Belgiens Sieg gegen Ungarn Eden im Diesseits

Eden Hazard gilt seit Jahren als größtes Versprechen des belgischen Fußballs - kann es aber nur selten halten. Mit einer Gala im Achtelfinale gegen Ungarn beendete er jetzt seine monatelange Formkrise.

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Ausgangslage: Auch wenn einige Spiele äußerst knapp ausgingen, eine richtige Überraschung gab es im EM-Achtelfinale noch nicht. Wegen des Qualitätsunterschieds zwischen Ungarn und Belgien lag auch in Toulouse keine Sensation in der Luft - oder doch? Die Vorrunde hatte aus Ungarns Zwergen Storcks Riesen werden lassen. Belgien wiederum wusste bisher nur zeitweise zu überzeugen. Wer in Tippspielen etwas aufzuholen hatte, dachte deshalb zumindest über einen Risikotipp nach.

Das Ergebnis: Mit einem spektakulären 4:0-Sieg ist Belgien ins Viertelfinale eingezogen. Dort kommt es am kommenden Freitag zum Duell mit Wales (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Startaufstellungen
Ungarn: Király - Kádár, Guzmics, Juhász, Lang - Nagy, Gera - Lovrencsics, Pintér, Dzsudzsák - Szalai.
Belgien: Courtois - Meunier, Alderweireld, Vermaelen, Vertonghen - Nainggolan, Witsel - Mertens, De Bruyne, Hazard - Lukaku.

Kurzfristiger Ausfall: Beim 3:3 gegen Portugal wurde er zwar geschont, aber László Kleinheisler war im bisherigen Turnierverlauf ungarischer Schlüsselspieler. Der Bremer, in der Bundesliga noch nicht wirklich angekommen, verletzte sich aber beim Warmmachen und wurde durch Ádám Pintér ersetzt.

Erste Halbzeit: Es ist nicht ganz klar, ob die guten Vorrundenergebnisse Trainer Bernd Storck haben übermütig werden lassen oder ob die ungarischen Spieler den taktischen Plan eigenmächtig geändert haben. In jedem Fall spielte die offensive Ausrichtung der Magyaren den konterstarken Belgiern in die Karten. 16 Torschüsse gaben die Roten Teufel im ersten Durchgang ab - Rekord bei dieser bisher so defensiven Europameisterschaft. Den einzigen Treffer erzielte mit Toby Alderweireld ein Abwehrspieler nach Freistoßflanke von Kevin De Bruyne (10. Minute).

Die fliegende Jogginghose: Während Torwartkollege Thibaut Courtois nur einmal mit einer Slapstick-Einlage in den Mittelpunkt rückte, war Gábor Király der Mann der ersten Halbzeit. Im Alter von nun 40 Jahren, zwei Monaten und 26 Tagen flog der ehemalige Bundesligaprofi wie ein Jungspund durch den Fünfmeterraum, insgesamt parierte er sieben Schüsse auf sein Tor. Besonders spektakulär war der mit den Fingerspitzen an die Latte gelenkte Freistoß von De Bruyne.

Gábor Kiraly lenkt einen De-Bruyne-Freistoß an die Latte
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Gábor Kiraly lenkt einen De-Bruyne-Freistoß an die Latte

Zweite Halbzeit: Die schlechte Chancenverwertung der Belgier hatte Ungarn in der Partie gehalten - und plötzlich fand der Außenseiter auch selbst ins Spiel. Ádám Szalais Kopfball wurde in höchster Not von Thomas Vermaelen zur Ecke geklärt (54.), Courtois zeigte bei Pintérs abgefälschtem Schuss erstmals sein Können (66.) und Roland Juhászs Schuss zischte gefährlich durch den Fünfmeterraum (68.). Belgien bettelte um den Ausgleich - und entschied dieses Achtelfinale mit dem Jokertor von Michy Batshuayi (78.). Kapitän Eden Hazard erhöhte 94 Sekunden später auf 3:0 (79.) und der ebenfalls eingewechselte Yannick Carrasco setzte in der Nachspielzeit den Schlusspunkt.

Gewinner des Spiels: Eden Hazard gilt seit Jahren als größtes Versprechen des belgischen Fußballs. Der Tempodribbler steckte beim FC Chelsea aber monatelang in der Formkrise, die er auch mit in die EM nahm. Aus und vorbei! Gegen Ungarn hat der 25-Jährige mit vielen spektakulären Szenen gezeigt, wieso ihn mancher Experte sogar für einen kommenden Weltfußballer hält. Wie er vor dem 2:0 den Ball mit dem Außenrist in den freien Raum spielte, an den verdutzten Abwehrspielern vorbeisprintete und den freien Batshuayi bediente, war an Raffinesse nicht zu überbieten. Gehört in jedes Highlightvideo der EM 2016. Und auch sein Tor zum 3:0 war sehenswert.

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EM 2016: Belgien schlägt tapfere Ungarn

Der Blick aufs Viertelfinale: Belgien musste im Vorfeld der EM auf Schlüsselspieler Vincent Kompany und Abwehrkollege Nicolas Lombaerts verzichten. Die Defensive wurde zur Problemzone erklärt, was sich bisher nur teilweise bewahrheitete. Nun fällt im Viertelfinale gegen Wales mit dem gelbgesperrten Thomas Vermaelen der nächste Innenverteidiger aus - Trainer Marc Wilmots wird ein weiteres Mal basteln müssen.

Erkenntnis des Spiels: Die linke Flanke des Turnierbaums ist offen, Belgien kann dem Ruf als Geheimfavorit wirklich gerecht werden. Mit Eden Hazard in dieser Galaform erscheint Vieles möglich.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
batig 27.06.2016
1.
Was war zwar ohne Frage ein verdienter Sieg der Belgier aber ich fand es dennoch erstaunlich, dass sie die Ungarn zu, gemessen an der Qualität, zu recht vielen Chancen haben kommen lassen. Angst und Bange wird einem da nicht gerade.
aurichter 27.06.2016
2. Wer als NM Trainer
diese Spiele der Roten Teufel liest/sieht, der wird genau die gleiche Taktik fahren wie die Belgier. Wenn diese das Spiel selbst machen müssen, Italienspiel !, dann kommt die Ratlosigkeit. Bemerkenswert ist das rasante Umschaltspiel, aber auch dagegen gibt es Mittel, wie man bspw mit Hazard in der BPL gesehen hat bei Chelsea. Verdient gewonnen, weil Ungarn nicht die Möglichkeiten hatte um das Umschaltspiel auch nur ansatzweise zu unterbinden. HF Knaller gegen Polen?
omop 27.06.2016
3. Überzeugend wurden die Belgier erst ab der 75. Minute..
als Ihnen die Ungarn viel Platz zum Kontern anbieten mussten. Daher zwar ein eindeutig verdienter Sieg, aber ich bleibe dabei: die Mannschaft lebt im wesentlichen von Hazard und de Bruyne. Der Rest ist nicht schlecht, hat aber m.E. (noch) kein Topniveau.
ZeroQ 27.06.2016
4. ...
Kann mich meinen Vorposter anschließen. Solange Belgien auf Konter spielen kann, liefert die Mannschaft ein gutes bis sehr gute Spiel ab. Müssen die Belgier das Spiel selbst gestalten, fehlt es ihnen einfach an der Qualität. Es stehen nunmal 11 Spieler auf dem Plat und nicht nur Hazard un de Bruyne. Die einzige Mannschaft, die mich bis zum jetztigen Zeitpunkt am meisten überzeugt hat, war die deutsche NM. Bin mal gespannt, was heute Abend meine Mannschaft die Italiener sich schlagen werden. Aber wie gesagt, bis zum jetztigen Zeitpunkt hätte die deutsche Mannschaft den Titel verdient.
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