Hamburg - "Treten Sie zurück, Herr Hoffmann!" Der Aufforderung eines Fans während der Aussprache kam Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, zwar nicht nach. Dennoch könnte seine Zeit als HSV-Chef bald abgelaufen sein.
Bei der Mitgliederversammlung des Clubs mussten am Sonntag turnusmäßig vier der zwölf Aufsichtsratsposten neu besetzt werden. Und die Mitglieder wählten vier ausgewiesene Hoffmann-Kritiker in das Kontrollgremium. SPIEGEL-Redakteur Manfred Ertel, Unternehmer und Ex-Präsident Jürgen Hunke, Schauspieler Marek Erhardt und der Volkswirt Hans-Ulrich Klüver bekamen von den 21 Kandidaten die meisten Stimmen der 2565 wahlberechtigten Mitglieder.
Brisanz erhält dieses Ergebnis durch die Tatsache, dass der Aufsichtsrat im Frühjahr über eine Verlängerung der zum Jahresende auslaufenden Verträge von Hoffmann und dessen Stellvertreterin Katja Kraus entscheiden muss. Um beide mit einem neuen Kontrakt auszustatten, sind acht von zwölf Stimmen nötig. Allerdings scheint derzeit äußerst fraglich, ob die jetzt vier neu gewählten Aufsichtsräte für Hoffmann stimmen. Bei einem weiteren Gegner im Gremium wäre eine Vertragsverlängerung vom Tisch.
Vor der Wahl der Aufsichtsräte hatte es eine fast neunstündige Aussprache der Mitglieder gegeben, bei der Hoffmann massive Kritik einstecken musste. Der hatte insgeheim wohl gehofft, die kurzfristig zum Sitzungsbeginn verkündete Vertragsverlängerung von Nationalspieler Dennis Aogo bis 2015 könnte die Stimmung ein wenig bessern - Fehlanzeige.
Acht HSV-Trainer in acht Jahren unter Clubboss Hoffmann
Mangelnde Transparenz, fehlende Kommunikation und falsche sportliche Weichenstellung lauteten die wichtigsten Kritikpunkte. Als eine "Liste des Versagens und der Peinlichkeiten" bezeichnete der mit den meisten Stimmen in den Aufsichtsrat gewählte Ertel die Bilanz der Club-Führung.
Seit Februar 2003 steht Hoffmann dem Verein vor. In diesen acht Jahren trainierten unter ihm bereits acht Trainer die Hamburger. Auch die mangelhafte sportliche Ausbeute in der laufenden Saison wird zu großen Teilen Hoffmann angekreidet. Nach der Hinrunde belegt der Club mit 24 Punkten nur Platz neun und liegt deutlich hinter seinen Ansprüchen zurück. Ohne die Belastung des Europapokals, für den sich der HSV in der vergangenen Saison nicht qualifizieren konnte, wollte der Club in dieser Spielzeit mindestens Platz fünf und damit die Europa League erreichen. Heimliches Ziel war indes die Champions League.
Auch der Aufsichtsrat bewertete die bisherige Saison als "überhaupt nicht zufriedenstellend. Wir brauchen dringend die sportliche Wende", sagte der Hamburger Unternehmer Alexander Otto, der den Aufsichtsratsvorsitzenden Horst Becker vertrat. Der Chef des Kontrollgremiums, der den Vorsitz abgeben wird, hatte nach einem Glatteissturz operiert werden müssen und fehlte deshalb.
Otto hob wenigstens die gesunde wirtschaftliche Bilanz des Vereins hervor, der in der vergangenen Saison mit 154 Millionen Euro den zweithöchsten Umsatz seiner Geschichte gemacht hat. Dabei blieb ein Gewinn von 283.000 Euro übrig. Der Club verfügt über ein Eigenkapital von 27 Millionen Euro, davon sind 20 Millionen liquide. Allerdings muss der HSV in den kommenden zwei Jahren 20 Millionen Euro Raten für Spielertransfers zahlen.
Um Gelder zu akquirieren, hatte Hoffmann ein Investorenmodell mit dem Hamburger Milliardär Klaus-Michael Kühne eingefädelt. Der hatte dem Club im vergangenen Sommer 12,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und sich im Gegenzug ein Drittel der Transferrechte an Marcell Jansen, Aogo, Heiko Westermann, Paolo Guerrero und Dennis Diekmeier gesichert. Dafür hatte es vereinsintern immer wieder heftige Kritik gegeben, so auch bei der Mitgliederversammlung. "Der Kühne-Deal ist eine Missachtung und Provokation der Mitglieder", sagte Ertel.
Hoffmann hatte bei seiner Akquise immer wieder auf die schwierige wirtschaftliche Situation der Liga hingewiesen und wiederholte bei der Versammlung: "Wir stehen im Wettbewerb mit Vereinen wie Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg, die andere wirtschaftliche Möglichkeiten haben als wir." Aber der Clubchef gab sich auch selbstkritisch: "Wir alle müssen 2011 einen besseren Job machen - und das fängt bei mir an."
ham/sid/dpa
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