Neuer Werder-Trainer Skripnik Wehe, wenn er laut wird

Er soll Bremen vor dem Abstieg bewahren: Viktor Skripnik ist Werders neuer Trainer. Wie tickt der Ukrainer? Welche Art Fußball lässt er spielen? Alles, was Sie über Skripnik wissen müssen.

Von

imago

SPIEGEL ONLINE Fußball
Wer ist Viktor Skripnik?
Er ist ein echtes Werder-Urgestein. Seit 1996 ist der Ukrainer im Verein, absolvierte aufgrund von Verletzungen "nur" 138 Bundesligaspiele für den Klub und gewann die Deutsche Meisterschaft (2004) und zweimal den DFB-Pokal (1999, 2004). Vor seiner Zeit in Bremen spielte Skripnik in der Heimat für Saporoschje und Dnipropetrowsk. "Ich war damals in der Ukraine ein Star, der Wechsel nach Deutschland ließ mich zu einem ganz normalen Spieler werden", sagte er einst dem Magazin "11FREUNDE". Dass er trotz vorhandener Angebote nie in den ukrainischen Fußball zurückkehrte, sondern Jugendtrainer in Bremen wurde, zeigt, wie wenig ihm Rampenlicht offenbar bedeutet.

Ist er eine Interimslösung?
Im Gegenteil. Skripniks Vertrag läuft nicht umsonst bis 2017. Werder hat den 44-Jährigen systematisch aufgebaut, nacheinander trainierte er verschiedene Nachwuchsteams bis hin zur U23-Mannschaft, die er 2013 übernahm. "Viktor hat bei uns im Verein alle Stufen durchlaufen", sagte Sportchef Thomas Eichin bei Skripniks Vorstellung. Den Trainerposten nach dem Externen Robin Dutt wieder mit jemandem zu besetzen, der im Verein verwurzelt ist, passt zur Marke Werder. Eichin sagt aber auch: "Wir wollten Skripnik entwickeln, jetzt mussten wir ihn ins kalte Wasser schmeißen." Im Verein hoffen sie nun, dass sich der Coach ähnlich entwickelt wie einst Thomas Schaaf.

Welche Rolle spielt Co-Trainer Torsten Frings?
Als Spieler war Frings deutlich erfolgreicher als sein Freund Skripnik, als Trainer hat er aber nichts vorzuweisen. Ein Jahr lang war Frings Skripniks Assistent bei der U23. Mit seiner Präsenz und seiner Erfahrung als Profi verleiht er dem Trainerteam etwas mehr Ausstrahlung. Doch Skripnik ist der Chef. Frings akzeptierte das bislang, ohne zu murren.

Fotostrecke

7  Bilder
Viktor Skripnik: Ein Ukrainer in Bremen
Was ist Skripnik für ein Typ?
Das erste Training, das Skripnik bei den Profis leitete, verfolgte er fast wortlos und mit ausdrucksloser Miene. Er ist, anders als sein kommunikativer Vorgänger Robin Dutt ein stiller Beobachter - wie einst Walerij Lobanowskyj, die ukrainische Trainerlegende, unter der Skripnik in der Nationalmannschaft spielte. Laut wird er nur, wenn ihm etwas gründlich missfällt.

Auf welches System setzt er?
Er wolle nach vorne spielen lassen und die Zuschauer begeistern wie einst Werders Doublesieger von 2004, sagt Skripnik. Der U23 verordnete er eine Mittelfeldraute, die extrem flexibel agierte. Zehner Levent Aycicek stieß in die Spitze, die Stürmer wichen auf die Flügel oder ins Mittelfeld aus, die Abstände untereinander bleiben kurz. Statt auf lange Bälle oder Konter setzt er auf präzise, scharf gespielte Kurzpässe und viele Steilpässe. Es ist eine Art Fußball, wie ihn sein Ex-Trainer Thomas Schaaf (Skripnik: "Er hat mir gezeigt, wie Fußball funktioniert") spielen ließ - damals, als Werder noch für seine spektakuläre Offensive gefeiert wurde.

Welche Überraschungen wird es geben? In der U23 arbeitete Skripnik mit etlichen Talenten zusammen, mit denen er 2011 B-Jugend-Vizemeister wurde. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn er den einen oder anderen nun zum Profi beförderte. Vor allem Offensivspieler Aycicek wird deutlich mehr Einsatzminuten erhalten als unter Dutt. Sobald sie fit sind, dürften auch die aktuell verletzten Luca Zander und Julian von Haacke Einsatzchancen erhalten. Auch Ludovic Obraniak wird eine Rolle spielen. Über den polnischen Nationalspieler, im vergangenen Winter verpflichtet und vor dieser Saison von Dutt ausgemustert, sagt Skripnik: "Er ist ein Spieler, den wir brauchen."

Was wird sein größtes Problem?
Der Fußball, wie Skripnik ihn liebt, ist mit Werders aktuellem Kader schwer vorstellbar. Gerade mal eine Handvoll Spieler ist technisch zu kombinativem Kurzpassspiel in der Lage (Obraniak, Aycicek, Franco di Santo, Alejandro Gálvez). Den Rest zeichnen eher Kampfstärke und Physis aus, da Dutt vor allem auf lange Bälle und gewonnene Zweikämpfe setzte.

Was sind Skripniks Stärken?
Als Nachwuchstrainer musste Skripnik oft mit Mannschaften arbeiten, die er nicht selbst zusammengestellt hatte. Trotzdem gelang es ihm, Stärken und Defizite der Profis zu erkennen und aus ihnen ein Team zu formen, das ausbalanciert war und zugleich seinen Fußball spielte.

Was seine Schwächen?
Die mangelnde Erfahrung. Skripnik hat erst eine volle Saison im Herrenbereich absolviert, kennt den Umgang mit Profispielern nicht. Und: Er ist es gewohnt, zu gewinnen. Werders Nachwuchsteams gehörten in ihren jeweiligen Ligen stets zur Spitzengruppe. Nun muss sich Skripnik erstmals dem Abstiegskampf stellen. Für ihn sei das kein Problem, sagte er bei seiner Vorstellung: "1999 musste ich als Spieler mit Werder um den Klassenerhalt kämpfen. Wir haben das damals geschafft."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Eppelein von Gailingen 27.10.2014
1. Welcher Verein zieht sich die eigenen Trainer, außer Bremen
Hat Sportdirektor Lemke nach dem Wegkauf von Otto zu den Bayern so wütend reagiert? Vier Trainer verschlissen, bis Thomas Schaaf das Eigengewächs installiert wurde? Jetzt soll es wieder eine Art Eigengewächs mit Skripnik richten? Bei Bremen hat man immer das Gefühl vom "Altbackenen". Modern können die nicht, es geht nur wie in einer Großfamilie. Wahrscheinlich wird dem Trainer von oben zu viel Einfluss vor die Beine geworfen. Der Misserfolg hat sich bestimmt in der Vereinsstruktur verklemmt, liegt nicht nur an den Trainern seit Schaaf.
neromancer 27.10.2014
2. Lösung ist okay
Ich denke, die Lösung ist in Ordnung. Es wird zwar nach einem namenhaften Trainer geschrieen, aber der ist a) teurer und b) wer stünde denn zur Debatte? Der Fehler war es wie im DoPa gesagt, Dutt zu lange zu halten. 12 Siege in 43 spielen ist einfach zu wenig. Dann hat er noch festgehalten, dass kein Nachwuchs aus den eigenen Reihen BuLi tauglich ist. Gut, dass der eigene Kader das schon nicht ist. Vielleicht kommt ja hier doch noch was. Und ich bin die Diskussion um die Finanzen leid. Gucken wir uns Augsburg, Mainz, Freiburg an. Die haben auch immer einen Aderlass gehabt und sich trotz der Finanzen gut gehalten. Zudem: es wird ja immer so getan als würden in der zweiten Liga nur "Flaschen" spielen. Ich denke auch hier ließe sich ein guter BuLi Kader zusammenstellen, wenn man denn nur möchte. Leipzig, Hoffenheim aber auch Heidenheim zeigten mit einem Kader aus der unteren Liga, dass sie auch bestehen können. Bevor wieder einer schreit - der RB Kader ist wesentlich identisch mit letzter Saison. Es geht also.
desitka 27.10.2014
3. Ex-Nachwuchstrainer
Die Misere dauert in Bremen schon relativ lang und hat ihren,zumindest zeitlichen, Ursprung noch in der Schaaf/Allofs Aera. Das Scouting versagt in Bremen leider schon recht lang. Spieler, die gerade dieses Wochenende wieder ihre Klasse gezeigt haben, wie zB Kruse oder Harnik, sind in Bremen als "untauglich" weggeschickt worden. Aus dem eigenen Nachwuchs kommt so gut wie nichts,oder wird nicht konsequent in die Mannschaft eingebaut. Lemke hat richtigerweise immer wieder darauf hingewirkt, nicht mehr Geld auszugeben, als da war. Nicht zuletzt dies war in den fetten Jahre eine der Grundlagen. Spieler wie Völler,Riedle,Bratseth,Rufer, Basler, Ailton etc sind alle für relativ wenig Geld nach Bremen gekommen und haben sich dort bestens entwickeln können.Erst als Allos viel Geld in die Hand nahm und Leute wie Almeida,Alberto,Silvestre etc holte und diese den Erwartungen kaum gerecht werden konnten, wurde es finanziell eng. Der Stadionausbau tat sein übriges. Seitdem gibt es in Bremen eine Kultur des "sich alles Schönredens", die jetzt in Eichin ihren Meister gefunden hat. Mit seinen Sprechblasen wäre das DSF-Schwein in Minutenschnelle gefüllt. Die Verpflichtung von Dutt war ein Fehler, der nun korregiert wurde,nicht aus Panik,sondern durchaus nachvollziehbar aus sportlichen Gesichtspunkten. Haken tut es aber ganz wesentlich am Unterbau: Scouting und Nachwuchs. Hinzu kommt, daß Spieler, die ihren Zenit längst überschritten haben (Fritz) und solche, die Fehleinkäufe waren (Lukimiya) auch entsprechend mindestens auf die Bank gehören. Wenn junge Spieler nicht in dieser Situation eine Chance bekommen, wann dann? Der Ex-Nachwuchstrainer sollte genau dafür das richtige Händchen haben.
senta1958 27.10.2014
4.
Zitat von Eppelein von GailingenHat Sportdirektor Lemke nach dem Wegkauf von Otto zu den Bayern so wütend reagiert? Vier Trainer verschlissen, bis Thomas Schaaf das Eigengewächs installiert wurde? Jetzt soll es wieder eine Art Eigengewächs mit Skripnik richten? Bei Bremen hat man immer das Gefühl vom "Altbackenen". Modern können die nicht, es geht nur wie in einer Großfamilie. Wahrscheinlich wird dem Trainer von oben zu viel Einfluss vor die Beine geworfen. Der Misserfolg hat sich bestimmt in der Vereinsstruktur verklemmt, liegt nicht nur an den Trainern seit Schaaf.
Nun, lieber Eppelein, dann zählen Sie doch bitte mal auf, was Sie unter modern verstehen. Oder Altbackenem. Wo hat sich denn der Mißerfolg in welche Strukturen verklemmt? Können Sie Skripnik beurteilen. Wenn ja, warum. Bitte auch hier eine Erläuterung.Danach können wir gerne darüber dikutieren. Ohne diese Ergänzungen ist Ihr Beitrag leider ohne Sbstanz.
j1958 27.10.2014
5. Viel Glück
Einen Versuch ist es wert. Der Verein ist in einer so desolaten Lage dass es nur besser werden kann. Skripnik und der Mannschaft alles Gute!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.