Vergabe der WM-Stadien "Das tut schon weh"

Schwierige Entscheidungsfindung: Sinsheim ist der Gewinner der Stadionvergabe für die Frauen-WM 2011, Bielefeld und Magdeburg sind die Verlierer unter den elf Bewerberstätten. Das ist für die beiden traditionsreichen Fußballstädte nur schwer nachzuvollziehen.

Von , Berlin


Sinsheim hat 35.000 Einwohner, das Stadion am Ort ist noch in der Mache, und die Frauenfußballerinnen der ansässigen TSG Hoffenheim spielen in der Oberliga. Bielefeld hat 325.000 Einwohner, ein frisch saniertes Stadion und ist ein Fußballstandort, wie er traditioneller kaum sein kann.

Bundeskanzlerin Merkel: Nieten für Magdeburg und Bielefeld
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Trotzdem wird Sinsheim 2011 Spielort der Frauenfußball-WM und Bielefeld nicht. Die Vorstellung der Spielstätten für die Weltmeisterschaft in der Kulisse des Bundeskanzleramtes schreibt ein neues Kapitel in den, zurückhaltend formuliert, freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und Hoffenheims Mäzen und Stadionfinanzier Dietmar Hopp. Sinsheim ist der Gewinner der Vergabe, Bielefeld und Magdeburg, das ebenfalls nicht berücksichtigt wurde, sind die Verlierer unter den elf Bewerberstätten.

Die Vergabe an die Austragungsorte ist ein verzwicktes Puzzle. Der DFB muss dabei unterschiedlichste Befindlichkeiten berücksichtigen. So war klar, dass Leverkusen und die BayArena diesmal ein Platz im Neunerfeld finden würden – da Leverkusen zum großen Unwillen der dortigen Verantwortlichen bei der Männer-WM 2006 übergangen wurde. Berlin und Frankfurt als die beiden großen Bewerberstädte – die Hauptstadt und die Stadt der DFB-Zentrale – waren ebenfalls gesetzt: In Berlin wird nun das Eröffnungsspiel stattfinden, Frankfurt sieht das Finale.

Dazu kommen die regionalen Verteilungen – die DFB-Chef Theo Zwanziger und sein Generalsekretär Wolfgang Niersbach denn auch vor allem als Begründung "für diese ungemein schwierige Entscheidung" heranzogen. Mit Dresden war bereits ein Standort aus dem Osten im Boot – damit verschlechterten sich die Aussichten von Magdeburg. Auch Nordrhein-Westfalen hatte mit Bochum, Leverkusen und Mönchengladbach bereits drei Standorte aufzuweisen – nicht gut für den vierten Bewerber Bielefeld. Den Zuschlag erhielten außerdem noch Wolfsburg und Augsburg, womit auch Nord und Süd angemessen bedacht wurden.

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"Wir werden die beiden Verliererstandorte Magdeburg und Bielefeld nicht im Stich lassen. Es wird dort weiterhin einiges für den Fußball auch der Frauen getan," hatte Zwanziger für die beiden Loser einen eher wolkig schwachen Trost parat. Entsprechend groß war die Enttäuschung der Stadtoberen. Magdeburgs Bürgermeister Lutz Trümper sah in der Entscheidung einen Affront gegen den Osten, "wo man keine Chance hat, wahrgenommen zu werden". Die Gesichter der Bielefelder Delegationsmitglieder wurden immer länger. "Das tut schon weh", war Oberbürgermeister Eberhard David nur zu einem Kurzkommentar bereit.

Die Enttäuschung der Verlierer passte dabei gar nicht so gut ins Bild, das der DFB in bewährter Umarmung mit der ARD zuvor vermitteln wollte. Schließlich soll die WM in Deutschland doch "Frauenfußball-Euphorie, wie es sie nur hier gibt", vermitteln, "massenhaft gute Laune verbreiten" und eine "rauschende Party ausmachen", wie ARD-Frontfrau Monika Lierhaus in ihrer Moderation der Veranstaltung jubelte. Dazu musste Fifa-Chef Blatter seinen alten Satz "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich" wieder entmotten. Hausherrin Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die "einzigartige Atmosphäre in den Stadien" zu loben, dazu wurde eine "Elf starker Frauen" (Lierhaus) auf die Bühne gejagt – von Franziska van Almsick über Vorzeige-Fechterin Britta Heidemann und Sängerin Nena bis hin zur Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts.

Dass van Almsick die Stimmung in der Region Sinsheim-Hoffenheim noch einmal hochleben ließ und Heidemann wieder mal erzählen durfte, dass sie den Hoffenheim-Profis schon einmal Fechtunterricht gegeben hat, versteht sich von selbst. Die elf Frauen sollen künftig als WM-Botschafterinnen tätig werden. Worin ihre Rolle dabei genau besteht, wussten sie wohl selbst nicht so genau zu sagen. Immerhin hat jede von ihnen schon einmal ein Trikot mit der Rückennummer 2011 von der Kanzlerin erhalten.

Anschließend durfte noch Ex-Showmaster Blacky Fuchsberger als Mitglied des Kuratoriums für die Frauen-WM verkünden, dass er mit dem Ausdruck Frauenmannschaft nicht einverstanden sei. Merkel wollte "gar nicht erst darüber nachdenken", dass sie 2011 theoretisch auch nicht mehr im Amt sein könnte. Und von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble durfte der Hinweis nicht fehlen, dass wir 2011 "auch für ein bisschen Sicherheit sorgen müssen". Um die Partystimmung aber nicht kippen zu lassen, beeilte er sich hinzuzufügen: Es wird bestimmt so sein, dass auch die Polizisten kräftig mitfeiern."



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