Videobeweis bei der WM Völlig verguckt

Der Videobeweis ist ein sinnvolles Hilfsmittel - auch bei der WM. Aber die Technik ist nur so gut wie die Menschen, die sie nutzen. Das zeigte das Spiel Iran gegen Portugal.

Schiedsrichter Enrique Cáceres zeigt das VAR-Symbol
REUTERS

Schiedsrichter Enrique Cáceres zeigt das VAR-Symbol

Von Alex Feuerherdt


Als Enrique Cáceres, der Schiedsrichter der Partie zwischen Iran und Portugal (1:1), in der Nachspielzeit aus der Review Area am Spielfeldrand auf den Platz zurückkehrte, merkte man ihm die Unsicherheit an. Er schnaufte tief durch, dann malte er mit den Fingern die Umrisse eines Monitors in die Luft - das inzwischen bekannte Zeichen dafür, dass eine Entscheidung geändert wird.

Es war das dritte Mal in diesem Spiel, dass sich der Paraguayer mit Hilfe des Video-Assistenten korrigierte, so häufig wie kein Referee zuvor bei dieser Weltmeisterschaft. Er gab Strafstoß für Iran, den Karim Ansarifard zum 1:1 verwandelte. Die Portugiesen tobten.

Was sich an diesem Abend im Stadion von Saransk abspielte, war keine Werbung für den Videobeweis - anders als in den meisten anderen Partien dieses Turniers. Der fahrige Schiedsrichter und sein übereifriger Video-Assistent hatten im Bemühen, das harte und emotionale Spiel in die Spur zu bringen, für noch mehr Hektik gesorgt. In der Schlussphase zeichneten Spieler und Betreuer beider Teams nach nahezu jedem Zweikampf im Strafraum den Video-Bildschirm in die Luft, um eine Überprüfung zu fordern.

Cristiano Ronaldo macht das VAR-Symbol
REUTERS

Cristiano Ronaldo macht das VAR-Symbol

Der späte Handelfmeter für die Iraner war die fragwürdigste Entscheidung. Denn als der portugiesische Verteidiger Cédric im eigenen Strafraum den Ball im Luftkampf aus kürzester Distanz von hinten an den Arm geköpft bekam, hatte er praktisch keine Chance, das Handspiel zu vermeiden.

Referee Cáceres ließ zunächst weiterspielen, doch sein Video-Assistent, Massimiliano Irrati aus Italien, wollte darin erstaunlicherweise einen klaren und offensichtlichen Fehler erkannt haben. Deshalb empfahl er ein On-Field-Review - und tatsächlich änderte der gestresste Unparteiische, mit dem zuvor vor allem die iranischen Spieler häufig gehadert hatten, seine Meinung und gab den Strafstoß. Eine viel zu harte Entscheidung, die auf einem Eingriff des Video Assistant Referee (VAR) beruhte, den es nicht hätte geben dürfen.

Wenn der Video-Assistent mehr schadet als nutzt

Schon die vorherige Intervention von Irrati in dieser Begegnung war zweifelhaft. Nach 81 Minuten hatte Cristiano Ronaldo seinen Gegenspieler Morteza Pouraliganji im Zweikampf mit dem Ellbogen getroffen, ohne dass der Unparteiische darin eine Regelwidrigkeit gesehen hatte. Der Video-Assistent war anderer Meinung und empfahl die Überprüfung in der Review Area. Ronaldo sah schließlich die Gelbe Karte, weil der Referee Ronaldos Aktion nicht als Tätlichkeit bewertete. Diese Unstimmigkeit brachte noch mehr Unruhe in die Partie, in der Cáceres verzweifelt versuchte, die Akzeptanz der Spieler zu gewinnen und die Emotionen abzukühlen.

Schiedsrichter Enrique Cáceres auf dem Weg in die Review Area
AP

Schiedsrichter Enrique Cáceres auf dem Weg in die Review Area

Lediglich der erste Eingriff des VAR passte zur Linie der Video-Assistenten bei dieser WM: Als Saeid Ezatolahi in der 51. Minute Ronaldo im iranischen Strafraum mit eindeutig unfairen Mitteln zu Fall brachte, der Schiedsrichter jedoch weiterspielen ließ, lag tatsächlich eine klare Fehlentscheidung vor, die der Korrektur bedurfte. Insgesamt aber schadete der Einsatz des Videobeweises in diesem Spiel mehr, als er nutzte. Durch den fast schon inflationären Gebrauch wurde Cáceres noch unsicherer und büßte bei den Spielern zunehmend Respekt ein. Das Hilfsmittel hatte sich in sein Gegenteil verkehrt.

Videobeweis ad absurdum geführt

Auch im sportlich bedeutungslosen letzten Spiel der Gruppe A zwischen Saudi-Arabien und Ägypten (2:1) gab es Unstimmigkeiten zwischen dem Schiedsrichter und der Videozentrale. In diesem Fall war allerdings vor allem der Unparteiische Wilmar Roldán aus Kolumbien dafür verantwortlich. In der ersten Hälfte entschied er zweimal auf Elfmeter für Saudi-Arabien, in beiden Fällen lag er daneben: Als der Ägypter Ahmed Fathi nach 39 Minuten den Ball im eigenen Strafraum an den Arm bekam, hatte er alles unternommen, um kein Handspiel zu begehen, und sich sogar aus der Schussrichtung gedreht. Und als Fahad Almuwallad wenige Minuten später im ägyptischen Sechzehnmeterraum zu Boden ging, hatte er dazu ähnlich wenig Grund wie Neymar in der Partie zwischen Brasilien und Costa Rica.

Beim ersten Strafstoß verzichtete Roldán nach längerer Unterredung mit seinem Video-Assistenten unverständlicherweise ganz auf die Überprüfung, beim zweiten blieb er auch nach dem Betrachten der Bilder bei seiner Entscheidung. Das lag zwar in seinem Ermessen, war jedoch eine schlechte Idee. Der VAR hatte versucht, den Referee vor gravierenden Fehlern zu bewahren, doch dieser zeigte sich stur - und führte den Videobeweis damit ad absurdum.

Wie man es besser macht, demonstrierten Schiedsrichter Ravshan Irmatov aus Usbekistan und der deutsche Video-Assistent Felix Zwayer beim Spiel zwischen Spanien und Marokko (2:2): Als der Spanier Iago Aspas kurz vor Schluss den Ausgleichstreffer markierte und seine Mannschaft damit zum Gruppensieg schoss, entschied der Unparteiische im Verbund mit seinem Assistenten an der Seitenlinie zunächst auf Abseits. Doch Zwayer befand nach dem Betrachten der Videobilder und dem Gebrauch der kalibrierten Abseitslinien zu Recht, dass der Treffer regulär erzielt worden war. Irmatov erkannte das Tor daraufhin an, was möglich war, weil der Abseitspfiff erst ertönte, als der Ball bereits die Torlinie überschritten hatte.

Insgesamt jedoch war der Montag kein guter Tag für den Videobeweis. Es zeigt sich, dass er vor allem dann gut funktioniert, wenn zum einen die Video-Assistenten bei der Linie bleiben, nur in den wenigen gut begründeten Ausnahmefällen einzuschreiten, statt zu versuchen, den Unparteiischen ihre Entscheidungen förmlich aufzudrängen. Und wenn sich zum anderen die Referees in diesen Ausnahmefällen nicht beratungsresistent zeigen. Sonst droht der Videobeweis jene Akzeptanz, die er bei dieser WM gewonnen hat, wieder zu verlieren.

insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Stäffelesrutscher 26.06.2018
1.
Bei Cédric kam noch hinzu, dass er im Zweikampf mit einem Iraner war, dessen Hand, wenn ich es richtig gesehen habe, irgendwo auf dem Oberarm oder der Schulter von Cédric lag. Er konnte also kaum seinen Arm frei bewegen. Ronaldos Schlag gegen den Iraner nicht als Foul zu werten, war eine klare Fehlentscheidung. Insofern Videobeweis okay. Aber dann merkte man, dass der Schiri sich nicht traute, Ronaldo vom Platz zu stellen. Nächste Fehlentscheidung. Was den Schiri bei Ägypten versus Saudi-Arabien betrifft, wurde ja schon die Frage gestellt, ob der von den Scheichs gekauft war.
Lankoron 26.06.2018
2. Hm...kurioserweise
sehe ich die Entscheidungen bei IRNPOR anders. Der Arm stand weit vom Körper ab und hat dort oben nichts zu suchen. Wenn man so in einen Ball hineinspringt, muss man mit dem Elfmeter leben. Und auch das Foul von CR7 war anschauenswürdig...und für mich hätte es Rot wegen der Tätlichkeit geben müssen. Egal aus welchem Grund, ob vorsätzlich oder aus Versehen...ein Schlag mit einem Ellenbogen ist eine Tätlichkeit. Der Schiri hätte einfach konsequenter die Karten nutzen müssen, schon lange zuvor, um die Rudelbildung und die Diskutiererrei auf dem Feld und den Ersatzbänken einzuschränken. Mit mir als Schiri wäre das Spiel nicht mit 11 Spielern auf jeder Seite zu Ende gegangen.
bru.zag 26.06.2018
3. Bei absichtlichen Schlägen mit dem Ellebogen....
ins Gesicht des Gegners sollte es keine Diskussionen geben. Man könnte noch ergänzen, dass allein der Versuch strafbar ist. Das Argument "hat ja gar nicht richtig getroffen" ist also keines. Somit hat der italienische Videoschiedsrichter hier richtig gehandelt.
Vex 26.06.2018
4.
Bei der ganzen WM wird zu sehr für die fallenden Spieler gepfiffen deshalb legen sich alle bei der geringsten Berührung hin. Oft laufen die Stürmer absichtlich in die Verteidiger rein und lassen sich fallen das ist kaum noch erträglich. Für mich sind vielleicht die hälfte der gegebenen Elfmeter bei dieser WM gerechtfertigt. Der Videobeweis kann natürlich nur dafür sorgen das der Schiedsrichter alles sieht. Eine Situatiuon kann so uneindeutig sein das eben 2 verschiedene Menschen oder Schiedsrichter sie unterschiedlich bewerten. Wofür der Videobeweis aber grandios ist ist das dem Schiedrichter nichts mehr entgeht und er keine Fehlentscheidungen trifft weil er es nicht gesehen hat.
lattenkracher11 26.06.2018
5. Vertretbar
Ich fand beide Entscheidungen vertretbar. Die Mehrzahl der Handelfmeter sind doch umstritten, weil der Verteidiger den Arm in der Bewegung halt nicht an den Körper kleben kann. In den Fällen kann man dann immer sagen, der Arm war weit weg vom Körper, auch wenn der Verteidiger absolut nichts dafür kann. So auch hier. Ronaldo wollte etwas übereifrig am Gegenspieler vorbei, eine Tätlichkeit war es sicher nicht, nichtsdestotrotz hat er den Gegenspieler getroffen. Gelb fand ich eine elegante Lösung. Das mit der Entscheidung von Spanien - Marokko zu vergleichen, finde ich dagegen unpassend. Dort war das Spiel unterbrochen und man hatte die Zeit und die Mittel, die Situation eindeutig aufzulösen. Wenn das nicht richtig entschieden worden wäre, dann gute Nacht. Man sollte Felix zwayer lieber mal fragen, was er beim Spiel Schweiz - Serbien eigentlich gesehen hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.