenn die Technik tatsächlich wie gewünscht funktioniert, ein paar Streitfälle weniger für Aufregung im internationalen Fußball sorgen. Ein nächstes Wembley-Tor soll es nicht mehr geben.

Erstmals angewendet wurde die Technik bei der Clubweltmeisterschaft in Yokohama im Dezember - und im Finale hätte sie tatsächlich beinahe ihren ersten Härtetest absolviert. In dem Spiel, das der FC Chelsea am Ende 0:1 gegen Corinthians São Paulo verlor, kam es zu einem unübersichtlichen Gestocher vor dem Tor der Brasilianer. Torhüter Cassio begrub den Ball unter seinen Körper, knapp vor der Linie. Der Schiedsrichter konnte kaum etwas sehen, wäre der Ball allerdings im Tor gewesen, hätte das Display seiner Armbanduhr ihn mit minimaler Zeitverzögerung darüber informiert.

Ab sofort dürfen alle Ligen und Wettbewerbe eines der beiden vom Fußball-Weltverband lizenzierten Produkte verwenden, mit denen zweifelsfrei ermittelt werden kann, ob ein Ball im Tor ist oder nicht: das britische HawkEye, das bei der Club-WM im Stadion Toyota installiert worden war, oder das deutsche GoalRef, das in Yokohama zum Einsatz gekommen war. In der Düsseldorfer Arena wurden am Dienstag von der Schweizer Firma Empa im Auftrag der Fifa beide Systeme getestet.

"Zurzeit können wir sagen: Es funktioniert", so Joseph Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Bis März will die Fifa die Erfahrungen von Japan ausgewertet haben und sich auf ein System für den Confederations Cup 2013 in Brasilien festlegen, das dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei der WM 2014 zur Anwendung kommen wird.

Fraunhofer-Institut hat Technik entwickelt

HawkEye, bekannt aus dem Tennis, berechnet anhand der Bilder von sechs bis acht im Stadion installierten Kameras, ob ein Ball die Linie überschritten hat oder nicht. Das am Fraunhofer-Institut in Erlangen entwickelte GoalRef-System arbeitet hingegen mit einem Magnetfeld, das im Tor erzeugt wird. Für diese Technik wird ein spezieller Ball benötigt, der drei Spulen enthält, was zu Irritationen bei der Club-WM führte. Tamati Willams, der Torhüter von Auckland City FC merkte an, dass "ein seltsames Geräusch" entstehe, wenn der GoalRef-Ball an den Pfosten oder die Latte klatscht, und Rafael Benitez, der Trainer des FC Chelsea, berichtete: "Die Spieler hatten das Gefühl, der Ball sei zu hart." Der flächendeckenden Einführung der Technik wird das keinen Abbruch tun.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat allerdings entschieden, damit zumindest bis zur WM 2014 zu warten - offenbar scheuen die Vereine die Kosten. "Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Wir sprechen von hohen Anschaffungs-, aber vor allem auch Wartungskosten", sagt Heribert Bruchhagen, Clubchef von Eintracht Frankfurt, der auch einen Vorstandsposten in der DFL bekleidet, der "Welt am Sonntag". Genaue Zahlen gibt es noch nicht, aber wenn die Technik in Serie geht, sinken die Installationskosten, die sich derzeit in einem Rahmen zwischen 300.000 Euro (GoalRef) und 400.000 Euro (Hawk Eye) allein für die erste Installation bewegen.

Kleine Clubs scheuen die Kosten

Für den FC Bayern oder Borussia Dortmund stellt die Finanzierung der Torlinientechnik kein Problem dar, kleinere Clubs werden ob der Kosten aber mächtig ächzen. Das sei "wie mit den Plasmafernsehern, am Anfang waren sie sehr teuer, jetzt werden sie immer günstiger", erwidert Jérome Valcke auf solche Einwände. Der Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes hat weitere Firmen aufgefordert, die nötige Lizenz zu erwerben, um den Wettbewerb zu beflügeln.

Zudem, so heißt es, seien die Systeme den deutschen Vereinen noch nicht exakt genug. Im Lizenzierungsverfahren wurden je nach simulierter Spielsituation Ungenauigkeiten von"plus/minus drei Zentimetern" toleriert. Dem entgegnet ein Fifa-Sprecher, dass "beide Systeme inzwischen viel genauer sind"; und René Dünkler, einer der Ingenieure des Erlanger Fraunhofer-Instituts, sagt: "Verglichen mit dem menschlichen Auge arbeiten die System äußerst exakt." Dem Vernehmen nach haben sich die Verantwortlichen der englischen Premier League und der niederländischen Eredivisie überzeugen lassen, dort wird die Einführung eines der beiden System bereits in der kommenden Saison geplant.

Noch ein wenig zu warten, könnte aber schlau sein. Der von der deutschen Firma Cairos entwickelte "Chip im Ball" hatte zunächst keine Zulassung erhalten, Carios kündigte aber bereits an, die eigene Technik nach dem Lizenzerwerb für 2500 Euro pro Spiel anbieten zu wollen. Ein lukratives Geschäft, wenn in den kommenden Jahren auf der ganzen Welt etliche Stadien mit der Technik ausgestattet werden.

Nur Michel Platini, der Präsident der Uefa, hält all dies für Geldverschwendung, er empfiehlt den in den europäischen Wettbewerben eingesetzten Torrichtern statt der technischen Hilfe "gute Brillen".

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