Von Christian Paul
Rouel Brouwers brachte es auf den Punkt: "Wenn man zweimal trifft, macht das den Unterschied", sagte Borussia Mönchengladbachs Abwehrspieler am Samstagnachmittag. Gemeint war sein Mannschaftskollege Marco Reus. Der 22-Jährige erzielte beim 2:1-Sieg gegen Hannover 96 beide Tore. Doch so treffend die Analyse von Brouwers auch ist, sie greift zu kurz. Der Niederländer sprach von Reus' Saisontoren Nummer vier und fünf, davon, dass der Europacup-Teilnehmer Hannover nur deshalb keinen Punkt bei der Borussia holte. Doch eigentlich macht Reus bereits in der gesamten Saison der Unterschied aus.
Reus ist Gladbachs Mann für Siege. Derjenige, der mitverantwortlich dafür ist, dass die Borussia, ein durchschnittliches Bundesliga-Team, derzeit auf Rang fünf steht. An mehr als der Hälfte der 13 Gladbacher Saisontore ist der Offensivspieler bisher beteiligt gewesen. "Es ist unglaublich, wie viele Chancen er sich selber erarbeitet", sagte Gladbachs Kapitän Filip Daems. Auch gegen Hannover war Reus der auffälligste Spieler in einer Mannschaft, die hinten einmal mehr gut verteidigte - und vorne auf gelungene Aktionen ihres schnellen Offensivakteurs hoffte. Die Gäste-Abwehr war mit den Tempo-Dribblings von Reus regelmäßig überfordert.
Nach Zuspiel von Mike Hanke erzielte Reus mit einem Linksschuss ins kurze Eck die 1:0-Führung für die Gastgeber, Gegenspieler Emanuel Pogatetz tanzte er zuvor mit einer Körpertäuschung aus. In der zweiten Hälfte traf der Borussen-Torjäger mit einem sehenswerten Rechtsschuss von der Strafraumgrenze zum 2:1. 96-Coach Mirko Slomka sagte: "Die Gladbach-Offensive, insbesondere Marco Reus, war sehr gut."
39 Scorerpunkte in 76 Bundesligaspielen
In bisher 76 Bundesligaspielen kommt Reus auf 39 Scorerpunkte für Gladbach. Das ist ein Spitzenwert. Und es ist der Ausdruck eines latenten Ungleichgewichts. Trainer Lucien Favre mag es nicht, wenn der Fokus nur auf den ehemaligen Ahlener Spieler gerichtet ist, der 2009 für eine Ablösesumme von einer Million Euro nach Gladbach gewechselt war. "Wir müssen aufhören, immer nur über die Torchancen von Marco Reus zu sprechen." Aber er weiß, wie gefährlich die Abhängigkeit von Reus ist. "Es müssen aber endlich auch andere Spieler gute Möglichkeiten kreieren."
Geht es nach dem Boulevard, dann spielt Reus in der kommenden Saison beim FC Bayern. Erst ließ deren Trainer Jupp Heynckes verlauten, der Rekordmeister solle in jedem Jahr zwei Superstars kaufen. Dann sagte Vorstandschef Karl-Heinz-Rummenigge, der Gladbacher sei ein "interessanter Spieler". Und schließlich stellte Philipp Lahm fest: "Die besten deutschen Spieler sollten beim besten deutschen Verein spielen. Und das ist der FC Bayern."
Der Zeitpunkt dieses öffentlichen Geschachers überrascht nur auf den ersten Blick. Reus besitzt in Gladbach einen Vertrag bis 2015. Dieser soll allerdings eine Ausstiegsklausel enthalten, die es Reus angeblich ermöglicht, im Sommer 2012 für 18 Millionen Euro wechseln zu können. In jedem weiteren Jahr soll sich die Ablöse um drei Millionen Euro verringern. Erst 2015, nach Ablauf seines Vertrags, wäre der schnelle Außenspieler ablösefrei. Selten konnten Kaufintessenten derart genau mit anstehenden Kosten kalkulieren wie im Fall Reus.
Sein Trainer Favre versuchte wie immer Ruhe zu bewahren: "Es ist normal, dass Bayern Interesse an so einem Spieler hat. Das verstehe ich sehr gut. Aber er kann noch viele Fortschritte machen. Die würde ich gerne mit ihm machen." Es ist verständlich, dass der Schweizer so denkt. Niemand weiß besser wie es ist, seine besten Spieler zu verlieren. Vor der Saison 2009/2010, Favre war damals bei Hertha BSC Berlin tätig, musste er mit ansehen, wie der Club Andrej Voronin, Marko Pantelic und Josip Simunic nicht halten konnte. Der Vorjahres-Vierte rutschte ohne adäquaten Ersatz ab, Favre wurde im September entlassen.
"Ich finde das paradox"
Die jetzige Situation in Gladbach weist Parallelen zu jener Zeit auf. Neben Reus kann Favre derzeit auf den starken Torwart Marc-André ter Stegen und den robusten Innenverteidiger Dante bauen, der bereits häufiger mit einem Wechsel kokettiert hatte. Ob beide im nächsten Sommer noch bei der Borussia aktiv sind, dürfte auch davon abhängen, wie sich Erfolgsgarant Reus entscheidet.
Der nimmt das Interesse der Bayern zur Kenntnis. Es sei schön und freue ihn, sagte er. Gladbachs Sportdirektor Max Eberl reagierte am Samstag deutlich genervter: "Ich finde das ein bisschen paradox. Bayern hat im letzten Jahr Louis van Gaal entlassen, weil sie unbedingt in die Champions League wollten. Jetzt sind sie in der Saison, wo sie richtig gut gestartet sind, wo sie super Potential haben. Jetzt sollten sie sich auf die Champions League konzentrieren und nicht auf irgendwelche Spieler, die ihnen dieses Jahr sowieso nicht helfen können."
Das klingt nicht nach Argumenten, sondern eher nach Angst. Eberl weiß selbst, dass es im Fall Reus nicht darum geht, ob das derzeit größte Gladbacher Talent wechselt, sondern wann. Der Sportdirektor fürchtet offenbar vielmehr, dass bereits in dieser Spielzeit unnötig Unruhe einkehrt und Reus' Leistungen, und damit die Erfolgsaussichten der Borussia, dramatisch abfallen.
Dass Reus wie im Sommer dieses Jahres dem Werben anderer Clubs widersteht, erscheint illusorisch. Der Jungnationalspieler weiß, dass es für seine Entwicklung besser ist, bei einem Verein mit dauerhafter internationaler Perspektive zu spielen. Das Potential dazu hat er allemal.
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