Aus Pretoria berichtet Christian Gödecke
Clyde Stirling ist Anfang 70, ein gemütlicher Mann mit einem kleinen Bauch. Er raucht seit fast 50 Jahren, und abends trinkt er auch mal ein Bier. Er mag es ruhig und ordentlich - Stirling arbeitet als Qualitätsmanager in einem Labor in der Nähe Pretorias. Am Donnerstag war es erst mit der Ruhe vorbei und dann auch mit Stirlings Gelassenheit. Zwei Mitarbeiter kamen ins Büro und begrüßten ihn mit einem lauten Tröten. Ein Tröten, das aus der Nähe klingt wie Elefantengebrüll und aus der Entfernung wie ein verrückt gewordener Bienenschwarm. Vuvuzela-Tröten.
"Hört damit auf", sagte Stirling, und er sagte es sehr deutlich. 120 Dezibel können sehr laut in einem Büro sein. Die Kollegen gaben nach und steckten ihre Vuvuzelas in die Hosen. Als sie später wieder die Straße betraten, trompeteten sie weiter.
Südafrika trötet. Auf den Straßen, in den Häusern, in den Autos und nicht zuletzt in den WM-Stadien. Es ist ein Tröten, das die Welt spaltet. Die einen pusten enthusiastisch in die Plastikrohre, die anderen halten sich die Ohren zu. Ohrenstöpsel sind knapp geworden, melden die Nachrichtenagenturen. Das Problem an den Vuvuzelas ist aber, dass sie selbst Ohrenstöpsel durchdringen. Man kann ihnen nicht entfliehen, dafür sind sie einfach zu laut.
Kommandos der Trainer verhallen ungehört
"Wir können den Spielern ja keinen Funk mit auf den Platz geben", sagt Oliver Bierhoff. Es ist ein Satz wie ein Achselzucken, und das Lächeln des DFB-Teammanagers ist ein Galgenhumorlächeln. Es werde für die Trainer sicher schwieriger, "verbal Zeichen zu geben". Dabei hat Oliver Bierhoff nur eine ungefähre Ahnung, was das deutsche Team am Sonntag gegen Australien erwartet, er hat das Eröffnungsspiel ja nur im Fernsehen gesehen.
Wer im Stadion war, kam mindestens traumatisiert zurück. Um gegen das Tröten der Vuvuzelas anzukommen, wurden die Lautsprecher noch lauter gedreht. Das Ergebnis war ein Lärmpegel wie im Triebwerk eines Riesenjumbos. Nicht auszuschließen, dass man das Wort "Höllenlärm" nach dieser WM vor allem mit bunten Tröten aus Südafrika verbinden wird.
Der Sportinformationsdienst hat bei einem deutschen Versicherungsberater nachgefragt, der immerhin mitteilen konnte, dass die private Unfallversicherung bei Hörschädigungen zahlt. Die Nachfrage war durchaus berechtigt, immerhin war ein Hörgerätehersteller in einer Studie zu dem erschreckenden Ergebnis gelangt, die Vuvuzelas würden einen Schallpegel von 123 Dezibel erreichen - dauerhafte Schäden des Gehörs können bereits bei einer durchschnittlichen Belastung von 85 Dezibel entstehen.
Die Frage ist, warum man die Vuvuzelas nicht einfach verbietet?
Fifa-Präsident Sepp Blatter will darüber nicht mal nachdenken, er rückt das von vielen Spielern, Trainern und zunehmend auch Fernsehanstalten aus der ganzen Welt vorgetragene Ansinnen in die Nähe von Diskriminierung. Die WM, das ist Blatters Botschaft, finde eben nun mal in Südafrika statt. Es klingt, als halte sich auch Blatter die Ohren zu.
Fußball lebt von Kommunikation
Doch es wird immer wahrscheinlicher, dass die Kritik an den Vuvuzelas bald lauter sein könnte als die nervtrötenden Plastikungetüme. Denn sauer sind nicht nur Fernsehzuschauer und Fans auf den Tribünen, die ihren Nebenmann nicht mehr verstehen können. Sauer sind immer mehr auch die, die unten auf dem Platz stehen.
Der Fußball lebt auch von der Kommunikation auf dem Platz, von Kommandos, kurzen Anweisungen. Wenn man beispielsweise Ricardo Osorio glaubt, hätte er gegen Südafrika gern Zeichensprache gekonnt. "Der drei Meter entfernte Nebenmann war nicht zu verstehen", klagte der mexikanische Bundesligaprofi vom VfB Stuttgart in der Mixed Zone.
Vielleicht wird auch Oliver Bierhoff nach dem Spiel am Sonntagabend seine zurückhaltende Sicht auf die Dinge noch ändern. Am Samstag schlug er erst mal eine pragmatische Lösung für das zu erwartende Kommunikationsproblem im deutschen Team vor. Die Spieler müssten eben "noch enger zusammenrücken." Einen Wettbewerbsnachteil sieht der Teammanager in den Vuvuzelas jedenfalls nicht. Es geht ja allen gleich schlecht.
Wirklich? Ein Team zeigt sich natürlicherweise unbeeindruckt von all dem Lärm: der WM-Gastgeber. "Sie ist unsere Waffe", sagt der südafrikanische Kapitän Aaron Mokoena über die Tröte. Denn sie sorgt für Überzahl auch auf den Rängen. Die Fans sind auch für Südafrika das zwölfte Teammitglied. "Und die Vuvuzela ist unser 13. Mann."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-WM 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH