Vizemeister FC Schalke "Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott"

Nur Sekunden fehlten dem FC Schalke 04 zum ersten Meistertitel nach 43 Jahren. Der voreilige Jubel wich grenzenloser Enttäuschung.


So sieht ein Fan aus, der sich schon als Meister wähnte
REUTERS

So sieht ein Fan aus, der sich schon als Meister wähnte

Gelsenkirchen - Vier Minuten und 38 Sekunden war Schalke 04 Deutscher Meister - dann schlug sich der "Fußball-Gott" auf die Seite der Bayern und stürzte die "Königsblauen" in tiefe Depression. Während die abgefeuerten Raketen und Böller in der Luft über dem Parkstadion explodierten, Tausende Fans sich auf dem Rasen freudetrunken in den Armen lagen und den vermeintlich ersten Titel seit 43 Jahren feierten, sahen die entsetzten Spieler den 1:1-Ausgleich der Münchner beim Hamburger SV durch Patrik Andersson live auf einem Fernsehen in ihrer Kabine. Dann flossen die Tränen - Trauer statt Titel, Frust statt Freude, Jammer statt Jubel, Hölle statt Himmel.


Assauer über MV "erschüttert"


"Das war einer der bittersten Momente meiner Karriere. So etwas Brutales habe ich noch nicht erlebt", gestand Andreas Möller. Gut zwei Stunden nach dem schwer erkämpften 5:3-(2:2)-Sieg über die SpVgg Unterhaching stand der Mittelfeldspieler wie alle seine Mitstreiter noch völlig unter dem Eindruck der erbarmungslosen Gefühls-Achterbahnfahrt. In den Schlusssekunden des dramatischsten Finales in der 38-jährigen Historie der Bundesliga stand das Glück wieder einmal dem FC Bayern München zur Seite, der seinen 17. Titel feierte. "Ich kann gar nicht dran denken. Wir hatten die Schale doch schon in den Händen, dann hat man sie uns wieder weggerissen", so Möller unter Tränen.

Doch es spricht für die professionelle Einstellung der Schalker, dass der gesamte Kader mit rot unterlaufenen Augen und übernächtigt am Sonntag um 12 Uhr wieder am Parkstadion auflief, um den Club bei einem Jugend-Turnier zu repräsentieren. "Wir sind ein Verein, der sich an Versprechen hält, auch wenn es nicht so gut läuft", sagte Manager Rudi Assauer, der gleichzeitig heftige Kritik am Verhalten Gerhard Mayer-Vorfelders übte. "Es gehört sich nicht für einen gewieften Taktiker und erfahrenen Politiker wie den DFB-Präsidenten, wenn er sich auf der Tribüne in Hamburg mit Franz Beckenbauer in den Armen liegt und den Bayern-Titel bejubelt", sagte Assauer. "Das ist klar Partei ergreifend. Als ich das im Fernsehen gesehen habe, war ich sehr enttäuscht und erschüttert."

Falsch informiert: Andy Möller (l.) und Rudi Assauer bejubeln den Meistertitel
DPA

Falsch informiert: Andy Möller (l.) und Rudi Assauer bejubeln den Meistertitel

Fehlinformation durch TV-Reporter


Das an Dramatik nicht zu überbietende Meisterschaftsfinale hatte selbst den oft kühl wirkenden Manager der Schalker überwältigt. "Es tut mir so unendlich Leid für die Jungs. Sie sitzen da unten und heulen Rotz und Wasser. Auch ich habe geheult ohne Ende", gestand Assauer, "ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußball-Gott. Denn wenn er gerecht wäre, wäre der FC Schalke 04 Deutscher Meister", haderte Assauer. Nur Stürmer Gerald Asamoah widersprach: "Gott weiß, was er tut. Vielleicht ist er nächste Woche bei uns. Man muss an ihm festhalten. Ich glaube weiter an ihn."

Nach dem frühen 0:2 durch Andre Breitenreiter (3.) und Miroslaw Spizak (27.) schienen die ängstlich und nervös agierenden Schalker schon am Boden, die Partystimmung war dahin. Doch Nico van Kerckhoven (44.) und Gerald Asamoah (45.) per Hacke schafften noch vor der Pause den Ausgleich. Als Jörg Böhme nach dem erneuten Rückstand durch Jan Seifert (69.) mit einem Doppelpack (74./75.) und Ebbe Sand (89.) mit seinem 22. Saisontreffer zum 5:3 das weite Rund in ein Tollhaus verwandelten, stand es in Hamburg noch immer 0:0. Und die erhoffte Schützenhilfe kam. Das 1:0 des HSV durch Sergej Barbarez schlug im rund 300 Kilometer entfernten Gelsenkirchen wie ein Komet ein, die Nachricht vom angeblichen Endstand löste Sekunden später die Meisterfeier bei Fans und Spielern aus.


"Es tut weh"


Während sich auf dem Rasen und den Rängen alle in die Arme fielen, gab Teammanager Andreas Müller - fehl informiert durch voreilige TV-Reporter - erste Interviews. Im Trikot des Hamburgers Niko Kovac gekleidet nahm er einen kräftigen Schluck aus dem Riesen-Bierglas des Titelsponsors und schickte Liebesgrüße in die Hansestadt. "Ich trinke auf den HSV." Als ihn kurz darauf jemand über das 1:1 informierte, raste er fluchend die Rolltreppe rauf zu den Kabinen und gab später zu Protokoll: "Das war der schwärzeste Tag in meinem Leben."

Trotz der Vizemeisterschaft, trotz der großartigen Saison mit dem direkten Einzug in die Champions League und der Chance auf den DFB-Pokalsieg am nächsten Samstag in Berlin gegen Zweitligaaufsteiger und Lokalmatador Union beherrschte Bitterkeit die Gemüter der Spieler. "Es tut weh. Man weiß ja nicht, ob so eine gute Chance, Meister zu werden, bald wieder kommt", meinte Möller.


Schalke 04 - SpVgg Unterhaching 5:3 (2:2)
0:1 Breitenreiter (3.)
0:2 Spizak (27.)
1:2 Van Kerckhoven (44.)
2:2 Asamoah (45.)
2:3 Seifert (70.)
3:3 Böhme (73.)
4:3 Böhme (74.)
5:3 Sand (89.)
Schalke: Reck - Hajto, van Kerckhoven (68. Büskens), Waldoch (Oude Kamphuis) - Asamoah, Van Hoogdalem, Nemec (72. Thon), Böhme - Möller - Sand, Mpenza
Unterhaching: Tremmel - Strehmel - Grassow, Seifert - Haber, Zimmermann, Cizek, Schwarz (79. Oberleitner), Hirsch - Spizak (68. Rraklli), Breitenreiter (79. Ahanfouf)
Schiedsrichter: Strampe (Handorf)
Zuschauer: 65.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Böhme (10), Asamoah (5/2) - Ahanfouf (5), Grassow (5), Hirsch (3)

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.