Wolfsburg in Abstiegsangst So schnell kann's gehen

Endrunde im Abstiegskampf, und alle reden über den HSV. Doch wie geht Wolfsburg ins Endspiel um die Relegation? Der Verein wurde binnen zwei Jahren vom Bayern-Verfolger zum Abstiegskandidaten. Und das ist das wahre Drama.

Getty Images

Von


Druck, Druck, Druck. Wenn im Sport knifflige Entscheidungen anstehen, wenn es zum Beispiel darum geht, wer in der Bundesliga bleiben darf und wer absteigen muss, dann werden in der Öffentlichkeit nur selten taktische Feinheiten besprochen. Es geht vor allem um: Druck.

So sagt Wolfsburgs Sportchef Olaf Rebbe vor dem letzten Saisonspiel seines VfL beim Hamburger SV an diesem Samstag (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Wir haben großen Druck. Aber ich denke, der Druck für den HSV ist höher."

Das scheint plausibel: Die Hamburger brauchen einen Sieg, um den direkten Bundesliga-Verbleib zu schaffen. Bei einem Remis oder einer Niederlage müssen sie zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren in die Relegation. Den Wolfsburgern reicht ein Punkt, um im kommende Jahr auf jeden Fall in der Bundesliga zu spielen.

Aber hat Rebbe deshalb Recht? Ist der Druck für den HSV größer ist als für den VfL?

Die einst so stolzen Hamburger steuern seit Jahren auf den ersten Abstieg der Geschichte zu, das Schicksal des Vereins spaltet die Fußballfans im Land. Manch einer sehnt den Moment herbei, in dem der HSV endlich, endlich, endlich in die Zweitklassigkeit verbannt und für seine Misswirtschaft und das Chaos auf allen Ebenen in der jüngeren Vergangenheit bestraft wird. Selbst einige HSV-Anhänger würden den Abstieg mittlerweile mit Gleichmut zur Kenntnis nehmen. Sie wären endlich erlöst.

Ohne Gomez wäre der Abstieg schon besiegelt

Der VfL hat zwar keine Bundesliga-Uhr im Stadion, keinen Dino als Maskottchen, keinen Uwe Seeler, und es gibt nur wenige Menschen, die Wolfsburg für die schönste Stadt Deutschlands oder sogar der Welt halten. Trotzdem ist die Fallhöhe hier größer.

Im Sommer 2015 wurde der Volkswagen-Klub Vizemeister und Pokalsieger, galt als Herausforderer des FC Bayern, als künftige Nummer zwei im deutschen Fußball. In der Champions League gelangen Siege gegen Manchester United und Real Madrid. Und jetzt der Abstieg? Das wäre das eigentliche Drama. Und zugleich die logische Folge von zwei vermurksten Jahren.

Die Wolfsburger haben Fehler auf dem Transfermarkt gemacht. Sie kauften große Namen, ohne allerdings darauf zu achten, ob sich daraus auch eine funktionierende Mannschaft ergibt: Julian Draxler, André Schürrle, Max Kruse, Daniel Didavi, Yunus Malli. Identifikationsfiguren wie Naldo wurden dagegen abgegeben. Manager Klaus Allofs verlor an Rückhalt, er musste gehen, für ihn rückte Rebbe auf. Nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël ist Andries Jonker schon der dritte Trainer in dieser Saison. Auch er bekam das Team nicht auf Kurs. Ohne die 16 Tore von Mario Gomez bräuchte der VfL die Reise nach Hamburg gar nicht mehr anzutreten, der Gang in die Zweitklassigkeit wäre schon beschlossen.

Jonker versucht, gelassen und gut gelaunt mit der prekären Lage umzugehen. "Das sind die Tage im Leben, die man nicht vergisst. Die schönsten Tage - wenn man erfolgreich ist", sagt er über die Partie beim HSV. Der Plan, den er seinen Spielern mit auf den Weg gibt, klingt herrlich einfach. "Wir müssen den Mut haben, Fußball zu spielen. Wir wissen alle, wie es geht. Jetzt müssen wir es auch machen", sagt Jonker. Doch genau das ist das Problem des VfL.

Für den Abstiegskampf ist die Mannschaft nicht gemacht

Der Klub hat ein Team komponiert, das spielen soll. Schön, schnell und attraktiv. Für den Abstiegskampf ist diese Mannschaft nicht gemacht. Zumindest hat sie bislang nur unzureichend den Nachweis darüber erbracht, dass sie auch kämpfen kann, dass sie sich in Spiele verbeißt und Widerstände überwindet. Stattdessen fällt sie regelmäßig auseinander.

Erschütterndstes Beispiel war das 0:6 gegen den FC Bayern vor drei Wochen. Der VfL stand nur Spalier bei der Münchner Meister-Kür - abgesehen von Kapitän Luiz Gustavo, der wegen Ballwegschlagens vom Platz flog und von den Kollegen daran gehindert werden musste, dem Schiedsrichter körperliche Gewalt anzutun. Die Wolfsburger wissen selbst nicht, wie es so weit kommen konnte. Wie sie binnen zwei Jahren vom Bayern-Verfolger zum Abstiegskandidaten wurden.

Der Klub habe die eigenen Ziele "deutlich verfehlt", sagt Sportchef Rebbe im Interview mit der "Bild"-Zeitung: "Es wird zu analysieren sein, woran das gelegen hat. Wir müssen die Dinge anpacken und werden das auch tun." Nur ist noch nicht klar, in welcher Liga das sein wird.



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PeterPan95 19.05.2017
1. Die öffentliche Wahrnehmung sagt doch alles
Der HSV polarisiert, er emotionalisiert, er ist ein Stück Bundesligageschichte. Der VFL ist allen außerhalb Wolfsburg einfach nur egal. Das ist kein Argument für oder wider einen Abstieg eines der beiden, denn verdient haben ihn beide. Es ist eine Bestandsaufnahme und vor allem ein Ausblick, wie die gesamte Bundesliga wird, wenn immer mehr seelenlose Werbeträger mitspielen (dürfen). Langweilig.
mariomeyer 19.05.2017
2. Burgfestspiele!
Hamburg, Wolfsburg, Augsburg - alle noch in der Verlosung. Warten wir es ab. Sollte Wolfsburg wirklich absteigen, müsste man wahrscheinlich mal sehen, ob sie vermisst werden. Schwer zu sagen, denn trotz aller Anstrengungen scheint man immer eine graue Maus in der Bundesliga geblieben zu sein - Meisterschaft und Pokalsieg hin oder her.
interessierter10 19.05.2017
3. Am Fall Wolfsburg kann man...
.. wunderbar sehen, wie eine oberflächliche Betrachtung, die Ursachen verschleiert. Wenn Gomez mit den 16 Toren als Bewahrer bezeichnet wird, ist das formal zwar richtig, zeigt aber auch das ganze Missverständnis. Mit Gomez ist das Spiel auf das Zentrum ausgerichtet, statisch und ausrechenbar. Die Tore, die er erzielte, sind das mindeste, was man von einem erwarten kann, der lediglich vorn auf die 100%iger lauert. Ich kann mich an keinen Treffer von ihm erinnern, der irgendwie außergewöhnlich oder in irgendeiner Form an einen überdurchschnittlichen Spieler erinnern könnte. Die vielen, vielen vergeben Chancen werden in der oberflächlichen Nachbetrachtung meist vergessen. Dafür ist in der Rückwärtsbewegung und im Spielaufbau mit Gomez beim VFL dann meist ein Mann weniger auf dem Platz. Als der Trainer dies erkannte, machte Wolfsburg die besten Spiele, verlor aber unverdient und es war schon zu spät, also wurde er entlassen. Bei der Nationalelf ist es das gleiche. Mit Gomez gab es noch kein (nicht ein) gutes Spiel der deutschen Mannschaft. Da aber in der Öffentlichkeit allein auf den Vollstrecker - und seien es noch so banale Abstauber, die jeder durchschnittliche Spieler auch in Tore umgesetzt hätte - fokussiert wird, traut sich keiner (leider auch nicht Löw) den besseren Spieler bzw. das bessere System zu bevorzugen.
hibee 19.05.2017
4. Gomez und N11
So viele Spiele hat Gomez in den letzten Jahren unter Löw nicht gemacht, bei der unnötigen Halbfinalpleite hat er als Vollstrecker leider gefehlt. Misserfolge in der N11 kann man kaum an Gomez fest machen. Volkswagen äh Wolfsburg würde der BL wirklich nicht fehlen - eher im Gegenteil. Bin mir aber sicher, dass die nicht absteigen werden und sei es dass sie in der Relegation erfolgreich sind.
jnek 19.05.2017
5. Oje
Zitat von interessierter10.. wunderbar sehen, wie eine oberflächliche Betrachtung, die Ursachen verschleiert. Wenn Gomez mit den 16 Toren als Bewahrer bezeichnet wird, ist das formal zwar richtig, zeigt aber auch das ganze Missverständnis. Mit Gomez ist das Spiel auf das Zentrum ausgerichtet, statisch und ausrechenbar. Die Tore, die er erzielte, sind das mindeste, was man von einem erwarten kann, der lediglich vorn auf die 100%iger lauert. Ich kann mich an keinen Treffer von ihm erinnern, der irgendwie außergewöhnlich oder in irgendeiner Form an einen überdurchschnittlichen Spieler erinnern könnte. Die vielen, vielen vergeben Chancen werden in der oberflächlichen Nachbetrachtung meist vergessen. Dafür ist in der Rückwärtsbewegung und im Spielaufbau mit Gomez beim VFL dann meist ein Mann weniger auf dem Platz. Als der Trainer dies erkannte, machte Wolfsburg die besten Spiele, verlor aber unverdient und es war schon zu spät, also wurde er entlassen. Bei der Nationalelf ist es das gleiche. Mit Gomez gab es noch kein (nicht ein) gutes Spiel der deutschen Mannschaft. Da aber in der Öffentlichkeit allein auf den Vollstrecker - und seien es noch so banale Abstauber, die jeder durchschnittliche Spieler auch in Tore umgesetzt hätte - fokussiert wird, traut sich keiner (leider auch nicht Löw) den besseren Spieler bzw. das bessere System zu bevorzugen.
Viele Worte, aber leider auch nicht mehr. Denn mit der Realität hat das alles wenig zu tun. Nur ein Bsp.: was sie bzgl. Gomez behaupten ist entweder einfach nur ein Zeichen von "hat keine Ahnung" oder dreist weil wider besseres Wissen. Sie bewerfen hier jemanden mit verbalem Schmutz, der eine der erfolgreichsten Spieler der vergangenen Jahre ist. Vize-Europameister, WM-Dritter, Fußballer des Jahres, Torschützenkönig, dreifacher dt. Meister, türk. Meister, zweifacher Pokalsieger, CL-Gewinner und zweifacher CL-Finalist, er erzielte in 174 Spielen für den FC Bayern unglaubliche 112 Tore. Und was das "nicht ein einziges gutes Spiel mit der N11" angeht - der 13.6.2012 ist an ihnen wohl vorbei gegangen, oder? http://www.t-online.de/sport/id_57195300/em-2012-mario-gomez-schiesst-holland-ab-und-laesst-mehmet-scholl-verstummen.html
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.