Fankrawalle in der Regionalliga "Lübeck ist ein schwieriges Kapitel"

Der Verband erwartete keine Probleme, doch beim Regionalligaspiel zwischen Hannover 96 und dem VfB Lübeck eskalierte die Gewalt. Jetzt machen sich beide Seiten Vorwürfe, vor allem die 96-Fans fühlten sich durch die Gäste provoziert.

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Randale in Hannover: 96-Fans fühlten sich durch Lübecker provoziert
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Randale in Hannover: 96-Fans fühlten sich durch Lübecker provoziert


Jürgen Stebani hatte sich vorher noch sicher gefühlt: "Wir erwarten bei dem Spiel keine Probleme", hatte der Spielausschussvorsitzende des Norddeutschen Fußballverbands noch am Donnerstag zum bevorstehenden Regionalliga-Duell zwischen der U23 von Hannover 96 und dem VfB Lübeck gesagt. Das Gefühl trog. "Es ist nicht glücklich, wie es gelaufen ist", räumt er jetzt ein.

Das Spiel am Wochenende (1:1) musste nach Fankrawallen für 15 Minuten unterbrochen werden, ein Polizist erlitt nach Abpfiff ein Knalltrauma, als neben ihm ein Böller hochging, es gab mehrere Festnahmen - und jetzt gegenseitige Vorwürfe.

Nach dem Ausgleich der Lübecker Gäste hatten 96-Fans im Hannoveraner Beekestadion versucht, die Absperrungen zu überklettern, um in den Lübecker Block zu gelangen. Zuvor hatten sich beide Lager bereits eine Bierbecher-Schlacht geliefert. Schiedsrichter Müller unterbrach daraufhin die Partie, die Polizei griff mit Pfefferspray und Schlagstöcken ein - nach Meinung der 96-Anhänger allerdings viel zu spät.

96-Fans werfen Lübeckern Rassismus-Gesänge vor

Sie bezichtigen die Lübecker, zuvor durch rassistische Gesänge und Beschimpfungen permanent provoziert zu haben. Auch der Hitlergruß sei gezeigt worden, monieren die "96-Fans gegen Rassissmus" auf ihrer Facebook-Seite. Die Sicherheitskräfte hätten nichts dagegen unternommen. Der VfB weist die Darstellung, Auslöser der Krawalle gewesen zu sein, allerdings zurück. Hier steht Aussage gegen Aussage.

Facebook-Seite der 96-Fans: Lob für die Selbstjustiz

Facebook-Seite der 96-Fans: Lob für die Selbstjustiz

"Es ist lächerlich, nun zu versuchen, diese Aktion unseren Fans unterzujubeln. Aus unserer Sicht ist die Sache klar. Hannover-Fans versuchten unseren Block zu stürmen", sagt Lübecks Vorstandssprecher Thomas Schikorra. Für ihn steht fest: "Unsere Fans waren im Beekestadion nicht der Aggressor."

Bei Hannover 96 hält man sich offiziell mit Schuldzuweisungen zurück: "Solange die Polizei ermittelt, wollen wir den Ergebnissen nicht vorgreifen", sagt Vereinssprecher Alex Jakob zu SPIEGEL ONLINE. Klar sei jedoch, dass wir "Randale und Krawall jeglicher Art nicht gutheißen, von wem es auch ausging".

"Dass provoziert wird, ist nicht ungewöhnlich"

Bei der Hannoveraner Polizei sind mittlerweile mehrere Anzeigen eingegangen, "für uns steht fest, dass versucht wurde, Absperrungen zu übersteigen", sagt eine Sprecherin der Polizeidirektion. Dass "vorher provoziert wurde, ist bei Fußballfans nicht so ungewöhnlich". Vom Zeigen des Hitlergrußes habe die Polizei allerdings bisher keine Kenntnis.

Regionalliga-Duell: 96-Fans werfen Lübeckern Rassismus vor
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Regionalliga-Duell: 96-Fans werfen Lübeckern Rassismus vor

Der VfB hatte in der Vergangenheit häufiger Probleme mit rechtsextremen Fans. Auch 2012 bei heftigen Krawallen während des Hamburger Hallenfußballturniers sollen Lübecker Fans mit rechten Sprüchen die Stimmung vergiftet haben. Vor Jahren versuchte die NPD mit der Gründung der sogenannten "Lübscher Jugend", die Fanszene zu unterwandern. Dies scheiterte allerdings auch daran, weil sich die Mehrheit der Fans energisch dagegen wandte. Schikorra sagt in den "Lübecker Nachrichten" selbst: "Wer manche von unseren Fans kennt, der weiß, dass das auch nicht alles Chorknaben sind."

Seine Kritik richtet sich allerdings eher Richtung Verband. Die Risiken der Partie seien im Vorfeld unterschätzt worden. Dass man beide Fanblöcke im Stadion zudem in direkter Nachbarschaft platziert habe, getrennt nur durch einen Zaun, das "verwundert mich schon sehr" und habe ihn "fassungslos" gemacht.

Stebani kontert von Verbandsseite: "Lübeck ist schon ein schwieriges Kapitel", verweist er auf problematische VfB-Fans. Da gebe es "Spezialisten, die den Fußball als Forum nutzen". Er findet es von daher "nicht in Ordnung, wenn von eigenen Schwierigkeiten jetzt abgelenkt werden soll", sagt er SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig bleibt er dabei: "Das Konzept, das wir im Vorfeld für das Spiel erarbeitet haben, war grundsätzlich in Ordnung."

Die "96-Fans gegen Rassismus" halten die Reaktion der Hannoveraner Anhänger übrigens für "absolut lobenswert". Dass die 96-Anhänger nach den Provokationen der Gegenseite die "Sache selbst in die Hand nahmen", gehöre zu den "positiven Aspekten der Fußballfankultur".



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