Urteil gegen Entfristung von Fußballprofis Das hier ist ein Arbeitnehmer

Fußballer haben kein Anrecht auf normale Arbeitnehmerrechte, findet das Bundesarbeitsgericht. Die Auffassung mag populär sein. Tatsächlich haben die Richter aber einfach die Position der Vereine übernommen.

Fußballprofi Neymar
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Fußballprofis seien keine normalen Arbeitnehmer. Das hat der ehemalige Mainzer Torwart Heinz Müller jetzt schriftlich, nachdem seine Revision am Bundesarbeitsgericht abgelehnt wurde. Müller hatte gegen die Befristung von Arbeitsverträgen im Profisport geklagt.

Zurückgewiesen wurde Müllers Ansinnen mit der Begründung, Leistungssportler erbrächten keine normale "Arbeitsleistung", weshalb der normale Schutz von Arbeitnehmern vor Kettenbefristungen, also vielen aufeinander folgenden Zeitverträgen, hier nicht gelte.

Wer jetzt an Neymar und Ronaldo denkt, wird dem Urteil vermutlich spontan zustimmen. So ist wohl auch die Stellungnahme des Anwalts von Mainz 05, Johan-Michael Menke, zu verstehen. Er wird mit der Aussage zitiert: "Das ist eine Hochleistungsbranche". Das zeigten schon die Millionengehälter, die Profis oft verdienten.

Spieler verdienen Millionen - weil die Klubs Millionen verdienen

Dieser Zusammenhang ist jedoch völlig willkürlich. Denn die Gehaltshöhe von Fußballprofis erklärt sich nicht aus der Art ihrer Tätigkeit, sondern daraus, dass ihre Arbeitgeber Millionen mit ihnen verdienen können und deshalb so viel investieren, um sich die besten Profis zu sichern. Viele Fußballer verdienen weitaus weniger, wenn sie in unteren Ligen spielen. Oder wenn ihre Karrieren aus Verletzungsgründen oder aus anderen Gründen mit Anfang zwanzig vorbei sind.

Richterin Edith Gräfl sagte in der Verhandlung: "Vom Fußball werden sportliche Höchstleistungen erwartet, man kann nicht davon ausgehen, dass diese bis zum Rentenalter zu erbringen sind." Das käme nun allerdings darauf an, wo das Rentenalter für Fußballer beginnt. Theoretisch könnte man ja die Pensionsgrenze für Fußballer bei 35 Jahren ansetzen. Bis dahin gäbe es dann eigentlich nur einen Grund für eine Befristung der Verträge: das Interesse der Vereine.

Die begrüßten das Urteil erwartungsgemäß. In einer Stellungnahme der DFL heißt es: "Diese Entscheidung ist im Sinn und im Interesse des Wettbewerbs, der Klubs, der Fans und auch der Spieler, gerade auch im Hinblick auf andere diesbezügliche Verfahren." Wenn man der Perspektive der Klubs folgt, stellt sich aber die Frage, warum nicht auch mittelständische Straßenbauunternehmer nur noch mit Zeitverträgen arbeiten sollten, damit sie bei Bedarf ältere Arbeitnehmer rauswerfen und jüngere einstellen können.

Auch Bosman hat den Fußball nicht ruiniert

"Das ganze System des Profifußballs würde zusammenbrechen", hieß es oft als Warnung vor einer Anerkennung von Müllers Klage. Das gleiche hat man aber auch vor dem Bosman-Urteil gesagt, welches 1995 dafür sorgte, dass Vereine nach Ablauf von Verträgen keine Ablösesummen mehr kassieren durften. Seitdem sind nicht nur die Einnahmen der Spieler, sondern eben auch die der Klubs explodiert.

Was genau würde passieren, wenn Profis wie normale Arbeitnehmer behandelt würden? Nehmen wir an, Fußballerverträge dürften ab einer gewissen Vertragslaufzeit nicht mehr befristet werden, zumindest nicht vor dem 35. Lebensjahr. Hieße das, dass Vereine dann irgendwann Hunderte von Spielern beschäftigen müssten? Nein, es heißt, dass die Spieler den Verein verlassen könnten, wenn sie wollten, wie jeder Arbeitnehmer sonst auch. Und dass die Vereine sich von den Spielern trennen könnten, die sie nicht mehr beschäftigen wollen - aber nicht ohne eine Abfindung oder eine einvernehmliche Einigung.

Würde das das Geschäftsmodell des Profifußballs ändern? Ziemlich sicher. Genau wie der Kündigungsschutz, der Mindestlohn oder die 40-Stunden-Woche das Geschäftsmodell anderer Branchen verändert haben. Daran zugrunde gegangen ist keine von ihnen.



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noeufmaison 16.01.2018
1. Ist ja eigentlich ganz niedlich...
.....das in dem Kommentar suggeriert wird, die Übernahme der Position einer Prozesspartei - hier: der Vereine - habe irgendwelchen Einfluss auf die Qualität oder Überzeugungskraft einer Entscheiung. Bei einem Urteil ist es aber doch regelmäßig so, dass das gericht einer Prozespartei folgt. Weil deren Position materiellrechtlich richtig ist und prozesual durchsetzbar ist. Klar, es ist ein Kommentar, aber das Urteil Bosman des EuGH ist mit der hier zu entscheidenden Frage, ob ausnahmsweise Befristungen zulässig sind, nicht vergleicbar. Beim BAG ging es um sachliche Gründe für ein Abweichn vom reglmäßig auf unbestimmte Zeit geschlossenen Dienstvertrag, beim EuGHum die Frage der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Ja, beides sind fomal Urteile, und ja, es ging irgendwie um Fußballprofis, das wars aber auch mit den Gemeinsamkeiten.
Affenhauptmann 16.01.2018
2. Was sonst?
Das Urteil ist das einzig mögliche Ergebnis, auch wenn Heinz Leistungwarniewirklichgut Müller in erster Instanz gewonnen hatte. Alles andere würde zur sofortigen Abschaffung des Profisports führen (vielleicht gar nicht so schlecht) - oder soll ein Fussballer einen Vertrag bis zum Erreichen des Rentenalters erhalten???? Dann würde heute Uli Hoeneß noch spielen.
wjr69 16.01.2018
3. Weltfremd
Hieße das, dass Vereine dann irgendwann Hunderte von Spielern beschäftigen müssten? Nein, es heißt, dass die Spieler den Verein verlassen könnten, wenn sie wollten, wie jeder Arbeitnehmer sonst auch. Und dass die Vereine sich von den Spielern trennen könnten, die sie nicht mehr beschäftigen wollen - aber nicht ohne eine Abfindung oder eine einvernehmliche Einigung. Tut mir leid, aber diese Auffassung ist weltfremd. Die meisten Spieler verdienen schon jetzt soviel, dass sie ihren Vertrag dann bis zum gesetzlichen Rentenalter oder zumindest bis zu dem Alter absitzen würden, bis zu dem eine Befristung dann erlaubt wäre. Ein Herauskaufen wäre so teuer, dass dies sich die wenigsten Vereine leisten könnten. Auch der Vergleich zu Bosman geht fehl. Nach diesem Urteil hatte die Vereine zumindest die Möglichkeit, sich über langfristige Verträge mit jungen Spielern eine Ablöse zu sichern. Vergleichbar Möglichkeiten, Spieler vor der Rente oder dem Ablauf einer dann zulässigen Befristung loszuwerden, bestünden nicht oder wären zu teuer (s.o.). Jedenfalls hat das BAG in Erfurt im Vergleich zum Arbeitsgericht Mainz noch gesunden Menschenverstand walten lassen.
Ihr alle seidScheinheilig 16.01.2018
4. Ich lach mich tod........
....... Ihren Spielbericht will ich lesen, wenn 20 fünfunddreißigjährige sich in der 1. Buli gegenüberstehen? Sind es nicht Sie und Ihre Kollegen, die bei einem Durchschnittsalter von keinen 30 Jahren die Überalterung des Bayernkaders bemängeln? In diesem Bezug verweise ich auf meinen Nichname! Vergessen wir bitte nicht, dass in einer 10 jährigen Fußballerlaufbahn ein vielfaches eines Lebensverdienstes eines Arbeiters eingenommen wird! Und übrigens, die körperliche Belastung eines Bauarbeiters ist hoch, aber in den vergangenen Jahren erheblich gesunken. Da zählt Erfahrung, die bei einem 60jährigen ein Vielfaches beträgt und durch Jugend nicht zu ersetzen ist, wie bei Journalisten! Wer weiß, vielleicht kann man in 30 Jahren selbst Ihre Kommentare lesen?
MatthiasPetersbach 16.01.2018
5.
Man sollte doch meinen, daß man vor dem Kommentieren den Artikel gelesen haben sollte. Es geht hier tatsächlich nicht um die drohende Rentnerliga. Sondern darum: "Was genau würde passieren, wenn Profis wie normale Arbeitnehmer behandelt würden? Nehmen wir an, Fußballerverträge dürften ab einer gewissen Vertragslaufzeit nicht mehr befristet werden, zumindest nicht vor dem 35. Lebensjahr. Hieße das, dass Vereine dann irgendwann Hunderte von Spielern beschäftigen müssten? Nein, es heißt, dass die Spieler den Verein verlassen könnten, wenn sie wollten, wie jeder Arbeitnehmer sonst auch. Und dass die Vereine sich von den Spielern trennen könnten, die sie nicht mehr beschäftigen wollen - aber nicht ohne eine Abfindung oder eine einvernehmliche Einigung." Was ist daran nicht zu verstehen?
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