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Urteil zu Pay-TV: Rummenigge sieht Europas Fußball in Gefahr

Bayern gegen Dortmund live und umsonst? Das könnte es bald wirklich geben, wenn auch nur im Ausland. Bayernboss Karl-Heinz Rummenigge schlägt deshalb vor einer anstehenden Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes Alarm. Gleichzeitig kritisiert er den Pay-TV-Sender Sky.

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Bayerns Vorstandsvorsitzender Rummenigge: "Ganz gefährliche Zeiten"

Hamburg - Grund für Rummenigges Vorstoß ist eine Klage, bei der es um gravierende Einschränkungen im Bereich der Sportlizenzrechte geht. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg beschäftigt sich damit, ob kostenlose Live-Übertragungen von Fußballspielen oder anderen Sportereignissen unter Verwendung ausländischer Decoderkarten erlaubt sind. Es wäre in diesem Fall nur noch schwer, Lizenzeinnahmen im EU-Ausland zu erlösen. In der Saison 2009/2010 erzielte die DFL nach eigenen Angaben über 40 Millionen Euro mit diesen Auslandslizenzen.

In England hatte eine Kneipenbesitzerin geklagt, die im Jahr 2007 Liveübertragungen von Spielen der Premier League öffentlich gezeigt hatte. Dazu nutzte die Wirtin aus der Nähe von Portsmouth jedoch keine Gaststättenlizenz des britischen Pay-TV-Anbieters Sky, sondern importierte einen Satelliten-Decoder eines Anbieters, der zu diesem Zeitpunkt in Griechenland die Übertragungsrechte für die Spiele der höchsten englischen Liga besaß. So sparte sie rund 5000 Pfund pro Jahr.

"Das ist mehr als eine Gefahr, wenn so etwas gestattet wäre. Wenn dieses Szenario von der Politik in Brüssel umgesetzt wird, dann kommen auf den Profifußball in Europa gefährliche Zeiten zu, dann gute Nacht! Das wäre für alle Vereine in Europa eine Katastrophe, vor allem für die fünf großen Ligen", sagte Rummneigge, der auch Vorsitzender der Europäischen Club-Vereinigung (ECA) ist.

"Für dieses Preis-Dumping wäre dann die Politik verantwortlich. Die muss verstehen, wie der Wirtschaftszweig Fußball funktioniert. Und ein wichtiger Bestandteil sind eben die Fernseheinnahmen", sagte Rummenigge. So würde man "vor allem die kleinen und mittleren Clubs in die Insolvenz treiben. Sie könnten ohne die solidarische Vermarktung und die entsprechenden TV-Einnahmen nicht überleben. Aber selbst bei den großen Clubs würde so ein Urteil Spuren hinterlassen", sagte Rummenigge.

Wo mehr Geld ist, kann auch mehr verbrannt werden, könnte man dagegen halten. Doch auch auf dieses Argument hat Rummenigge eine Antwort. Diese heißt "Financial Fair Play", das die Europäische Fußball-Union (Uefa) zusammen mit der ECA auf den Weg gebracht hat. Alle Vereine hätten seit dem Bosman-Urteil "Vollgas gegeben. Diese Clubs haben nun auch dafür zu sorgen, dass die Fußball-Welt wieder ein Stück rationaler wird."

Keine Diskussion um die Verlegung der Sportschau

Im Moment sei dies noch längst nicht der Fall, so Rummenigge: "Ich möchte daran erinnern, dass über 50 Prozent der Clubs in Europa rote Zahlen schreiben. In dieser Form ist der Fußball nicht überlebensfähig, dieses System kann so nicht mehr funktionieren." Deshalb sei es wichtig gewesen, dass die Uefa ein Konsens-Modell erarbeitet habe, "um diese Entwicklung zu stoppen".

Rummenigge ist sicher, dass der europäische Verband und sein Chef Michel Platini auch die ganz großen Clubs aus der Champions oder Europa League ausschließen würde, sollten die ihr Verhalten nicht ändern. "Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Platini am letzten Tag der Transferperiode fast explodiert ist, als er die Nachrichten aus England vernommen hat. Es ist schon extrem irritierend, wenn ein Verein (FC Chelsea, d. Red.) am Morgen 83 Millionen Verlust ausweist - und am Nachmittag dann 85 Millionen in Transfers investiert", sagte Rummenigge.

Einmal in Fahrt, arbeitete sich der 55-Jährige auch gleich am hiesigen Pay-TV-Sender Sky ab: Man müsse Sky "mehr in die Verantwortung nehmen. Immer nur darauf zu verweisen, dass wir in Deutschland eine besondere Free-TV-Landschaft haben, ist mir zu wenig. Das war vor 20 Jahren schon bekannt. Die Pay-TV-Sender und auch die DFL müssen dem Kunden Konzepte anbieten, die so überzeugend sind, dass endlich eine positive Entwicklung stattfindet. Überzeugen und nicht mit Entzug von Free-TV drohen, ist hier der Schlüssel", sagte der frühere Nationalspieler.

Noch mehr Exklusivität für die Pay-TV-Sender lehnte Rummenigge ab: "Wenn man diesen Weg gehen würde, wäre der wieder sehr negativ behaftet. Diese Diskussionen, etwa die ARD-Sportschau zu verschieben, um dafür im Pay-TV mehr Exklusivität zu haben, gab es ja schon einige Male - mit dem Ergebnis, dass Pay-TV noch negativer diskutiert wurde."

mig/sid/lto

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