Vuvuzela-Lärm: Nervtrötende Dröhnung

Aus Pretoria berichtet

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die Vuvuzelas nerven Spieler, Trainer und TV-Anstalten. Kommandos auf dem Spielfeld, Fangesänge und Jubel werden einfach übertönt. Doch Fifa-Chef Blatter lehnt ein Verbot der Tröten ab. Allein die Südafrikaner freuen sich über die für die Gäste ungewohnte Dröhnung.

Vuvuzelas: Eine Tröte spaltet die Welt Fotos
dpa

Clyde Stirling ist Anfang 70, ein gemütlicher Mann mit einem kleinen Bauch. Er raucht seit fast 50 Jahren, und abends trinkt er auch mal ein Bier. Er mag es ruhig und ordentlich - Stirling arbeitet als Qualitätsmanager in einem Labor in der Nähe Pretorias. Am Donnerstag war es erst mit der Ruhe vorbei und dann auch mit Stirlings Gelassenheit. Zwei Mitarbeiter kamen ins Büro und begrüßten ihn mit einem lauten Tröten. Ein Tröten, das aus der Nähe klingt wie Elefantengebrüll und aus der Entfernung wie ein verrückt gewordener Bienenschwarm. Vuvuzela-Tröten.

"Hört damit auf", sagte Stirling, und er sagte es sehr deutlich. 120 Dezibel können sehr laut in einem Büro sein. Die Kollegen gaben nach und steckten ihre Vuvuzelas in die Hosen. Als sie später wieder die Straße betraten, trompeteten sie weiter.

Südafrika trötet. Auf den Straßen, in den Häusern, in den Autos und nicht zuletzt in den WM-Stadien. Es ist ein Tröten, das die Welt spaltet. Die einen pusten enthusiastisch in die Plastikrohre, die anderen halten sich die Ohren zu. Ohrenstöpsel sind knapp geworden, melden die Nachrichtenagenturen. Das Problem an den Vuvuzelas ist aber, dass sie selbst Ohrenstöpsel durchdringen. Man kann ihnen nicht entfliehen, dafür sind sie einfach zu laut.

Kommandos der Trainer verhallen ungehört

"Wir können den Spielern ja keinen Funk mit auf den Platz geben", sagt Oliver Bierhoff. Es ist ein Satz wie ein Achselzucken, und das Lächeln des DFB-Teammanagers ist ein Galgenhumorlächeln. Es werde für die Trainer sicher schwieriger, "verbal Zeichen zu geben". Dabei hat Oliver Bierhoff nur eine ungefähre Ahnung, was das deutsche Team am Sonntag gegen Australien erwartet, er hat das Eröffnungsspiel ja nur im Fernsehen gesehen.

Wer im Stadion war, kam mindestens traumatisiert zurück. Um gegen das Tröten der Vuvuzelas anzukommen, wurden die Lautsprecher noch lauter gedreht. Das Ergebnis war ein Lärmpegel wie im Triebwerk eines Riesenjumbos. Nicht auszuschließen, dass man das Wort "Höllenlärm" nach dieser WM vor allem mit bunten Tröten aus Südafrika verbinden wird.

Der Sportinformationsdienst hat bei einem deutschen Versicherungsberater nachgefragt, der immerhin mitteilen konnte, dass die private Unfallversicherung bei Hörschädigungen zahlt. Die Nachfrage war durchaus berechtigt, immerhin war ein Hörgerätehersteller in einer Studie zu dem erschreckenden Ergebnis gelangt, die Vuvuzelas würden einen Schallpegel von 123 Dezibel erreichen - dauerhafte Schäden des Gehörs können bereits bei einer durchschnittlichen Belastung von 85 Dezibel entstehen.

Die Frage ist, warum man die Vuvuzelas nicht einfach verbietet?

Fifa-Präsident Sepp Blatter will darüber nicht mal nachdenken, er rückt das von vielen Spielern, Trainern und zunehmend auch Fernsehanstalten aus der ganzen Welt vorgetragene Ansinnen in die Nähe von Diskriminierung. Die WM, das ist Blatters Botschaft, finde eben nun mal in Südafrika statt. Es klingt, als halte sich auch Blatter die Ohren zu.

Fußball lebt von Kommunikation

Doch es wird immer wahrscheinlicher, dass die Kritik an den Vuvuzelas bald lauter sein könnte als die nervtrötenden Plastikungetüme. Denn sauer sind nicht nur Fernsehzuschauer und Fans auf den Tribünen, die ihren Nebenmann nicht mehr verstehen können. Sauer sind immer mehr auch die, die unten auf dem Platz stehen.

Der Fußball lebt auch von der Kommunikation auf dem Platz, von Kommandos, kurzen Anweisungen. Wenn man beispielsweise Ricardo Osorio glaubt, hätte er gegen Südafrika gern Zeichensprache gekonnt. "Der drei Meter entfernte Nebenmann war nicht zu verstehen", klagte der mexikanische Bundesligaprofi vom VfB Stuttgart in der Mixed Zone.

Vielleicht wird auch Oliver Bierhoff nach dem Spiel am Sonntagabend seine zurückhaltende Sicht auf die Dinge noch ändern. Am Samstag schlug er erst mal eine pragmatische Lösung für das zu erwartende Kommunikationsproblem im deutschen Team vor. Die Spieler müssten eben "noch enger zusammenrücken." Einen Wettbewerbsnachteil sieht der Teammanager in den Vuvuzelas jedenfalls nicht. Es geht ja allen gleich schlecht.

Wirklich? Ein Team zeigt sich natürlicherweise unbeeindruckt von all dem Lärm: der WM-Gastgeber. "Sie ist unsere Waffe", sagt der südafrikanische Kapitän Aaron Mokoena über die Tröte. Denn sie sorgt für Überzahl auch auf den Rängen. Die Fans sind auch für Südafrika das zwölfte Teammitglied. "Und die Vuvuzela ist unser 13. Mann."

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Forum - Vuvuzelas - nerviges Getröte oder Stimmungsmacher?
insgesamt 3015 Beiträge
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1. Nervig
dreamtimer 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
Nervig. Sie haben freilich den wohltuenden Effekt daran zu erinnern, wie nervig Popkultur doch sein kann. Vielleicht gibt es ja einiger Mitläufer, die den Party-Patriotismus der vergangenen Jahre mitgemacht haben, die nun den Fernseher aus lassen.
2.
Umberto 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
Bei der angebotenen Auswahl an Möglichkeiten bleibt für mich nur nervig. Die Zahl der Spiele, die ich mir anschauen werde, dürfte deshalb ziemlich überschaubar sein.
3.
wolbek 12.06.2010
"If you can't say anything nice - don't say anything at all!" Vielleicht sollten sie sich diesen Spruch mal seber zu Herzen nehmen, denn sie machen genau das, was sie dem Schreiber unterschieben wollen. Tendenziöses unzusammenhängendes Geschreibsel von jemandem der sich auf der richtigen Seite wähnt.
4.
Umberto 12.06.2010
Sie haben offensichtlich andere Spiele gesehen, als Mexiko - Südafrika und Frankreich - Uruguay. In keinem der beiden war guter und spannender Fußball zu sehen.
5. moin mcmurdo
mcmurdo 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
War gestern noch in einem Konzert. Das Orchester intonierte die "Kleine Nachtmusik" auf Vuvuzelas labia aber auch rektal geblasen. Ein wunderbares Instrument, dass auch der allergrösste nonmusikalische Trottel sogar mit 3 Promille noch an die Mundöffnung bringt... Danke Mutter Afrika für dieses famose Geschenk an den Rest des Universums! Apropos, wer gestern WDR hörte, musste den Eindruck haben, dass alle Moderatoren dort kein anderes Thema hatten, als dieses Plastikgehörn...na gut: auf diese Weise wird es nicht lande dauern, dann ist die Nation durchgevuvuzelat und als neue Mitspieler werden die örtlichen Polizeibeamten auftreten (müssen).
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WM-Reporter
Von der Fußball-WM 2010 in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) berichtet SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Gödecke.

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DFB-Kader WM 2010
Tor: Hans Jörg Butt (Bayern München), Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen)

Verteidigung: Dennis Aogo (Hamburger SV), Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (VfL Wolfsburg), Marcell Jansen (Hamburger SV), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Serdar Tasci (VfB Stuttgart)

Mittelfeld: Sami Khedira (VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Marko Marin (Werder Bremen), Mesut Özil (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gómez (Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Miroslav Klose (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (1. FC Köln)