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Völler-Rücktritt: Rudis riesiger Abgang

Von Till Schwertfeger, Almancil

Der Mann hat verloren und zugleich gewonnen. Gerne hätte Rudi Völler die deutsche Nationalmannschaft zur WM 2006 geführt, aber nach Portugal hatte der Instinkt-Fußballer kein gutes Gefühl mehr bei der Sache: "Egoismus ist ein falscher Freund", sagte Völler bei seinem formvollendeten Abschied.

Rudi Völler: "An die eigene Mütze fassen"
DPA

Rudi Völler: "An die eigene Mütze fassen"

Als der Schlusspfiff des norwegischen Schiedsrichters Terje Hauge die 1:2-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalelf gegen Tschechien und damit das Vorrunden-Aus besiegelt hatte, war Rudi Völler auf den Rasen des Estádio Alvalade geschritten, hatte jedem der Verlierer einzeln die Hand geschüttelt und dann vor der Fankurve den deutschen Fans zugewinkt. Die Zeit des Abschieds aus Portugal war gekommen, und für den DFB-Teamchef war das Verpassen des Viertelfinals für viele überraschend der Anlass, seinen Hut zu nehmen.

"Man muss sich dann auch mal an die eigene Mütze fassen", kommentierte Völler in der ihm eigenen Wortwahl das frühzeitige Scheitern bei der EM, das ihm besonders wehtat, "weil es nicht die erste Mannschaft der Tschechen war, gegen die wir verloren haben". Alle Stars von Pavel Nedved bis Jan Koller hatte Coach Karel "Klekipetra" Brückner in Lissabon zunächst auf die Bank gesetzt, doch selbst die Reserve konnten die Deutschen nicht besiegen. "Das ist zu wenig", erklärte Völler zwölf Stunden später auf der DFB-Abschlusspressekonferenz in Almancil, "ich werde von meinem Amt zurücktreten."

"Ein Mensch mit viel Gefühl"

Als Erich Ribbeck nach dem EM-Debakel vor vier Jahren diese Worte sprach, lösten sie Jubel und Erleichterung aus. Auf den Abgang seines Nachfolgers hingegen reagierten die Journalisten, für die Trainerwechsel zum täglich Brot gehören, mit Betroffenheit. Den bescheidenen wie schlitzohrigen Völler schätzten alle, obwohl er jeder feinsinnigen Frage auswich wie einst im Strafraum seinen Gegenspielern. "Rudi ist ein Mensch mit viel Gefühl, einer der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht", sagte Leverkusens langjähriger Manager Reiner Calmund, der Völler bei Bayer als Sportdirektor angelernt hatte, ehe er ihn im Sommer 2000 zum DFB entließ, "ich hätte gesagt, er soll Teamchef bleiben."

Der in 90 Länderspielen zum Liebling des deutschen Fußballpublikums avancierte ehemalige Torjäger war als Interimslösung für den designierten Bundestrainer Christoph Daum ein Glücksgriff Gerhard Mayer-Vorfelders gewesen. "Dank des großen Ansehens von Rudi Völler ist die Nationalmannschaft in der schwierigen Situation nach der Euro in Holland und Belgien sehr positiv von den Fans begleitet worden", sprach der DFB-Boss heute seinen Dank aus, "wir bedauern, aber respektieren seine Entscheidung, zurückzutreten."

Wie ein Spielertrainer hatte Völler, der keine einzige Übungsleiterlizenz besitzt, die Nationalmannschaft geführt und dabei einen Teamgeist entwickelt, der die spielerischen Defizite der deutschen Elf in vielen entscheidenden Momenten überdeckte. Nach wichtigen Toren seiner Schützlinge sprintete er im feinen Zwirn am Spielfeldrand ein paar Meter und schleuderte mit kampflustigem Gesichtsaudruck seinen rechten Arm nach vorn. Die Autorität des Weltmeisters von 1990, von der Boulevardpresse nach dem 4:1 bei seiner Premiere gegen Spanien "Rudi Riese" getauft, war unangetastet. Als es die DFB-Auswahl vor zwei Jahren sensationell ins WM-Finale schaffte, feierten die Fans vor allem den Teamchef ("Es gibt nur ein' Rudi Völler!"), auch in Portugal trugen ihre Transparente seinen Namen ("Kommando Tante Käthe").

Unbefleckt und ohne Rucksack

Fußballtrainer Völler: "Man kann keinem böse sein"
REUTERS

Fußballtrainer Völler: "Man kann keinem böse sein"

Obwohl ihn keiner zum Rücktritt gedrängt hat, beendet Völler jetzt intuitiv seine Mission, die er bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land mit dem Titel vollenden wollte. "Ich hätte es gern gemacht", erklärte er, "das Team ist mir zu lieb und wichtig geworden. Aber Egoismus wäre der falsche Freund." Der frühere Instinktfußballer hat ein schlechtes Gefühl bei der Sache. "Ich habe bis 2006 nicht mehr den Kredit, etwas auszuprobieren und auch Spiele zu verlieren", legte Völler seine Beweggründe offen, "das kann nur einer, der unbefleckt ist, der nicht persönlich den Rucksack mit dem EM-Vorrunden-Aus schleppen muss."

Völlers Wutausbruch im Fernsehstudio nach dem EM-Qualifikationsspiel auf Island war ein erstes Indiz dafür, dass er sein Amt nach dieser Europameisterschaft aufgeben könnte. "Es fiel mir schwer, damit umzugehen", gab der 44-Jährige zu, "auch wenn ich aus der Sache ganz gut rausgekommen bin, habe ich mich nicht als Sieger gefühlt." Die Aufgabe, seine Spieler gegen Kritik von außen in Schutz zu nehmen, war Völler stets wichtiger als jede Taktikdiskussion. Doch mit jeder dürftigen Vorstellung der DFB-Kicker wurde es schwieriger. "Irgendwann verpufft so etwas", klang Völler resigniert, "ich habe mein Pulver verschossen. So ein Ding wie in Reykjavik kann man nicht mehr toppen."

Dass Deutschlands beste Fußballspieler nicht mehr gut genug sind, die Besten Europas zu besiegen, ist auch Völlers Lehre nach vierjähriger Amtszeit. So klar formulieren würde er es allerdings nie. "Die Spieler wollten besser spielen", sprach Völler voller Nachsicht seinen letzten Satz als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, "da kann man keinem böse sein."

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