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Torwart mit Tourette-Syndrom: "Ich lasse den Arm zucken"

US-Nationalkeeper Tim Howard (l., im WM-Spiel gegen Ghana 2010): Keine unkontrollierten Flüche Zur Großansicht
AFP

US-Nationalkeeper Tim Howard (l., im WM-Spiel gegen Ghana 2010): Keine unkontrollierten Flüche

Tim Howard ist Nationaltorhüter der USA, zählt zu den besten Keepern der englischen Premier League - und leidet am Tourette-Syndrom. Mit dem SPIEGEL spricht der 34-Jährige über seine Krankheit, ihre Folgen auf dem Fußballplatz und üble Schmähungen der Medien.

US-Nationaltorwart Tim Howard leidet seit seiner Kindheit am Tourette-Syndrom, einer Verhaltens- und Emotionsstörung. "Beim Training und im Spiel kommt es vor, dass entweder ein Arm, der Hals oder ein Auge heftig zuckt. Meist ganz plötzlich. Manchmal ziehen sich auch einige Muskeln zusammen", sagte Howard dem SPIEGEL.

Der 34-jährige Howard, der am 2. Juni in Washington mit der US-Auswahl gegen Deutschland spielen wird und der als Nummer eins des FC Everton zu den besten Torhütern der Premier League zählt, spürt die Symptome seiner Krankheit auch unmittelbar vor und während eines Spiels. "Mein Körper ist angespannter als sonst, meine Muskeln kontrahieren öfter, und ich mache häufiger eine hastige Bewegung", sagte Howard, "solange das Geschehen nicht direkt vor meiner Nase abläuft, lasse ich den Arm zucken."

Doch wenn der Ball in seine Nähe komme, so Howard weiter, "dann bin ich voll da. Es ist kurios: Sobald es vor dem Tor ernst wird, habe ich keine Zuckungen, dann gehorchen meine Muskeln". Dieses Phänomen könnten ihm nicht einmal Ärzte erklären: "Jetzt besuchen mich Professoren auf dem Trainingsgelände, wollen mit mir sprechen und die Krankheit weiter erforschen."

Anders als viele Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden, stößt Howard keine unkontrollierten Flüche aus: "Zum Glück nicht. Mein einziger vokaler Tic ist, dass ich ab und zu heftig husten muss", sagte der US-Nationaltorwart. Die neurologisch-psychiatrische Störung sei bei ihm festgestellt worden, als er etwa zehn Jahre alt war: "Ich habe Taschen voller Steine mit nach Hause gebracht. Oft habe ich auch mein Spielzeug in einer bestimmten Reihenfolge geordnet oder die Linien auf einem Blatt Papier gezählt."

Mit den Schmähungen englischer Medien, die Howard vor seinem Wechsel zu Manchester United im Sommer 2003 als "Behinderten" und "fluchenden Keeper" bezeichnet hatten, habe er leben müssen: "Ich brauche heute keinen seelischen Beistand und kein Mitleid, und das brauchte ich auch damals nicht." Diese Schlagzeilen "kamen von Leuten, die keine Ahnung vom Tourette-Syndrom haben. Ungebildete Leute schreiben eben unqualifizierte Dinge." Mit Blick auf seine Karriere als Fußballprofi sehe er sich "als positives Beispiel dafür, dass das Tourette-Syndrom kein Leiden sein muss", sagte Howard dem SPIEGEL: "Es ist nur ein Zustand, der es trotzdem jedem erlaubt, sich seinen Traum zu erfüllen."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. helden
andros0813 26.05.2013
für mich sind das die helden des alltags.. wer mit einem handicap dieser art leben muss und in der öffentlichkeit lebt, wird hart bestraft durch verurteilung und unwissendheit seiner mitmenschen..berichte darüber gehören öfter in die schlagzeilen, dann wächst vielleicht das verständnis darüber..
2. Hm...
artaxerse 26.05.2013
daraus, dass etwas unter den "Verhaltens- und Emotionsstörungen" eingeordnet ist, kann man nicht folgern, dass es eine Verhaltens- UND Emotionsstörung sei (sondern nur eine des Verhaltens). Und hier von einer neurologisch-psychiatrischen Störung zu sprechen, scheint mir auch unzutreffend. Die Psyche ist hier nämlich ganz ok, nur die Nerven agieren seltsam. Wenn schon aus Wikipedia abschreiben, dann doch bitte wenigstens richtig logische schlussfolgern, wenn es um die Beschreibung von Personen geht! Freut mich jedenfalls, dass man mit solchen Erscheinungen Spitzensportler sein kann!
3. ...
Geographus 26.05.2013
Symtomatisch für die hier beteiligten englischen Medien ist ja auch, das sie vom "Fluchenden Keeper" geschrieben haben, obwohl dieses kein Symptom bei Howard ist. Sie haben sich also gerade einmal die Mühe gemacht und nachgelesen, was Tourette überhaupt ist und einfach angenommen, das es bei Howard genau so sein wird. Diese Boulevarzeitungen sind nur noch peinlich und sollten eigentlich allesamt vom Markt genommen werden. Einen nützlichen Zweck erfüllen sie augenscheinlich nicht, da sie leider oft genug schlecht recherchieren oder schlichtweg die Unwahrheit schreiben.
4.
axel h. 26.05.2013
Der Wikipedia-Eintrag ist hochinteressant. Explizit erwähnt wird die Reaktionsfähigkeit, die bei einigen Betroffenen besosonders gut sei. Auch ein rasches Auffassungsvermögen wird gemutmaßt. Das könnte man fußballerisch mit Handlungsschnelligkeit gleichsetzen. Alles gute Voraussetzungen, sowohl für "auf der Linie" als auch für eins-gegen-eins und Strafraumbeherrschung.
5. Diagnosespektrum
plagiatejäger 27.05.2013
Ich habe keine Belege, aber glaube einfach nicht, dass Menschen mit Tourette-Syndrom automatisch bessere Torhüter sind. Auch scheint dieser Torhüter vielleicht nicht ganz dem typischen Krankheitsbild zu entsprechen oder zumindest nicht dem, das gerne in den Medien skizziert wird. Sicher gibt es hier aber wohl verschiedene Ausprägungen - evtl. stimmt aber auch die Diagnose nicht.
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