Unter vier Augen mit dem Superstar Elf Minuten Zidane

Von einem Interview mit Zinedine Zidane träumt jeder Sportjournalist. Ein Gespräch unter vier Augen mit "Zizou", dem besten Fußballer der Welt. SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner hat es geschafft und bekam eine Audienz beim französischen Magier. Drei Monate Arbeit für aufregende elf Minuten.


Zidane: Er spricht ernst, ehrlich, offen
AFP

Zidane: Er spricht ernst, ehrlich, offen

Dies ist die Geschichte einer wahren Begebenheit, einer wirklichen Begegnung. Man muss das doppelt unterstreichen, weil so viele davon träumen, Zinedine Zidane in irgendeiner Form "persönlich" getroffen zu haben. Die Zeitungen sind voll davon, gerade jetzt, zu Beginn der EM. Die Artikel sagen, irgendwie: Zidane hat mir dies gesagt, Zidane hat mir das gesagt. Aber die Kollegen saßen meistens in Gruppen zu 150 oder 300 Leuten in eng gestellten Stuhlreihen und schrien Fragen in Richtung Zidane. Es ist verdammt schwer, so einen zu treffen.

Die Geschichte dieser Begegnung beginnt schon vor Monaten. Sie führt in die Pressestellen großer Konzerne, zu PR-Managern von adidas oder Ford, zu "virtuellen Pressezentren" von Volvic und Danone, sie führt zu den Pressestäben von Real Madrid, zu den Öffentlichkeitsarbeitern des Französischen Fußballverbands und des Weltverbands Fifa. Es gehen Faxe hin und her, viele, es werden E-Mails getauscht, sehr viele, es wird erörtert, wie ein Treffen, ein Interview mit Zinedine, Zizou, Zidane organisiert werden könnte.

Hat Zidane vielleicht einen Joghurt-Foto-Termin, bei dem man ihn treffen könnte? Werden irgendwo neue Fußballschuhe vorgestellt, ein neuer Ball, ein neues Logo? Finden Aufnahmen statt für neue Mineralwasser-Clips? Könnte man ihn beim Shooting für die Supermarktkette Carrefour für ein paar Fragen bekommen? Oder klappt es nach dem Training in Madrid? Vor dem Training mit der französischen Nationalelf?

"Wird schon klappen. Leben Sie wohl"

Alle Wege zu Zidane führen irgendwann zu Alain Migliaccio. Das ist eine Stimme auf einem Anrufbeantworter, die auf Französisch und auf Spanisch sagt, dass Alain Migliaccio nicht erreichbar ist. Migliaccio ist eine Art Manager von Zidane. Er hat Zugang. Zidane vertraut ihm. Man kann ihm Faxe schicken, mit der Bitte um Audienz. Man kann viele Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Dann, es ist wie ein Schock, ist er am Apparat.

"Monsieur? Alain Migliaccio hier. Also, nächste Woche, beim Trainingslager der Franzosen in Clairefontaine." - "Oh, das ist schön! Wann ist der Termin?" - "Es gibt keinen Termin. Sie werden ihn dort schon irgendwie kriegen." - "Aber weiß er denn überhaupt, dass ich komme?" - "Naja, wird schon klappen...leben Sie wohl."

Es ist der Mittwoch vor der Abreise zur EM. Die französische Nationalmannschaft trainiert auf einem schönen Nebenplatz in Frankreichs nationaler Fußballschule Clairefontaine. Sie trainieren Kraft und Schnelligkeit ohne Ball. Sprints, immer wieder, Slalomlaufen. Sie sind, aus der Nähe gesehen, fast alle übermenschlich schnell. Henry. Thuram. Makelele. Wiltord.

Gegen Mittag endet die Übung. Die Spieler, auch Zidane, verlassen den Platz, sie gehen unter die Dusche. Die Journalisten, die am Spielfeldrand lungerten, gehen in ein für sie aufgebautes weißes Zelt, in dem Tapeziertische mit Wasserflaschen und Kaffeekannen stehen. Das Zelt überdacht 40 mal 20 Meter Grund, es füllt sich mit Kamerateams, Fotografen, Schreibern. Alle wollen Zidane sehen, Zidane sprechen. Es wird beide Ellenbogen brauchen.

Spieler kommen, Thuram, Desailly. Der Pressechef der Nationalmannschaft führt sie herum wie Trophäen. Er hat einen Block in der Hand, auf dem Kritzeleien stehen. Immer wenn ein Spieler kommt, blättert er und führt sie dann zu "Canal plus" oder zu den Leuten von "L'Equipe" oder zu anderen Spezis. Mit dem SPIEGEL will er gar nicht erst reden. "Ach, wissen Sie, hier haben 500 Leute ein Rendez-vous mit Zidane. Wenn Sie auch eins haben, schön für Sie. Dann wird er ja gleich kommen und mit Ihnen reden."

Er kommt. Er wird zu Canal plus geführt. Er wird zu einem Pulk Radio-Reportern geführt. Er wird in einen langgestreckten Raum geführt, wo 60, 70 Schreiber auf Stapelstühlen warten. Sie stellen Fragen danach, wie es in Madrid läuft ("Gut"). Was er vom französischen Gegner England hält ("Stark"). Ob es komisch sein wird, gegen seinen Team-Kameraden Beckham anzutreten ("Nein"). Zidane langweilt sich. Er gibt kurze Antworten. Er lächelt.

Er verzaubert Gegenspieler und Gesprächspartner

Dann steht er auf. Jetzt oder nie. Auf dem Weg aus dem Raum, ins große Zelt, spreche ich ihn an. Aber wie? Zizou? Monsieur Zidane? Zinedine? Ich spreche ihn gar nicht mit Namen an. Ich sage: "Entschuldigen Sie, ich habe mit Alain Migliaccio gesprochen. Er sagt, dass wir einen Interviewtermin haben." Zidane ist während meiner Ansprache schnell weitergegangen, gehetzt, ich bin ja nur einer von 500. Aber nun bleibt er stehen. "Der Deutsche, ja. Gut, wie spät ist es? Also los, eine Viertelstunde."

Wir setzen uns in eine Nische, allein, abgeschirmt durch Stellwände, ein schmaler Tisch zwischen uns. Wir reden unter vier Augen. Meine Fragen richten sich nicht aufs Aktuelle. Sie gehören zu einem Porträt. Ich will wissen, wie er seine Kindheit in Marseille erlebt hat. Wie wichtig der steinige Platz war, auf dem er als Kind Fußball spielte. Zidane stimmt zu. Der Platz erkläre viel. Aber nicht alles, sagt er. Die Jahre später, bei Cannes, bei Bordeaux, bei Turin, hätten ihn als Spieler erst geformt. Aber die Spielfreude, das Eigentliche, das Wichtige, das habe er als Kind begriffen, in Marseille, in der Betonvorstadt, aus der er stammt.

Zidane: Moderner Held
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Zidane: Moderner Held

"Sie sind schon oft mit einem Mönch verglichen worden. Ist es nicht so, dass Sie in Cannes, auf dem Fußballinternat, fern von Freunden und Familie, wirklich wie im Kloster gelebt haben?" - "Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Es stimmt schon, ich war jung, von zu Hause weg, ich habe viel gearbeitet dort. Aber wir hatten auch eine gute Gemeinschaft in Cannes. Ich fühlte mich nicht so isoliert wie das klingt, wenn man Mönch sagt oder Kloster."

Seine Ausstrahlung ist noch stärker, als man es sich vorstellt. Es geht eine Milde von ihm aus, eine Freundlichkeit, die noch die schönsten Klischees von ihm übersteigen. Wer vor einem Gespräch mit Zidane schon meinte, er sei ein netter Kerl, ist nach einem Gespräch davon überzeugt: Er ist ein guter Mensch. Freundlich. Interessiert. Zugewandt. Höflich. Er verzaubert jeden, Gegenspieler oder Gesprächspartner. Schlecht rasiert, wie er da sitzt, im Trainingsanzug, ein moderner Held.

"Sie sind in diesem Jahr zum beliebtesten Franzosen gewählt worden. Wie fühlt sich das an für Sie?" - "Es ist eine große Ehre, aber auch eine schwere Verantwortung." - "Ist es nicht sogar eine Last? Man hat oft das Gefühl, dass Sie unter dem Ruhm leiden." - "Leiden ist zu viel gesagt. Aber es ist wirklich oft sehr schwer. Nur - beklagen darüber kann ich mich nicht. Das große Interesse ist ja eine Folge meines Talents, meines Spiels. Die Leute haben Anspruch darauf, dass ich etwas von dem zurückgebe, was mir geschenkt worden ist."

Zidane spricht ernst, ehrlich, offen. Nach elf Minuten kommt der Pressechef mit dem Schreibblock um die Ecke. Wir müssen Schluss machen. Wir stehen auf. Wir geben uns die Hand und gehen ins große Zelt. Die Kollegen sehen mich an, als käme ich vom Mars. Das ist, nach drei Monaten Arbeit an einem Elf-Minuten-Interview, ein sehr gutes, exklusives Gefühl.



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