Verdächtige Serie-A-Spiele Unentschieden mit Ansage

Kuriose Wettquoten auf Spiele der Serie A sorgen derzeit in Web-Foren für hitzige Debatten. Zocker wittern bei einigen Begegnungen der höchsten italienischen Liga Betrug, mancher Buchmacher strich die verdächtigen Begegnungen kurzerhand aus dem Angebot.

Von

AP

"Was ist denn da im Busch?" Die Begegnung zwischen Chievo Verona und Sampdoria Genua am vergangenen Sonntag sorgte schon Tage vor dem Anpfiff für Aufregung in den gängigen Wettforen. Auf den ersten Blick sah alles wie ein ganz normales Spiel der Serie A aus. Die Gastgeber standen mit 35 Punkten auf dem 13. Platz und damit sieben Punkte von einem Abstiegsrang entfernt. Sampdoria dagegen hatte 31 Punkte und damit nur drei Punkte Vorsprung auf den Tabellen-18. Lecce. So weit, so gewöhnlich.

Aufmerken ließen dagegen die Zahlen einiger Wettanbieter zu diesem Spiel. Bei Buchmacher bet365.com beispielsweise entwickelte sich schon lange vor dem vergangenen Wochenende eine äußerst ungewöhnliche Quote. Normalerweise bekommen Zocker für die richtige Vorhersage eines Unentschiedens in einer europäischen Top-Liga rund 30 Euro für 10 Euro Einsatz zurück. Doch in diesem Fall sollte es nur 15 für 10 geben.

Wie konnte das passieren? Alles deutet darauf hin, dass extrem hohe Einsätze auf ein Unentschieden zwischen Chievo und Sampdoria bei den Buchmachern platziert wurden. Dies hat zur unmittelbaren Folge, dass die Quoten für eben dieses Ereignis sinken. Genau das war der Fall. Das Spiel endete tatsächlich unentschieden (0:0).

"Alarmglocken ohne Ende"

Selbst die Tatsache, dass fünf der vergangenen acht Aufeinandertreffen dieser beiden Teams keinen Sieger hatten, konnte eingefleischte Zocker im Internet kaum beruhigen. Chievo sei "die größte Mafiatruppe in Italien seit vielen Jahren", schrieb ein User in einem Wettforum. Andere drückten es ähnlich drastisch aus: "Alarmglocken ohne Ende. Spiel bereits bei fast allen bookies (Buchmachern, die Red.) draußen" und rieten ihren Forumskollegen, die Finger von der Begegnung zu lassen.

Ein kurzer Surftrip bestätigte den Hinweis des Forum-Users. Die meisten Wettanbieter hatten das Spiel tatsächlich aus dem Angebot gestrichen oder den Umfang der Zusatzwetten ( siehe Fotostrecke) stark eingeschränkt. So war es bei bwin beispielsweise überhaupt nicht mehr möglich, Geld auf den Ausgang des Spiels Chievo gegen Sampdoria zu setzen. Andere Buchmacher wie Interwetten hatten die Partie zwar noch im Angebot, allerdings konnte man hier lediglich noch auf die Tendenz wetten, nicht aber auf das genaue Ergebnis.

Diese Maßnahme diente als Selbstschutz: Die Quoten für die Ergebnisvorhersage müssen aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit höher als für die Tendenz ausfallen. Ein Tipp auf 0:0 beziehungsweise 1:1 brachte bei den Wettbüros, die solche Zusatzwetten auf dieses Spiel überhaupt noch im Programm hatten, zwischen 35 und 45 Euro für 10.

In Italien herrscht das große Schweigen

Kaum einer der Anbieter wollte sich bei SPIEGEL ONLINE zu der kuriosen Quote äußern. "Bezüglich Ihrer Anfrage können wir Ihnen nur mitteilen, dass unsere Buchmacher entschieden haben, aufgrund der hohen Unentschieden-Wahrscheinlichkeit weniger Spezialwetten anzubieten", heißt es in einem Statement des Anbieters Interwetten.com.

Von sechs weiteren angeschriebenen Buchmachern kam überhaupt keine Antwort. Das große Schweigen herrscht auch in Italien. Weder Chievo Verona noch Sampdoria Genua wollte sich zu diesem Thema äußern. Auch der italienische Fußballverband (FIGC), der nach Informationen von SPIEGEL ONLINE von den Unregelmäßigkeiten gewusst haben soll, reagierte nicht auf die Anfrage.

Aus Angst vor einem Skandal? Den größten seiner Geschichte hat der italienische Fußball 2006 erlebt. Es ging um bestochene Schiedsrichter, gekaufte Ergebnisse und Erpressung. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar: Das Image des Calcio ist schwer ramponiert, Zuschauerzahlen gingen zurück. Noch immer tobt eine Schlammschlacht zwischen Inter Mailand und Juventus Turin um aberkannte Titel.

In den Foren wird derweil schon heftig über das kommende Wochenende diskutiert. Während in den europäischen Top-Ligen von England bis Spanien bei fast allen Buchmachern für nahezu jedes Unentschieden Quoten um die 3 und höher ausgezahlt werden ( siehe Fotostrecke), gibt es bei einigen Wettbüros für gleich drei Partien der Serie A nur noch Quoten um die 2. Vorausgesetzt, die Spiele sind in ein paar Tagen überhaupt noch im Angebot.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lemidi 07.04.2011
1. Italien
Tja, Italien wie es leibt und lebt. Nicht nur, dass ganze Wirtschaftszweige korrupt sind - in schwächerer Form gibt es das überall. Aber in Italien interessiert es nicht mal jemanden, schließlich ist selbst die Judikative durchweicht...
_christoporus_ 07.04.2011
2. Ein Grund mehr..
... dem freien Wettmarkt Einhalt zu gebieten und das Glücksspielgeschäft unter staatlicher Kontrolle zu halten. Ist die FDP nicht auch noch Klientelpartei für diesen Markt?
loetilein 07.04.2011
3. Gehts noch?
Wie gut, dass sowas alles nur in Italien passiert...."Wir sind die Guten"
Kanzla87 07.04.2011
4. .
Jeder, der sich mit Fußballwetten auskennt, weiß doch um die hohe Unentschieden-Wahrscheinlichkeit in Italien. Das ist nicht nur bei diesem Spiel so, sondern ein generelles Phänomen. Es fallen dort eben weniger Tore. Und die Tatsache, dass die 0-0 doch relativ hoch war, spricht auch gegen diese Verschwörungstheorie. Klar gibt es sicher verschobene Spiele, aber die Quoten-Hinweise sind mehr als mager. Warum wurden denn nicht die Volumina der einzelnen Einsätze aufgezählt? - Das lässt sich mit einem Klick nachschauen und würde deutlich mehr aussagen...
tristar73, 07.04.2011
5. ...
Wieso kann man für die Zockerkönige dieser Welt nicht einfach eine Fussball-Liga über's Internet simulieren, wo sie dann drauf Wetten könnten? Im realen Sport möchte ich solche Betrügereien nicht sehen, weil damit die eigentliche Begeisterung am Sport über kurz oder lang kaputtgemacht wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.