Von Rainer Schäfer
Erster Durchgang ungenügend, zweiter Durchgang gut: Der HSV bleibt die Wundertüte der Liga. Zur Halbzeit der Partie gegen die TSG Hoffenheim wurde das Team von den eigenen Fans noch mit einem Pfeifkonzert in die Kabine geschickt, nach dem Schlusspfiff und dem 2:1-Sieg über Hoffenheim mit Beifall bedacht.
Die zwei Gesichter bleiben das Markenzeichen des HSV unter Trainer Armin Veh. Die Hamburger haben Unbeständigkeit zum Prinzip erhoben, extreme Leistungsschwankungen prägen den Saisonverlauf.
Phasenweise stolperten die Spieler gegen Hoffenheim über den Rasen, als habe man ihnen die Füße zusammengebunden.
Phasenweise kombinierte der HSV in der zweiten Halbzeit im Stil einer Spitzenmannschaft.
Auch wenn Veh derzeit verletzungsbedingt Spieler fehlen wie Ruud van Nistelrooy, Marcell Jansen, Dennis Aogo oder Eljero Elia - damit allein lässt sich die Achterbahnfahrt des HSV nicht erklären. Gerade die Abwehr agierte in der ersten Halbzeit zerfahren. Unerklärlich die Abspielfehler, die sich gerade Kapitän Heiko Westermann leistet, der vom FC Schalke kam und den HSV in eine neue Epoche führen soll. Auch beim Führungstreffer der Gäste fand die Abwehr um Westermann kein Mittel gegen die flinken Hoffenheimer.
Jarolim und Trochowski - die Spielentschleuniger
Die Spieler im HSV-Kader harmonieren nicht miteinander. Gojko Kacar wird sich erheblich steigern müssen, wenn er in Hamburg eine ähnliche Rolle spielen soll wie bei Hertha BSC Berlin, seinem vorigen Club. Er zeigt in diesen Tagen zuweilen die Handlungsschnelligkeit eines Tanzbären und den Aktionsradius eines Kreisels, gegen die schnellen Hoffenheimer war er als Sparringspartner nicht ernst zu nehmen.
Dem HSV fehlen die Spieler für überraschende Momente, von Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero und Mladen Petric abgesehen. David Jarolim und Piotr Trochowski verschleppen im Mittelfeld allzu häufig das Tempo, anstatt das Spiel zu beschleunigen. Für Veh, ein Verfechter attraktiven Offensivfußballs, muss es manchmal eine Qual sein, einigen seiner Profis bei der Arbeit zuzuschauen.
Hoffenheim dagegen agierte engagiert und spielstark, das Team von Ralf Rangnick hat den kuriosesten Sturm der Liga mit Demba Ba, Chinedu Obasi und Peniel Mlapa: groß und kräftig, als ob sie im Schwergewicht boxen würden, durchsetzungsfähig, aber trotzdem enorm schnell. Den einzigen Vorwurf, den sich die Gäste machen müssen: Sie haben keine weiteren Tore nachgelegt, als der HSV nicht wusste, wie er sich wehren sollte.
Da war es also, das attraktive Gesicht des HSV. Nur zeigte es sich eben viel zu selten, wie schon in der gesamten Saison. "Wir müssen konstant mit Leidenschaft spielen. Nicht nur eine Halbzeit", fordert Veh, "dann ist etwas möglich in dieser Saison."
Beim HSV war in den vergangenen Tagen viel von Charakter die Rede, Bernd Hoffmann, der umstrittene Vorstandsvorsitzende, verlangt von seinen Profis eine andere Mentalität, mehr Identifikation mit dem Verein. Der HSV-Kader gilt als schwierig, gespickt mit Exzentrikern.
Die Reizbarkeit beim HSV steigt mit jedem Jahr ohne Titel
Aber es ist nicht nur die Mannschaft, die zu selten harmoniert. Auch in den vielen Gremien und Abteilungen des Clubs rumort es. Da wird jede Bewegung reflexartig beobachtet und kommentiert. Im Januar stehen Wahlen an, bei denen ein Teil des Aufsichtsrats erneuert wird. Sportliche Enttäuschungen würden die ohnehin gereizte Atmosphäre weiter aufladen.
Seit 1987 hat der HSV keinen Titel mehr gewonnen, die Ungeduld steigt mit jedem Jahr der Titel-Losigkeit. Eine gewisse Hysterie ist entstanden, wie man sie sonst von heißblütigen Vereinen wie Schalke kennt. Auch Veh hat inzwischen erkannt, wie die Dinge in Hamburg laufen: "Wenn man beim HSV gewinnt, ist alles gut. Wenn man verliert, ist alles schlecht."
Hoffmann hat dem HSV einen neuen Kurs verordnet, der gar nicht nach Glamour und Abenteuer klingt: Hoffmann will, wie er sagt, den Charaktertest zum strategischen Bestandteil der Kaderplanung erheben. Für die kommende Saison kündigt er schon jetzt einen personellen Umbruch an, den größten, seit er dem HSV vorsteht.
Die Verträge von Frank Rost, Zé Roberto, Trochwoski und van Nistelrooy laufen aus, dass Rost und Trochowski dann gehen, gilt als sicher. Auch Profis mit laufendem Kontrakt wie Petric, der häufig mit einem Wechsel kokettiert, dürften Hamburg verlassen. Die laufende Saison soll der Übergang sein, hin zu einem neuen HSV. Die muss Veh aber erst mal überstehen.
Mit Profis, von denen einige durch den Charaktertest fallen würden.
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