Werksklub in der Krise Wolfsburg hat ein Antriebsproblem

Borussia Dortmund hat Wolfsburg innerhalb weniger Monate als zweite Kraft des deutschen Fußballs abgelöst. Beim VfL wird über die Gründe gerätselt, die Analyse vor dem Top-Spiel zeigt: Die Misere hat vor allem einen Grund.

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Einmal noch mit Sonnenbrille, belegter Stimme und Pokal in der Hand in einem LKW über den schwarz-gelben Borsigplatz fahren. Das hätte Jürgen Klopp "ziemlich lässig" gefunden. Stattdessen feierten nach dem Pokalfinale die Spieler in Grün und Weiß, der VfL fuhr in Cabrios durch Wolfsburg. Die Niedersachsen hatten das Finale dominiert, 3:1 gewonnen - und scheinbar den Status als die Nummer zwei hinter dem FC Bayern zementiert.

Doch seitdem ist viel passiert. Klopps Abgang von Borussia Dortmund stand zum Zeitpunkt des Finales bereits fest, unter Nachfolger Thomas Tuchel hat sich der BVB wieder zu einem Spitzenklub entwickelt.

Vor dem Top-Spiel am Samstag (18.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Wolfsburg haben sich die Vorzeichen gedreht. Die Borussia steht mit sieben Punkten Vorsprung vor dem VfL auf Platz zwei, spielt den attraktiveren Fußball und wird als einziger ernstzunehmender Konkurrent der Bayern wahrgenommen - wenn auch ohne realistische Chance auf den Meistertitel.

BALLBESITZ
(in Relation zur Saison 2014/2015)
58,3%
54,8%
Passquote
(in Relation zur Saison 2014/2015)
83,7%
79,6%
In Wolfsburg ist ein gegenläufiger Trend zu erkennen. Das Team von Trainer Dieter Hecking befindet sich als Tabellendritter zwar erneut auf Champions-League-Kurs, als viertschlechteste Auswärtsmannschaft gab der VfL aber zu viele Punkte ab. Die Titelverteidigung im Pokal ist nach der Niederlage gegen den FC Bayern in der zweiten Runde nicht mehr möglich. Die Doppelbelastung steckt Heckings Mannschaft nicht so gut wie in der vergangenen Saison weg, nach den bisherigen fünf Gruppenspielen in der Champions League gab es zwei Siege, ein Remis und zwei Niederlagen in der Bundesliga. Und nach Rückstand konnte noch kein Spiel gedreht werden.

Die Abwehr ist nicht das Problem

Manager Klaus Allofs, der sich neben dem sportlichen Abwärtstrend auch mit den Folgen der Krise des Mutterkonzerns VW auseinandersetzen muss, will bei seinen Spielern ein Einstellungsproblem erkannt haben. "Dass eine Mannschaft mit so viel Potenzial so wenig auf den Platz bringt, das ist schon erschreckend", hatte Allofs nach der 0:2-Niederlage beim FSV Mainz 05 gesagt. "Wir sind nicht zufrieden, wie unsere Mannschaft derzeit spielt", lautete Heckings Bilanz nach dem gleichen Spiel.

Der VfL Wolfsburg erzielte 2014/2015...

...neun Tore von außerhalb des Strafraums.

...vier Tore nach ruhenden Bällen.

Dabei ist in Wolfsburg im Vergleich zur Vorsaison sowohl bei den meisten Statistiken als auch bei der Entwicklung des Abwehrverhaltens keine negative Veränderung auszumachen.

  • Die Anzahl der Gegentore bleibt konstant
  • Die Zweikampfquote hat sich von 52,3 auf 53 Prozent leicht verbessert.
  • Der VfL lässt weniger Torschüsse zu.

  • Die Passquote hat sich von 79,6 auf 83,7 Prozent verbessert.

Der gegen den BVB gesperrt fehlende Dante hat Nachwuchsmann Robin Knoche als zweiten Innenverteidiger neben Naldo abgelöst. Als Außenverteidiger spielen in der Regel Ricardo Rodríguez und Christian Träsch und auch im defensiven Mittelfeld herrscht mit Luiz Gustavo, Maximilian Arnold und Josuha Guilavogui Konstanz.

Kevin allein

Anders sieht es im Mittelfeld aus, wo der VfL mit den Abgängen von Kevin De Bruyne (Manchester City) und Ivan Perisic (Inter Mailand) einen erheblichen personellen Aderlass zu verkraften hatte. Vor allem De Bruynes Abgang wiegt schwer. Der Belgier hatte in der vergangenen Saison zehn Tore in der Bundesliga erzielt und avancierte mit 20 Torvorlagen zum besten Assistgeber in der Geschichte der Liga.

Der VfL Wolfsburg erzielte 2015/2016...

...ein Tor von außerhalb des Strafraums.

...null Tore nach ruhenden Bällen.

Nach dem Rekordtransfer in Höhe von 74 Millionen Euro zu City hatten Hecking und Allofs mit der Verpflichtung des Schalkers Julian Draxler reagiert, zuvor war bereits Max Kruse aus Mönchengladbach geholt worden. Das Signal war klar: Wenn deutsche Nationalspieler zu haben sind, ist Wolfsburg unter den Interessenten. Weil sie es sich leisten können, weil sie Großes vorhaben. Und weil jeder zu ersetzen ist, eben auch De Bruyne.

Die Realität sieht anders aus. Es klingt so einfach - trifft aber den Kern des Wolfsburger Problems. Ohne den Belgier fehlen Tempo, Dribblings, Übersicht, gefährliche Standardsituationen, Effizienz beim letzten Pass - Wolfsburg ist in der Offensive leichter auszurechnen. Wer die Schuld allein beim vermeintlichen Ersatz Draxler sucht, tut dem 22-Jährigen Unrecht.

Denn auch die anderen Offensivspieler sind in dieser Spielzeit nicht auf dem Niveau, das man sich erhofft hatte. Daniel Caligiuri kann nicht an seine starke Form der Vorsaison anknüpfen, André Schürrle fehlt sichtbar das Selbstvertrauen und Kruse verteilte seine fünf Bundesligatreffer auf gerade mal zwei Spiele (gegen Hoffenheim und Bremen).

Während in Dortmund plötzlich Sorgenkinder der Vorsaison wie Henrich Mchitarjan und Shinji Kagawa wieder aufblühen, scheint Wolfsburg in seiner Entwicklung festzustecken. VfL-Trainer Hecking sagt dennoch vor dem Top-Spiel: "Es gibt keinen Favoriten, Nuancen werden entscheiden. Das sind diese 50:50-Spiele."

Wenn man diese Einschätzung teilen will, dann derzeit allein aufgrund der Heimstärke des VfL. Ein Sieg wäre jedenfalls eine größere Überraschung als eine Niederlage - die würde sogar den Status als die Nummer drei in der Liga in Gefahr bringen.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
geirröd 04.12.2015
1. Oh man - was für ein Wortspiel...
Wolfsburg = VW = Antriebsproblem....
realplayer 04.12.2015
2.
Die Führungs-Spieler sind bocklos. Bin mir aber auch sicher, dass sie die Stadt Wolfsburg ans sich furchtbar langweilig finden und mit dem Gedanken spielen - schnell wieder weg hier.
harleyfahn 04.12.2015
3. Wolfsburg ist und bleibt
irgendwie eine merkwürdig blutleere Retortenmannschaft. Oft ein halbleeres Stadion und mangelnde Fanunterstützung, Wolfsburg letztlich ein seelenloses Provinzkaff und, wie der VfL auch, abhängig von der offenen VW-Schatulle - da kommt keine rechte Fußball-Authentizität auf.
eishockeyoma 04.12.2015
4. Wolfsburg
hatte nie den Anspruchdie Nummer 2 hinter Bayern zu sein, liebe SPON Redakteure. Sie (die Redakteure) wollten gern den Vfl in dieser Rolle sehen... Alle anderen kann ich nur raten, mal wieder ein Fußballspiel zu schauen...
singliketroubardix 04.12.2015
5. Schwacher Artikel
"Borussia Dortmund hat Wolfsburg innerhalb weniger Monate als zweite Kraft des deutschen Fußballs abgelöst." Das gleiche hat man vor wenigen Monaten geschrieben nur da hieß es, dass Wolfsburg den BVB abgelöst hätte. Ja was denn nun? Meiner Meinung nach zeigt beides, das es den beiden Teams aktuell v.a. an einem Fehlt - an Konstanz auf hohem Niveau. Das ist allerdings nichts neues in der BL. Das gab es immer wieder. Der einzige Unterschied ist, dass die Bayern nun da ausgeschert sind und diese Konstanz auf hohem Niveau halten können.
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