Coming-out von Fußballern "Die Fan-Kurve ist nicht das Problem"

Die Tribünen als Ort geballter Homophobie? Nein, sagen Vertreter schwul-lesbischer Fan-Organisationen. Das Problem ist komplexer. Homophobie gibt es im Profi-Fußball auch abseits der Kurve, wie prominente Beispiele zeigen.

Fans von Mainz 05 (2012): Nur noch wenig Homophobie auf den Rängen
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Fans von Mainz 05 (2012): Nur noch wenig Homophobie auf den Rängen


"Olli Kahn ist homosexuell" sangen die Fans des VfB Stuttgart, da hatte Mark Friedrich genug. Regelmäßig wurden Spieler des Gegners mit homophoben Gesängen beschimpft, Schiedsrichter sowieso. "Ich dachte mir, da muss man was machen", sagt Friedrich - und machte was. Gemeinsam mit Bekannten gründete er 2004 die "Stuttgarter Junxx", einen schwul-lesbischen Fan-Club des VfB.

Zehn Jahre ist das her, "seitdem hat sich eine Menge verändert", sagt Friedrich, der viel von Fans erzählen kann, die in der Kurve stehen und homophobe Sprüche brüllen. Früher ist er auf diese Leute aktiv zugegangen, um sie darauf hinzuweisen, dass "schwuler Blinder" keine normale Bezeichnung für einen Schiedsrichter ist. "Viele haben sich einsichtig gezeigt, weil denen gar nicht bewusst war, was sie da brüllen", sagt er. Und heute? "Gibt es zumindest dort, wo ich stehe, so gut wie keine homophoben Sprüche mehr. Es herrscht heute ein ganz anderes gesellschaftliches Bewusstsein bei diesem Thema."

Die Fan-Kurve ist in der Diskussion um Fußball und Homosexualität, ausgelöst vom Coming-out Thomas Hitzlspergers, die große Unbekannte. Wie würden die Zuschauer reagieren, wenn auf dem Platz ein Fußballer stünde, der öffentlich zu seiner Homosexualität steht. Einige würden pfeifen und pöbeln, keine Frage. Aber muss ein Spieler tatsächlich eine Hetzjagd fürchten, die immer wieder vermutet wird?

"95 Prozent der Zuschauer ist es egal, ob ein Spieler schwul ist"

Dirk Brüllau ist Sprecher des "Queer Football Fanclubs", einem Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fanclubs, zu dem auch die "Stuttgarter Junxx" gehören. Er hat eine klare Meinung: "Ich ärgere mich, dass immer wieder behauptet wird, die Gefahr ginge von den Kurven aus. Das stimmt so nicht, die Kurve ist nicht das Problem", sagt er: "95 Prozent der Zuschauer ist es egal, ob ein Spieler schwul ist oder nicht. Daher bin ich der Ansicht, dass ein offen schwuler Profi-Fußballer weit weniger von den Fans zu befürchten hätte, als gedacht wird."

Dennoch sagt Brüllau: "Ich würde mir nicht anmaßen, einem schwulen Profi-Fußballer zu raten, sich zu outen. Denn wenn er das tut, hat er viele unbekannten Fronten vor sich, die ich nicht für ihn beurteilen kann."

Die Mannschaft, der Trainer, der Verein, die Sponsoren: Wie würden die wohl reagieren? Öffentlich würden sie kaum etwas Negatives sagen, sondern - im Gegenteil - ihre Unterstützung versichern. Was aber, wenn in der Kabine dumme Sprüche fallen? Wenn Sponsoren einen Vertrag nicht verlängern? "Es gibt womöglich Trainer, die einen dann kaum noch aufstellen", fragt Brüllau. Der frühere Präsident des FC St. Pauli, Corny Littmann, selbst offen homosexuell lebend, sagte vor wenigen Monaten in einem Interview mit der "Welt", die Hälfte aller Bundesliga-Trainer denke homophob.

Littmann erinnerte an Aussagen von Christoph Daum, die dieser als Trainer des 1. FC Köln in einer TV-Dokumentation gemacht hatte. Mit Blick auf die Jugendarbeit in Fußballvereinen sagte Daum damals: "Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt sind, vorzugehen."

Es ist nicht das einzige Beispiel von homophoben Äußerungen. Kurz vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika erzählte Michael Becker, damals Berater von Michael Ballack, dem SPIEGEL, welche deutschen Spieler angeblich "schwul" oder zumindest "halbschwul" seien. Und er kündigte an, demnächst werde jemand "die Schwulencombo" beim DFB hochgehen lassen.

Auf dem Platz geht es teilweise noch derber zu. 2007 beschimpfte Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller im Derby gegen Schalke seinen Gegenspieler Gerald Asamoah. Weidenfeller gab eine Beleidigung zu, vor dem DFB-Sportgericht wurde über den genauen Wortlaut gestritten. Asamoah hatte behauptet, Weidenfeller habe ihn als "schwarzes Schwein" beschimpft, doch von diesem Vorwurf sprach der DFB den Torhüter frei. Angeblich habe er den Schalker aber als "schwule Sau" beschimpft. "Wegen einer herabwürdigenden und verunglimpfenden Äußerung" verurteilte der DFB Weidenfeller zu einer Geldstrafe und drei Spielen Sperre. Beim Nachweis einer rassistischen Beleidigung hätte es eine längere Sperre gegeben.

"Ich glaube, im Gegensatz zu manchen Spielern, Trainern oder Vereinen sind viele Fan-Kurven deutlich reifer für einen schwulen Profi-Fußballer", sagt Friedrich von den "Stuttgarter Junxx". Nach Ansicht von Brüllau hätte unter anderem die Ultra-Szene großen Anteil daran, dass es nur noch wenig Homophobie auf den Rängen gebe. Aber er sagt auch: "Es wird immer Zuschauer geben, die gezielt homophobe Sprüche brüllen. Aber diese Ewiggestrigen wird man nie erreichen, mit keiner Kampagne. Sie sind auch kein reines Phänomen von Fußballstadien."

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
jetzt:hördochauf 09.01.2014
1. Wirklich:
Zitat von sysopimago Die Tribünen als Ort geballter Homophobie? Nein, sagen Vertreter schwul-lesbischer Fan-Organisationen. Das Problem ist komplexer. Homophobie gibt es im Profi-Fußball auch abseits der Kurve, wie prominente Beispiele zeigen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/vertreter-schwul-lesbischer-fan-organisationen-zu-hitzlsperger-a-942629.html
Langsam nervt's - aber gewaltig. Ex-Fußballer interessieren mich nicht - egal ob schwul oder nicht. Was soll das denn?
schoenfeldo 09.01.2014
2. Diese Ewiggestrigen wird man nie erreichen
das ist leider so, alles andere ist im Jahr 2013 noch Wunschdenken. Der Platz würde aus jedem Outing ein Karriereende machen. Kaum vorstellbar, dass sich das in den nächsten Jahren ändert, auch wenn sich prominente Fussballer nun vordergründig tolerant geben.
Gerdd 09.01.2014
3. Gut. Mag sein, aber ...
Zitat von sysopimago Die Tribünen als Ort geballter Homophobie? Nein, sagen Vertreter schwul-lesbischer Fan-Organisationen. Das Problem ist komplexer. Homophobie gibt es im Profi-Fußball auch abseits der Kurve, wie prominente Beispiele zeigen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/vertreter-schwul-lesbischer-fan-organisationen-zu-hitzlsperger-a-942629.html
... aber wer stellt sich als Versuchskaninchen zur Verfügung? Womöglich kommt das auch hauptsächlich aus der Kabine, wo sich mancher vielleicht nur dann sicher fühlt, wenn er darauf vertrauen kann, daß sich keiner der Anwesenden sexuell für ihn interessiert. These: Homophobie ist auch immer die Angst vor der eigenen, befürchteten aber uneingestandenen latenten Homosexualität. Das ist nicht meine These, aber eine, die ich irgendwann und -wo aufgeschnappt habe.
widower+2 09.01.2014
4. Leider richtig
Das größte Problem wären in der Tat Trainer und Mitspieler, die sich zum Beispiel dem gemeinsamen Duschen verweigern könnten. Ein mehr oder weniger subtiles Mobbing wäre wohl garantiert. Im Frauenfußball scheint das aber alles kein Problem zu sein, obwohl es dort schon sehr viele geoutete Lesben gibt. Woran liegt das?
CaptainSubtext 09.01.2014
5.
Zitat von jetzt:hördochaufLangsam nervt's - aber gewaltig. Ex-Fußballer interessieren mich nicht - egal ob schwul oder nicht. Was soll das denn?
Zum Glück geht es im Artikel nicht um Ex-Fußballer.
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