Regionalliga Nord: Insolvenzen sorgen für Chaos im Abstiegskampf

Von Benjamin Knaack und Dirk Schneider

Victoria-Spieler Trimborn (l.) Wolfsburgs Diego (Archivbild): "Wollen nicht klagen" Zur Großansicht
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Victoria-Spieler Trimborn (l.) Wolfsburgs Diego (Archivbild): "Wollen nicht klagen"

Während sich Deutschlands Fußball-Elite auf das Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund konzentriert, kämpfen die Teams in den unteren Spielklassen ums Überleben. In der Regionalliga Nord sind gleich zwei Mannschaften insolvent, nun tobt ein skurriler Abstiegskampf.

Hamburg - Finanzielle Schwierigkeiten sind in unteren Ligen nichts Außergewöhnliches: Aachen, Osnabrück, Offenbach - viele Traditionsclubs kämpfen ums Überleben. Doch in der Regionalliga Nord sorgt die Insolvenz zweier Vereine nun für besonders große Aufregung.

Bereits in der Winterpause hatte der VfB Lübeck seine Zahlungsunfähigkeit angemeldet, mittlerweile läuft auch gegen den FC Oberneuland ein Verfahren - und das hat große Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Kurz vor Saisonende wurden alle Ergebnisse des Bremer Vorortclubs annulliert.

Das Streichen der Ergebnisse ist besonders für den SV Wilhelmshaven schmerzhaft: Der Club hatte beide Spiele gegen Oberneuland gewonnen, verlor nun sechs Punkte - und damit den Vorteil gegenüber dem Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, Victoria Hamburg. Der SVW liegt mit 27 Punkten (-13 Tore) auf dem 16. Tabellenrang und damit in der Abstiegszone. Einen Platz davor: der SC Victoria, aktuell mit 30 Punkten (-33 Tore).

"Wie viele Knüppel noch?"

Der Club aus Hamburg hatte seine Spiele gegen Oberneuland verloren, litt also nicht unter der Annullierung. Besonders unglücklich für Konkurrent Wilhelmshaven: Auch durch die Lübecker Pleite hatte der SVW bereits vier Punkte eingebüßt, Victoria hingegen hatte das Hinspiel verloren, das Rückspiel fand nicht mehr statt.

Beim SVW war die Empörung groß, da dem Club bereits vor Saisonbeginn sechs Punkte wegen Fehlern beim Transfer von Sergio Sagarzazus 2007 abgezogen worden waren. "Wie viele Knüppel will man uns noch zwischen die Beine werfen?", fragte SVW-Trainer Christian Neidhart in der "Wilhelmshavener Zeitung" und hielt "eine Klagewelle gegen den norddeutschen Fußball für unvermeidlich".

Prüfen lässt der Verein laut Pressesprecher Jörg Schwarz vor allem jenen Sechs-Punkte-Abzug der Affäre Sagarzazus, er werde "sich aber auch die Punktverluste bezüglich Oberneuland anschauen." Der von Wilhelmshaven beauftragte Rechtsanwalt Jürgen Scholz sagte: "Das ist insgesamt katastrophal für den deutschen Fußball." Er sieht die Verbände in der Pflicht: "Beim DFB und NFV wird viel bewegt und auch selbst viel verdient. Da kann man erwarten, dass Statuten und Ähnliches ordentlich formuliert werden." Der Zwangsabstieg der insolventen Clubs sei zwar zwingend, das Herausrechnen der Ergebnisse aber nicht.

Auch der Aufstiegskampf war betroffen

Klagen der Wilhelmshavener dürften jedoch den SC Victoria auf den Plan rufen, der vor dem NFV und ordentlichen Gerichten auf die Streichung der Oberneuland-Punkte bestehen dürfte. "Wir wollen nicht klagen", sagt Ronald Lotz. Der SCV-Manager macht aber auch klar, dass die Ergebnisse der Clubs, die ihre finanziellen Vorgaben "in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht umsetzen können", im Falle einer Insolvenz eben herausgerechnet werden müssen.

Auch auf den Aufstiegskampf hätte die Oberneuland-Insolvenz beinahe Auswirkungen gehabt. Tabellenführer Holstein Kiel verlor sechs Punkte aus seinen beiden Siegen gegen Oberneuland. Die Spitzenposition ging dadurch zwischenzeitlich an Verfolger Havelse verloren.

"Wir haben davon größtenteils auch nur aus der Zeitung erfahren. Die Lage im Verein war natürlich angespannt", sagt Kiels Pressesprecher Patrick Nawe. Nur durch einen Sieg im Spitzenspiel konnte sich Kiel vorzeitig die Meisterschaft und dadurch die Teilnahme an der Aufstiegsrunde in die dritte Liga sichern. "Wir haben uns nur auf dieses Ziel konzentriert und waren hochmotiviert", sagt Nawe.

Die Hoffnung für beide Clubs: Holsteins Aufstieg

Für den Verursacher des Abstiegschaos ist die Zukunft indes ungewiss. Oberneuland durfte zwar trotz der Insolvenz das Finale des Bremer Lotto-Pokals spielen, verlor dort jedoch gegen Außenseiter SG Aumund-Vegesack 0:4. Am Dienstag hat der Club den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt.

"Sportlicher Erfolg ist zwar wichtig, aber entscheidender sind die wirtschaftlichen Eckdaten, die wir nun überprüfen", sagt Insolvenzverwalter Gerrit Hölzle: "Im Moment sieht es so aus, als ob der Verein ohne Sponsoren nicht weiter existieren kann. Aber wir sind noch in einem frühen Stadium des Verfahrens." Zur Situation in der Regionalliga sagte er: "Der Streit muss zwischen den betroffenen Vereinen und der Liga ausgefochten werden. Damit hat der FC Oberneuland nichts mehr zu tun."

Sowohl Victoria als auch Wilhelmshaven hoffen nun auf eine sportliche Lösung. Die aber wird es nur für einen geben: Holt "Vicky" beim feststehenden Meister Kiel einen Punkt, würde dem SVW nicht einmal ein Sieg gegen Oldenburg zum Klassenerhalt genügen. Eine Rettung für beide Teams gibt es nur, falls Kiel aufsteigt: "Dann wird es nur zwei Absteiger geben", teilte Jürgen Stepani, Spielausschussvorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbands, beiden Vereinen mit.

Eine Unbekannte aber hat auch diese Rechnung: Verpasst der Drittligist VfL Osnabrück den Aufstieg in die zweite Liga und oder erhält keine Lizenz für die neue Saison, wäre der 16. der Regionalliga doch abgestiegen.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. In NRW könnte (müsste) die Insolvenz auch den Wuppertaler SV
lorenzcarla 21.05.2013
längst getroffen haben. Die Abstiegsfrage hier (fünf oder sechs Absteiger?) ist spannend und wird von Juristen entschieden. Auch andere Clubs sind - wie Real Madrid - von echten Schulden nur so geprägt. Der 1. FC Köln gab jüngst in der Presse ein Minus von 32 bis 35 Millionen Schulden zu. Man will die Stadionmiete von der Stadt Köln mindestens halbiert haben - natürlich, wie in Zypern und Griechenland, zu Lasten der deutschen Steuerzahler - der hat`s ja! Dieser hat ja weder 300 halb eingerissene (Autobahn-)Brücken noch Kindergärten oder Schultoiletten zu sanieren. Sagt mal: Seid ihr eigentlich noch zu retten?? Wann legen die versagenden Bürgermeister, Justizminister und der DFB endlich mal diese unersättlichen Fußballmanager an die Kette - welche irgendwelche vermeintliche Superstars mit fünfstelligen Monatsgehältern (in vielen längst insolvent agierenden Regionalligaclubs üblich) verwöhnen. Dass in Deutschlands ersten vier Ligen mindestens 40 Vereine hoffnungslos verschuldet sind, wird auf der Szene offen kolportiert. Doch es wird fröhlich wird weitergezockt. Zu Lasten der Steuerzahler. In Essen (vierte Liga) hat man gerade ein nagelneues Stadion für zig Millionen € erstellt. Was sagt denn der Bund der Steuerzahler zu dem Irrsinn? Oder wurden die ruhig gestellt?
2.
joergkirchberger 21.05.2013
Es ist nicht mehr möglich durch gute Jugendarbeit erfolgreich zu sein. Bis runter in die Kreisliga geht es nur ums Geld. Spieler halten die Hand auf, die Einnahmen decken nicht mal die Kosten des Schiedsrichters. Vereine die Ambitioniert sind brauchen einen Mäzen. Wird er abgeworben ist der Verein insolvent. Siehe Viktoria Köln deren Mäzen urplötzlich samt halber Mannschaft von Germania Windeck zur Victoria wechselte .Regionale Kleinsponsoren allein reichen nicht mal für die Oberliga (5.Liga). Der Fußball ist durch die Geldfressmaschine Bundesliga zerstört worden. Die Bundesligisten saugen mit Agenturen alle Sponsoren auf. Reichten bis vor ein paar Jahren einfache Werbebanden, wechselt heute im Minutentakt der Anbieter auf der Bande. In vielen Stadien kann man nicht mal mehr Fans im TV erkennen, weil die Banden extrem hoch sind, siehe Rostock, S04 ect. Da bleiben für die 3. und 4. Liga nur noch die Brotkrumen übrig. In Ahlen hat man mit allen Mitteln versucht zumindest die 3. Liga zu halten und landete in der Insolvenz. Pech gehabt, dass die Stadt durch Zechenschließung Pleite gegangen ist, Pech gehabt, dass Ahlen nicht genügend gewalttätige Fans hat, wie Dynamo, deren Fans das Rathaus auseinander nehmen, wenn das Geld nicht fließt. Der BvB, S04, Bielefeld...diese Nachbarschaft machten es unmöglich die 2. Liga zu halten-auch wenn ein Verein Leute wie Kevin Großkreutz und Marco Reus hervorgebracht hat. Der eine wechselt ablösefrei, der andere für unter 1 Mio. Die kleinen Vereine werden kaputt gemacht. Danke DFL, danke Herr Murdoch, ihr seid die Totengräber des Fußballs.
3.
joergkirchberger 21.05.2013
Zitat von lorenzcarlalängst getroffen haben. Die Abstiegsfrage hier (fünf oder sechs Absteiger?) ist spannend und wird von Juristen entschieden. Auch andere Clubs sind - wie Real Madrid - von echten Schulden nur so geprägt. Der 1. FC Köln gab jüngst in der Presse ein Minus von 32 bis 35 Millionen Schulden zu. Man will die Stadionmiete von der Stadt Köln mindestens halbiert haben - natürlich, wie in Zypern und Griechenland, zu Lasten der deutschen Steuerzahler - der hat`s ja! Dieser hat ja weder 300 halb eingerissene (Autobahn-)Brücken noch Kindergärten oder Schultoiletten zu sanieren. Sagt mal: Seid ihr eigentlich noch zu retten?? Wann legen die versagenden Bürgermeister, Justizminister und der DFB endlich mal diese unersättlichen Fußballmanager an die Kette - welche irgendwelche vermeintliche Superstars mit fünfstelligen Monatsgehältern (in vielen längst insolvent agierenden Regionalligaclubs üblich) verwöhnen. Dass in Deutschlands ersten vier Ligen mindestens 40 Vereine hoffnungslos verschuldet sind, wird auf der Szene offen kolportiert. Doch es wird fröhlich wird weitergezockt. Zu Lasten der Steuerzahler. In Essen (vierte Liga) hat man gerade ein nagelneues Stadion für zig Millionen € erstellt. Was sagt denn der Bund der Steuerzahler zu dem Irrsinn? Oder wurden die ruhig gestellt?
Sie sind aber ein echter Experte in Sachen Fußball. Respekt. Der Neubau des Georg-Melches Stadions war absolut überfällig. Der alte Kasten war nicht mehr sicher (Bausubstanz). Dort treffen sich oft mehr als zehntausend Menschen. Die Superstars in der 4. Liga können sie mir sicherlich mal nennen. Rotzbrause Leipzig ist ein ekelhafter Einzelfall. Fragen sie doch mal bei Viertligisten, wer dort mindesten 10000 Euro im Monat verdient. Sie werden ausgelacht. Wo sehen sie den Zusammenhang zwischen Bürgermeister und Manager? Der Deutsche Fußball gesamt zahlt wesentlich mehr Steuern ein, als die Zuwendungen einiger Kommunen. Es sollte nur mehr Gerechtigkeit einziehen. Entweder es bekommen alle Kohle von der Stadt, oder eben keiner. Fußball ist gelebte Sozialarbeit. Wer Philamonien subventioniert, muss den Fußball unterstützen (siehe Zuschauerzahlen Bundesweit)
4. Na und? Das sind doch alles Traditionsvereine...
cherrydoc 21.05.2013
Zitat von lorenzcarlalängst getroffen haben. Die Abstiegsfrage hier (fünf oder sechs Absteiger?) ist spannend und wird von Juristen entschieden. Auch andere Clubs sind - wie Real Madrid - von echten Schulden nur so geprägt. Der 1. FC Köln gab jüngst in der Presse ein Minus von 32 bis 35 Millionen Schulden zu. Man will die Stadionmiete von der Stadt Köln mindestens halbiert haben - natürlich, wie in Zypern und Griechenland, zu Lasten der deutschen Steuerzahler - der hat`s ja! Dieser hat ja weder 300 halb eingerissene (Autobahn-)Brücken noch Kindergärten oder Schultoiletten zu sanieren. Sagt mal: Seid ihr eigentlich noch zu retten?? Wann legen die versagenden Bürgermeister, Justizminister und der DFB endlich mal diese unersättlichen Fußballmanager an die Kette - welche irgendwelche vermeintliche Superstars mit fünfstelligen Monatsgehältern (in vielen längst insolvent agierenden Regionalligaclubs üblich) verwöhnen. Dass in Deutschlands ersten vier Ligen mindestens 40 Vereine hoffnungslos verschuldet sind, wird auf der Szene offen kolportiert. Doch es wird fröhlich wird weitergezockt. Zu Lasten der Steuerzahler. In Essen (vierte Liga) hat man gerade ein nagelneues Stadion für zig Millionen € erstellt. Was sagt denn der Bund der Steuerzahler zu dem Irrsinn? Oder wurden die ruhig gestellt?
...und für die zahlt der deutsche Fußballfan doch gerne Millionen Steuergelder. Nur wenn Vereine ohne Steuergelder und Missmanagement aber mit privaten Mitteln und Leistung nach oben kommen, dann wird geschrien und gehetzt! Ich hoffe, in der BL Relegation setzt sich trotzdem nicht der Steuer-gepuderte Traditionsclub durch!
5. optional
ödi 21.05.2013
Warum werden in so einem Fall nicht einfach alle Spiele gegen den insolventen Verein mit einem 1:0 Sieg gewertet? Auch nachträglich? Dann hätte man saubere Verhältnisse und keine Wettbewerbsverzerrung. In Spaniens Ligen wird das so gehandhabt.
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