Bundesliga-Relegation Wolfsburg vs. Braunschweig Lieberknecht und die zehn VfL-Trainer

Seit 2008 ist Torsten Lieberknecht Trainer in Braunschweig, Relegationsgegner Wolfsburg beschäftigte in dieser Zeit zehn Coaches - und investierte Millionen. Nach Meisterschaft und Pokalsieg droht dem VfL nun der Abstieg.

Aus Wolfsburg berichtet


Torsten Lieberknecht war sichtlich gerührt, als er nach dem 2:1-Sieg gegen den Karlsruher SC über die Fan-Choreografie im Eintracht-Stadion sprach, die der harte Kern des Braunschweiger Publikums zu Ehren der Meistermannschaft von 1967 organisiert hatte. "Es ist unfassbar, wie man einen Verein so lieben kann. Ich liebe diesen Verein ja auch, aber diese Liebe im Stadion war unglaublich", sagte er.

Das Bemerkenswerte an dieser Aussage war der Satz in der Mitte: "Ich liebe diesen Verein ja auch."

Bei den meisten Protagonisten im Profifußball würde eine solche Aussage übertrieben oder unglaubwürdig klingen, doch Lieberknecht kann man die Liebesbekundung ruhig abnehmen. Er ist seit 2008 Trainer in Braunschweig, hat mit dem Verein gute und schlechte Zeiten durchgestanden - und der Verein mit ihm. Dritte Liga, zweite Liga, Bundesliga, wieder zurück in die zweite Liga. Der Mechanismus der Branche, den Trainer umgehend zu feuern, sobald es mal nicht läuft - er besitzt in Braunschweig keine Gültigkeit.

Beim nächsten Gegner der Eintracht sieht das ganz anders aus: Der VfL Wolfsburg hat während Lieberknechts Amtszeit neunmal den Übungsleiter gewechselt, unter anderem durften sich Steve McClaren, Pierre Littbarski und natürlich Felix Magath versuchen. Wenn man also nach Gründen dafür sucht, dass Wolfsburg und Braunschweig an diesem Donnerstag und am darauffolgenden Montag (jeweils 20.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) in der Relegation aufeinandertreffen, dann ist einer diese Gründe: Kontinuität (bei Braunschweig). Beziehungsweise: fehlende Kontinuität (bei Wolfsburg).

Erfolge durch Einzelne

Der VfL wollte sich mit dem Geld von Volkswagen unter den besten Klubs der Republik etablieren und Stammgast im internationalen Wettbewerb werden. Doch die Erfolge waren immer nur vorübergehend. 2009 gewannen die Wolfsburger die Meisterschaft, das Hackentor von Grafite beim 5:1 gegen den FC Bayern ist ein Moment für die Bundesliga-Ewigkeit, zwei Jahre später wären sie fast abgestiegen. 2015 wurde der VfL Pokalsieger, Vizemeister, galt als neue zweite Kraft im deutschen Fußball. Jetzt droht der Abstieg.

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VfL Wolfsburg: Zehn Trainer in neun Jahren

Dem Klub gelingt es offensichtlich nicht, den Erfolg zu konservieren. Die nach der Meistersaison verpflichteten Obafemi Martins, Thomas Kahlenberg und Karim Ziani floppten. Der neue Trainer Armin Veh hielt nur 19 Ligaspiele durch. Nach der Erfolgssaison vor zwei Jahren kamen Max Kruse, Julian Draxler und Dante. Von ihnen ist heute keiner mehr beim VfL. So bleibt die Erkenntnis, dass die jüngeren Erfolge vielleicht gar kein Erfolge des Klubs waren - sondern von Einzelnen.

Die Meisterschaft 2009 war neben Trainer Magath der Tatsache zu verdanken, dass die Wolfsburger mit Grafite, Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic eine außergewöhnliche Offensive hatten. Der Aufschwung vor zwei Jahren hing vor allem an Kevin De Bruyne. Eine langfristige Idee, eine DNA des Erfolgs, die unabhängig von Spielern und Trainern funktioniert, konnte der VfL nicht entwickeln.

"Geschichte schreiben"

In Braunschweig sind die Ambitionen und damit der Druck kleiner, das erleichtert die Arbeit. Der Klub war Gründungsmitglied der Bundesliga, Meister 1967, Tradition spielt eine große Rolle im und um das Eintracht-Stadion. Doch der Verein macht nicht den Fehler, aus der Vergangenheit Ansprüche für die Gegenwart oder die Zukunft abzuleiten. Die Braunschweiger sind selbst überrascht von ihrem Erfolg in dieser Saison, von diesen 66 Punkten, mit denen sie der beste Zweitligadritte im Zeitalter der Drei-Punkte-Regel sind. Ziel sei gewesen, "unter die Top 25" im deutschen Fußball zu kommen, sagt Lieberknecht. Jetzt könne seine Mannschaft sogar "Geschichte schreiben".

Der Trainer steht wie auch Manager Marc Arnold für die Braunschweiger Nachhaltigkeit. Die beiden arbeiten seit neun Jahren zusammen, sind in dieser Zeit Freunde geworden und identifizieren sich glaubhaft mit der Stadt und dem Verein. Auch im Kader steckt viel Konstanz. So gehören Ken Reichel, der momentan verletzte Kapitän Marcel Correia, Mirko Boland und Domi Kumbela immer noch zu den Leistungsträgern wie schon in der Saison 2013/2014, Eintrachts bislang letztem Aufenthalt in der ersten Liga.

Reichels Vertrag gilt bis 2019, die Arbeitspapiere von Boland und Kumbela hat der Verein gerade noch einmal verlängert, auch den angeblich von Inter Mailand umworbenen Torhüter Jasmin Fejzic haben die Braunschweiger bis 2020 gebunden. Die Verträge von Arnold und Lieberknecht laufen bis 2019 und 2020. Für die Zukunft ist also gesorgt.

Beim VfL Wolfsburg dagegen steht wohl der nächste Umbruch an, unabhängig vom Ausgang der Relegation.



insgesamt 31 Beiträge
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_unwissender 25.05.2017
1. Alles nur eine Frage der Trainer?
Wie wäre es, wenn man auch in die Chefetage schaut? Wolfsburg macht alles für den Erfolg - und kann ihn nicht kaufen. Es ist fast so wie bei VW.
Ein_denkender_Querulant 25.05.2017
2. Fussballorakel
Zitat Piech: "Wenn der VFL Wolfsburg jemals absteigen sollte, dann nur, wenn VW pleite ist" Hm, wird ein spannendes Spiel mit Braunschweig.
Lelas 25.05.2017
3.
Peinlich, wie hier anlassbezogen Klischees bedient werden. Welcher Verein außer Bayern München hat denn eine Erfolgs-DNA unabhängig von Trainern und Spielern? Und wieviele hatten auch massenhaft Trainerwechsel uns spielen dieses Jahr nicht gegen den Abstieg? 16 Vereine der 1. Bundesliga würden sofort mit dem VfL Wolfsburg tauschen, wenn man ihnen eine Meisterschaft, einen Pokalsieg, Championsleaguesiege gegen ManU und Real innerhalb von 8 Jahren schenken würde.
Mittelalter 25.05.2017
4. Beide Vereine
Sind Betriebssportgesellschaften des VW-Konzerns. Was werden die jetzt als Werbung auf der Brust tragen? Bei Wolfsburg "up" und bei Braunschweig "down"? Wer hier in der BL bleibt, braucht man nicht ausspielen. Das ist längst anderswo entschieden. Die nächste BSG VW aus Ingolstadt muss schon runter. Bloß gut, dass der vierte VW-Verein (FC Bayern) dauernd Meister wird. Und keiner in den Medien thematisiert das. Es wird was über Trainer geschrieben. Aber RB ist die Verkörperung der Kommerzialisierung, die Verkörperung des Bösen Geldes. Da muss man schwarze Müllsäcke im Stadion tragen und Kinder angreifen.
keep 25.05.2017
5. Da werde ich ja nostalgisch...
...meine sehr verehrten Damen und Herren. Wolfsburg gegen Braunschweig, das ist ja enorm! Ein Drraum! Wenn Sie mich fragen: Ich schau da mal genau hin! Relegation ist die Meisterschaft des kleinen Mannes, wenn Sie verstehen, was ich meine! Schauen Sie in die 70er zurück, da gabs das noch nicht. Da sind Netzer und Breitner noch mit wilden Frisuren über den Platz stolziert und haben dem Gegner Angst gemacht. Donnerwettter! Apropos Angst: Den Wölfen schlottern die Knie, das verspreche Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ja und der Lieberknecht? Das ist ja ein Lausbub, ein pfälzischer Frechdachs! Der wird schon wissen, wie man es macht! Brrima!
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