Verschuldete Fußballprofis Steilpass in die Pleite

Fußballprofis erhalten hohe Gehälter. Leider können viele der Kicker nicht mit Geld umgehen. Mehr als ein Viertel aller Spieler steht nach der Karriere vor dem Ruin. Die meisten wurden Opfer windiger Berater, die ihren Klienten falsche Tipps gaben oder gleich in die eigene Tasche wirtschafteten.

Von Jörg Schallenberg


Gladbacher Fußballprofi Korell: "Ziemlich überrascht über die Untersuchung"
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Uli Hoeneß war seinen Kollegen schon immer einen Schritt voraus, wenn es um finanzielle Fragen ging. Bei der WM 1974 schickten gestandene Nationalspieler den damals 22-jährigen Flügelstürmer zusammen mit dem gleichaltrigen Paul Breitner immer dann vor, wenn es darum ging, mit dem DFB oder Sponsoren über Prämien zu verhandeln.

Darüber kann Hoeneß heute noch den Kopf schütteln. "Die waren alle unselbständig, weil sie sich immer auf andere verlassen haben", sagte er unlängst dem Interview-Magazin "Galore". Dabei, so wetterte der Manager des FC Bayern unlängst, hätten die meisten Spielerberater "vom Kapitalmarkt keine Ahnung" und verlangten "viel zu hohe Provisionen". Den heutigen Bundesligaprofis prophezeite Hoeneß düster, dass "die Hälfte von ihnen mit 40 weniger Geld haben wird als mit 25".

Ganz falsch dürfte Hoeneß damit nicht liegen. Die Rostocker Vermögensberater Christian und Michael Daudert haben von 1997 bis 2004 die Entwicklung der Vermögensverhältnisse bei 150 Fußballprofis, darunter 110 Bundesligaspieler, analysiert - und sind zu Ergebnissen gekommen, die nicht nur die Branche selbst aufhorchen lassen: Lediglich neun Prozent aller Spieler sind nach dem Karriereende finanziell unabhängig, 26 Prozent dagegen haben mehr Schulden als Vermögenswerte, der Rest muss sich in jedem Fall über kurz oder lang einen neuen Job suchen. Die Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) fand heraus, dass die Hälfte des Bundesliga-Kaders von Eintracht Braunschweig aus dem Jahr 1985 inzwischen von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe lebt.

Frühere Handwerker als Spielerberater

Steffen Korell, Verteidiger von Borussia Mönchengladbach, war "ziemlich überrascht über die Untersuchung". Zumindest darüber, "dass es so viele sind, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken". Andererseits weiß der erfahrene Bundesligaspieler, der vorher beim SC Freiburg kickte, "dass man als Profi mehr als genug Angebote von irgendwelchen Beratern hat". Die aber, moniert sein Kölner Kollege Christian Springer, wollten "plötzlich deine finanziellen Dinge klären, obwohl sie früher vielleicht als Handwerker gearbeitet haben und überhaupt nicht über die nötige Ausbildung verfügen".

Buch-Cover "Geld schießt Tore"

Buch-Cover "Geld schießt Tore"

Auch Korell hatte seine Zweifel, "zumal die meisten erst mal Geld sehen wollen, bevor sie überhaupt anfangen zu beraten". Auf Empfehlung des früheren Nationalspielers Michael Frontzeck ging der Mönchengladbacher schließlich zu den Dauderts, die sich mittlerweile ausschließlich auf Fußballprofis spezialisiert haben - vom Nationalspieler bis zum Regionalligakicker. Sogar ein Buch namens "Geld schießt Tore" haben die beiden Diplom-Vermögensmanager veröffentlicht, darin erklären sie in leicht verständlicher Sprache die Grundzüge der verschiedenen Geldanlagestrategien. Textbeispiel: "Angreifer bringen die höchste Rendite, spielen aber auch am gefährlichsten."

Was für den Nicht-Fußballer bisweilen fast komisch klingt, wird von den Profis dankbar angenommen. Nationalspieler Oliver Neuville von Bayer Leverkusen findet: "Hätte es dieses Buch schon früher gegeben, wären manchen Spielern schmerzliche Erfahrungen erspart geblieben." Einem früheren Mannschaftskollegen von ihm etwa, der zwei Millionen Euro in den Sand setzte, weil er von einem Bank-Angestellten schlecht beraten wurde. Für Christian Daudert ist das eher die Regel als die Ausnahme: "Die gängigen Produkte von Banken, Lebensversicherungen und Investmentgesellschaften sind dem Lebens- und Berufszyklus von Fußballspielern überhaupt nicht angepasst."

Von der Finanzsprache überfordert

Einem seiner Klienten, der etwa 20.000 Euro netto im Monat verdiente, drehte eine Bank einst eine Hausfinanzierung mit einer monatlichen Tilgung von 7000 Euro pro Monat an - und einer Laufzeit von 30 Jahren. Nach dem Ende der Laufbahn erfolgte das böse Erwachen: Die üppigen Überweisungen vom Verein fehlen, die Kosten bleiben. Angesichts solcher Modelle stellt sich allerdings die Frage, warum gerade Profi-Fußballern bisweilen der nötige Weitblick komplett abhanden kommt.

Millionengeschäft Fußball: Monatliche Tilgung von 7000 Euro
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Christian Daudert erklärt es so: "Die wollen sich einfach nicht damit beschäftigen, dass ihre Karriere irgendwann zu Ende geht. Wenn man dreimal die Woche im Rampenlicht steht, möchte man sich nicht vorstellen, dass es in ein paar Jahren nicht mehr so ist." Abgesehen davon fehle gerade jungen Profis, so Daudert, jegliche Erfahrung im Berufs- oder Wirtschaftsleben: "Die sind schon mit der Finanzsprache völlig überfordert." So lässt es sich wohl auch erklären, dass in den achtziger und neunziger Jahren mehr als hundert Profis auf so genannte "Bauherren-Modelle" reinfielen und sich dank vermeintlich hoher steuerlicher Abschreibungen völlig überteuerte Immobilien andrehen ließen.

Gelegentlich, weiß Christian Daudert, werden Geschäfte in sechsstelliger Höhe mal eben in der Umkleidekabine nach dem Training abgewickelt oder völlig abstruse Begründungen geschluckt: So kaufte ein nigerianischer Bundesligastürmer eine Immobilie zum doppelten Marktwert, weil er glaubte, damit lebenslanges Wohnrecht in Deutschland zu erwerben.

Für die Dauderts begann der Einstieg ins Fußballgeschäft, in dem auch andere Berater wie Norbert Pflippen oder etwa die Firma ROGON Sportmanagement aktiv sind, als sie zufällig ein Bundesligatrainer ansprach. Der Coach war in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten. Nachdem die Rostocker Vermögensberater ihm vor Gericht einen Teil seines Geldes zurückerkämpft hatten, empfahl er sie gleich an einen Kollegen weiter, der ähnlich in der Bredouille steckte.

Bum Kun Cha: Vom Präsidenten reingelegt
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Öffentlich äußern wollen sich aber weder Spieler noch Trainer, die in Geldschwierigkeiten geraten sind. Bekannt geworden sind die Fälle des Ex-Dortmunders Günter Breitzke, der von Sozialhilfe lebt, oder des einstigen koreanischen Weltklassestürmers Bum Kun-Cha, der bei Eintracht Frankfurt vom eigenen Vereinspräsidenten übers Ohr gehauen wurde und vor seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen zur Bedingung machte, dass der neue Verein zwei verschuldete Immobilien übernahm.

Borussen-Profi Korell, der neben seiner Profikarriere Sportmanagement studierte, befürchtet, dass sich die finanzielle Schieflage bei vielen Fußballprofis eher noch verstärken wird: "Die letzten fünf bis acht Jahre sind die Gehälter dermaßen angestiegen, dass es nicht mehr nachvollziehbar war. Da waren viele ganz blauäugig, weil sie gedacht haben, das geht jetzt immer so weiter." Doch durch die Kirch-Pleite dreht sich die Lohnspirale in den Profiligen nach unten, immer mehr Spieler finden sich lange vor dem altersbedingten Karriereende in der Arbeitslosigkeit wieder. Die Vermögensberater Daudert spüren den Trend auf ihre Weise. Erst vergangene Woche, erzählt Christian Daudert, "haben wir vier neue Klienten dazu gewinnen können".


Michael und Christian Daudert, Geld schießt Tore, Was Fußballprofis über Geldanlage wissen wollen, Norderstedt 2003, 104 Seiten, 19.50 Euro

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