Von Jens Witte
Hamburg - Pablo Barrera zögerte einen Moment. Der mexikanische Mittelfeldspieler schien in der 78. Minute selbst überrascht, wie viel Platz er auf der rechten Seite hatte. Nur langsam näherte sich Frankreichs Linksverteidiger Patrice Evra. Barrera schlug mit dem Ball am Fuß einen Haken, zog das Tempo an und ließ Evra stehen. Sekunden später sprintete er durch den französischen Strafraum - und wurde von Innenverteidiger Eric Abidal umgegrätscht.
Diese Szene zeigte exemplarisch, wie unorganisiert die französische Abwehr über weite Strecken der Partie agierte. Den fälligen Strafstoß verwandelte der 37 Jahre alte Cuauhtemoc Blanco sicher zum 2:0 (0:0)-Endstand für Mexiko (79. Minute). Bereits beim Führungstreffer der Mexikaner hatte Frankreichs Abwehrkette vergeblich auf Abseits spekuliert. Während Abidal noch reklamierte, lief Javier Hernandez allein auf den französischen Torhüter Hugo Lloris zu, umkurvte ihn und schob den Ball lässig zum 1:0 ins Tor. Rafael Marquez hatte Hernandez mit einem cleveren Steilpass freigespielt.
Frankreich droht nach der Pleite schon in der Vorrunde ein Desaster. Der Weltmeister von 1998 steht nun in seinem Gruppenendspiel am kommenden Dienstag gegen Gastgeber Südafrika unter Siegzwang (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Zugleich ist die Equipe Tricolore auf Schützenhilfe angewiesen: Im Spiel zwischen Mexiko und Tabellenführer Uruguay müsste es einen klaren Sieger geben, um den Franzosen noch den Weg ins Achtelfinale zu ermöglichen.
"Wir haben noch eine Chance - aber das liegt nicht an uns"
"Es ist eine Schande, so zu verlieren", sagte Frankreichs Mittelfeldmann Florent Malouda. "Jetzt können wir uns nur noch im dritten Spiel herausziehen." Frustriert waren seine Mannschaftskollegen zuvor vom Platz gegangen. "Mir fehlen noch die Worte, ich bin sehr enttäuscht und habe das alles noch nicht verkraftet", sagte Frankreichs schon vor der Niederlage umstrittene Trainer Raymond Domenech. "Ich habe noch keine Analyse. Wir haben noch eine Chance - aber das liegt nicht an uns. Wir brauchen jetzt ein Wunder."
Sein Trainer Javier Aguirre hatte entscheidenden Anteil am Erfolg: Sowohl die Torschützen Hernandez und Blanco als auch Barrera, der den Strafstoß herausgeholt hatte, wechselte der Coach im Laufe der Partie ein. "Wir konnten heute über 90 Minuten überzeugen", sagte Aguirre.
Ideenlose Franzosen
Verlieren verboten - so lautete die Devise vor dem Spiel im Peter-Mokaba-Stadion von Polokwane. Beide Teams hatten zum Auftakt in der Gruppe A jeweils einen Punkt geholt. Mexiko beim 1:1 im WM-Eröffnungsspiel gegen Südafrika, Frankreich beim enttäuschenden 0:0 gegen Uruguay.
Domenech entschied sich nach der Kritik an seiner Personalauswahl für eine Änderung in der Anfangsformation. Bayern-Star Franck Ribéry rückte von der linken Außenbahn ins zentrale Mittelfeld, Spielmacher Yoann Gourcuff musste aus der Startelf weichen. Für ihn kam Malouda vom FC Chelsea ins Team, er übernahm Ribérys Position im linken Mittelfeld.
Die Umstellungen machten sich für Frankreich jedoch nicht bezahlt: Ribéry konnte in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus keine Akzente setzen. Nicolas Anelka, einziger Stürmer der Franzosen, hatte wie schon gegen Uruguay kaum Ballkontakte, das gesamte Angriffsspiel wirkte ideenlos.
Lediglich bei Standardsituationen strahlte das Team von Domenech ein wenig Torgefahr aus. Mit einem Ribéry-Freistoß aus rund 35 Metern hatte Mexikos Torhüter Oscar Perez jedoch keine Probleme (6.). In der 13. Minute narrte Malouda mit einer Freistoß-Variante die mexikanische Abwehr, über Anelka kam der Ball in den Strafraum zu Ribéry, doch dessen scharfe Hereingabe flog unberührt ins Seitenaus.
Mexikaner mit besseren Chancen
Deutlich gefährlicher präsentierten sich die Mexikaner. Die beste Gelegenheit in der Anfangsphase besaß Angreifer Carlos Vela, der aber aus vollem Lauf verzog (8.). Guillermo Franco schoss aus 18 Metern über das Tor (12.). Linksverteidiger Carlos Salcido zielte von der Strafraumkante knapp daneben (18.). Neun Minuten später ließ er Frankreichs Defensive um Bakary Sagna und William Gallas erneut schlecht aussehen, scheiterte aber aus kurzer Distanz an Torhüter Hugo Lloris.
Domenech reagierte auf die schwache Leistung seiner Mannschaft, brachte zur zweiten Halbzeit Pierre-André Gignac für Anelka. Die erste Chance hatte aber Malouda, der aus 17 Metern knapp über das Tor schoss (54.). Nur sechzig Sekunden später versuchte es Ribéry aus ähnlicher Position, konnte Perez aber nicht überwinden. Und mehr kam von den Franzosen nicht. Selbst nach dem Rückstand blieben sie erschreckend passiv und hatten den Mexikanern nichts entgegenzusetzen.
Trotzdem verzichtete Domenech auf Thierry Henry, den Angreifer vom FC Barcelona. Der etatmäßige Kapitän der Equipe Tricolore saß 90 Minuten lang auf der Bank - und musste tatenlos zusehen, wie seine Mannschaft fast alle Hoffnungen aufs Weiterkommen verspielte.
Frankreich - Mexiko 0:2 (0:0)
0:1 Hernandez (64.)
0:2 Blanco (79., Foulelfmeter)
Frankreich: Lloris - Sagna, Gallas, Abidal, Evra - Toulalan, Diaby - Govou (69. Valbuena), Ribéry, Malouda - Anelka (46. Gignac)
Mexiko: Perez - Osorio, Moreno, Rodriguez, Salcido - Juarez (55. Hernandez), Marquez, Torrado - Dos Santos, Franco (62. Blanco), Vela (31. Barrera)
Schiedsrichter: Al-Ghamdi (Saudi-Arabien)
Zuschauer: 35.370
Gelbe Karte: Toulalan (2), Abidal - Franco, Juarez (2), Moreno, Rodriguez
mit Material von sid und dpa
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