Stuttgarts Trennung von Trainer Wolf Opfer der Unruhe

Er führte den VfB Stuttgart in die Bundesliga und hielt ihn dort von den Abstiegsrängen fern. Trotzdem musste Hannes Wolf gehen. Der Trainerwechsel wirft Fragen auf: Wissen die Verantwortlichen, was sie tun?

Hannes Wolf
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Hannes Wolf

Von , Stuttgart


An diesem Samstag, beim 0:2 gegen Schalke, hat Hannes Wolf sein letztes Spiel als Trainer des VfB Stuttgart geleitet. Am kommenden Samstag, im wichtigen Duell mit Abstiegskonkurrent Wolfsburg, könnte bereits sein Nachfolger auf der Bank sitzen. Wer das sein wird, ist noch unklar. Sicher ist nur: Er ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden.

Verliert der VfB, heißt es, der Trainerwechsel sei verpufft. Gewinnt er, dürfte die Frage aufkommen, ob die Mannschaft das nicht auch mit Hannes Wolf geschafft hätte. Mit dessen Rauswurf haben sich die Stuttgarter Verantwortlichen selbst unter Druck gesetzt. Denn der Trainerwechsel wirft Fragen auf.

Der VfB, der das erste der bisherigen drei Rückrundenspiele gegen Berlin gewonnen hatte, stand seit dem ersten Spieltag nicht mehr auf einem Abstiegsrang. Selbst jetzt, nach dem gruseligen Spiel in Mainz und der durchwachsenen Leistung gegen Schalke, trennen ihn noch drei Punkte vom Relegationsrang. Gegen Schalke haben in dieser Spielzeit erst vier Mannschaften gewonnen. Und Stuttgart ist Aufsteiger. Letzteres sorgt im Schwäbischen allerdings nicht bei jedem für Demut, sondern für eine seltsame Unruhe, die auch Teile des Umfelds gepackt hat.

Die Stimmung ist weit schlechter als die Lage

Dort ist die Lesart sehr populär, wonach sowohl der Aufstieg als auch die bisherigen sechs Saisonsiege Glückstreffer, die Niederlagen aber hochverdient gewesen seien. In Stuttgart hätte wahrscheinlich sogar Routinier Jupp Heynckes Schwierigkeiten, in Ruhe zu arbeiten. Zumal es außerhalb des VfB-Äquators nicht viele Menschen gibt, die behaupten, dass Köln, Bremen, Mainz, Freiburg, Wolfsburg oder der HSV derzeit deutlich besser wären als die Schwaben. Anders gesagt: Während der VfB in der Abstiegssaison 2015/2016 viel zu lange brauchte, um zu merken, wie bedrohlich die Lage war, ist es diesmal umgekehrt: Die Stimmung ist weit schlechter, als sie es sein müsste.

Noch bedenklicher: Der Verein scheint wieder abzukommen von einem Weg, der alternativlos ist, wenn man im Profifußball erfolgreich sein will. Dieser Weg beruht auf einer strikten Aufgabentrennung von wirtschaftlichem und sportlichem Bereich. Man kann nur hoffen, dass Sportdirektor Michael Reschke, ein bestens vernetzter, ausgewiesener Fußballfachmann, auch derjenige ist, der die sportlich relevanten Entscheidungen eigenverantwortlich trifft. Wobei auch er sich einen groben Fauxpas ankreiden lassen muss.

Welche Rolle spielt VfB-Präsident Dietrich?

Was Reschke nach der Mainz-Niederlage öffentlich erklärte ("Wir müssen uns in dieser Woche zusammensetzen, um uns taktische und spielerische Änderungen zu überlegen"), konnte man nur so verstehen, als brauche der Trainer Nachhilfe. Auch wenn Reschke versichert, genau das nicht gemeint zu haben - erst danach begannen die öffentlichen Diskussionen über den Coach. Nun, acht Tage später, ist Wolf beurlaubt. Nur fünfeinhalb Monate, nachdem mit Reschke-Vorgänger Jan Schindelmeiser der andere Architekt des sofortigen Wiederaufstiegs gehen musste.

Dem wurde neben atmosphärischen Faktoren die Verpflichtung von Holger Badstuber zum Vorwurf gemacht. Schindelmeiser dürfte aktuell mit einer Mischung aus Groll und Belustigung beobachten, welche Wertschätzung "sein" Transfer heute in Stuttgart genießt. Wenn Badstuber fehlt - was bei dem zugegebenermaßen verletzungsanfälligen Verteidiger in sechs von 20 Spielen der Fall war - spielt der VfB in Sachen Defensivverhalten und Spieleröffnung in einer anderen Liga. Nämlich nicht mehr in der ersten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wer sich intern vehement gegen Badstuber ausgesprochen hatte: nämlich der VfB-Präsident. Wolfgang Dietrich ist studierter Betriebswirt, das ist eine gute Voraussetzung, um wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen zu können. Doch eine Tätigkeit in einem Softwareunternehmen qualifiziert nicht unbedingt dazu, die Qualität eines Verteidigers oder die fachliche Eignung eines Trainers zu beurteilen. Wirtschaftsleute, die in den Fußball reinreden, können ebenso zum Problem werden wie Fußballfachleute, die sich zu wirtschaftlichen Fragen äußern. In beiden Fällen regiert der Bauch.



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KircheimDorf 28.01.2018
1. Der VFB ist der eigentliche Alternative zu Bayern
im kommerziellen Fussball. Das wirtschaftliche Umfeld ist deutlich besser als München. Der Unterscheid sit, dass alle Präsidenten seit Mayer-Vorfelder eben gerade keinen Wirtschaftsfachleute waren, sondern in ihren Firmen nicht mehr gebraucht wurdern und tzum VFB angescheoben wurden. Die Sportsleute beim VFB waren so schwach, dass sie es nicht gemerkt haben, welchem Scharlatan sie aufgesessen sind. Die Kombination Trainer, Präsident, Sportdirektor ist zusammen das Schlechteste, was die Bundesliga zu bieten hat. Bei Staudt war Veh und Held noch gut. Daher auch deutscher Meister um im Jahr darauf fast dem CLUB zu folgen und als Meister abzusteigen. Seither ist einer eher guten Vorrunde ein grandioses Abfallen in der Rückrunde gefolgt. Wenn der VFB und die Wirtschaft es ernst meinen, einen erstklassigen Prädidenten findet. ist der VFB in 5 Jahren wieder Meister. Mit dem gegenwärtigen Personal, ausser Wolf, ist nur der Abstieg sicher.
markus.pfeiffer@gmx.com 28.01.2018
2. Problembär Dietrich
Dietrich ist leider seit Jahren der Problembär im Neckarpark: Redet sportlich rein, revidiert seine (angeblich fundierten) Entscheidungen nach ein bis zwei schlechten Spielen aus dem Bauch heraus (ich sag nur: Austausch des wegen seiner Erfahrung geholten Trainers Luhukay, der auf erfahrene Spieler setzte, gegen den jungen "Konzepttrainer" Wolf, der auf junge, schnelle Spieler setzte, nach nur zwei Niederlagen) und träumt schon von der nächsten Meisterschaft - die wird es aber bestenfalls in der 2. Liga nochmal geben, in der ersten ist Bayern die nächsten 15 Jahre (bis auf einen Ausrutscher vielleicht) darauf abonniert; und Stuttgart ist Lichtjahre davon entfernt, Bayern-Verfolger Nr. 1 zu werden. Die unrealistischen Erwartungen gepaart mit dem Aktionismus aus dem Bauch heraus werden auch in Zukunft erfolgreich verhindern, dass Stuttgart in der Bundesliga wieder in der oberen Tabellenhälfte mitspielen kann.
tombadil1 28.01.2018
3.
Ich bin seit knapp 2 Jahrzehnten VfB Fan und ich muss sagen, dass die Chefetage gefühlt genau so lang nur Blödsinn macht. Unglaublich, dass jetzt Hannes Wolff gehen muss nachdem er uns aus der 2. Liga direkt zum Wiederaufstieg geführt und uns anschließend von den Abstiegsrängen fern gehalten hat. Vor allem warum musste er nach einer Niederlage gegen Schalke gehen? Schalke ist keine Mannschaft mit der wir uns messen können und das muss auch jedem da oben klar sein. Wir waren mal eine Top Mannschaft und Deutscher Meister, aber die Qualität haben wir schon lange nicht mehr. Dem sollte sich das Anspruchsdenken mancher Herren mal anpassen. Ja wir waren mal ein erfolgreicher Verein, aber an den Zeiten dürfen wir uns in der jetzigen Situation einfach nicht messen. Jetzt heißt es langsam und konstant etwas mit jungen Spielern aufbauen. Das braucht Zeit. Früher war der VfB für seine überragende Jugendarbeit bekannt, aber wer war denn der letzte gute Spieler, den wir hervorgebracht haben und der anschließend auch beim VfB geblieben ist? Stattdessen kaufen wir unnötig Spieler ein, die nichts können aber dafür Geld kosten. Darunter fällt für mich auch der neue Torwart. Mitch Langerack ist mit uns aufgestiegen und hat dazu einen großen Teil beigetragen. Jetzt wird ihm in der ersten Liga ein Ron Robert Zieler vor die Nase gesetzt, der schon in der Nationalmannschaft miserabel war und sich jetzt gefühlt jeden zweiten Spieltag selbst ein Ei ins Tor legt. Mit so einer Personalpolitik kann das einfach nichts werden.
max_mustermann_stgt 28.01.2018
4. Verantwortung
Die Abwärtsspirale hat Dietrich schon mit der Entlassung von Schindelmeiser eingeläutet und mit der Entlassung von Wolf forciert. Dietrich und Reschke sind mitverantwortlich und sollten somit doch auch bitte zurücktreten. Allerdings muss in der Tat auch ein Impuls an die Mannschaft gelangen, was Wolf bedauerlicherweise offenbar nicht mehr geschafft hat. Schade!
derhey 28.01.2018
5. Auffällig
ist, daß der VfB seit Jahren in der Regel, also mit Ausnahmen, gegen große Gegener großen Fußball abliefert aber dann knapp verliert und gegen gleichwertige Mannschaften schlecht aussieht und auch verliert. Wie gesagt, in der Regel und seit Jahren, d.h. u.a., daß jedweder Trainer Probleme mit der Mannschaft oder der Vereinsführung hat. Man will sich mit den Top drei messen, geht in die Hose und kann bei seinesgleichen nicht die Leistung abrufen, die eigentlich vorhanden wäre. Es liegt und lag ganz sicherlich nicht an Wolf.
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