Fifa-Affäre in Zürich Schönreden für Profis

Top-Funktionäre in Gewahrsam, Ermittlungen gegen den Vizepräsidenten - und was macht die Fifa? Der Fußball-Weltverband demonstriert business as usual. Damit soll vor allem Präsident Blatter geschützt werden.

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Walter De Gregorio weiß, wie Medien funktionieren. Als er noch für das Zürcher Boulevardblatt "Blick" arbeitete, sagte er einmal: "Es braucht Denkstücke, Provokation, Sex and Crime, Dramen, auch im Sport. Wenn ich Titten zeigen kann, zeige ich sie. Wenn es Sinn macht." Nackte Brüste gab es bislang nicht zu sehen, man möchte anfügen, noch nicht, aber ansonsten brachte dieser Mittwochvormittag alles, was den Journalisten De Gregorio glücklich gemacht hätte.

Allerdings ist der Schweizer mittlerweile Mediendirektor beim Weltfußballverband Fifa. Und in jener Funktion ist dieser Tag, der mit Festnahmen führender Fifa-Funktionäre begann, eher ein Albtraum für einen Pressesprecher. De Gregorio stellte vor der versammelten Weltpresse dann auch erst einmal fest, dass es "nicht schön ist, hier und heute vor Ihnen zu sitzen".

Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees in U-Haft, Durchsuchung der Fifa-Zentrale, Ermittlungen gegen den Fifa-Vizeboss und Vertrauten des Präsidenten, Jeffrey Webb - bei Vorgängen dieser Reichweite sollte man erwarten, dass der Oberste Fifa-Vertreter, Präsident Joseph Blatter, selbst vor die Öffentlichkeit tritt.

Blatter besser nicht vor die Presse getreten

Aber nachdem Blatters Auftritt vor vier Jahren, ebenfalls kurz vor der Wiederwahl des Präsidenten und ebenfalls in unruhigen Zeiten, für die Fifa in einem PR-Desaster geendet war, hielt man es beim Verband wohl für klüger, den eloquenten und eleganten De Gregorio vorzuschicken und den mittlerweile 79-jährigen Blatter lieber abzuschirmen.

Sein Mediendirektor hatte ohnehin genug damit zu tun, jeglichen Eindruck zu zerstreuen, Blatter selbst könne durch die Affäre - die wievielte eigentlich in seiner Amtszeit? - beschädigt werden. Oder noch schlimmer aus Blatter-Sicht: seine bislang als sicher geltende Wiederwahl am Freitag in Gefahr geraten.

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Fotostrecke: Wahl unter besonderen Vorzeichen
Also hatte De Gregorio den Auftrag, bei aller Dramatik der Ereignisse auch ein bisschen business as usual vorzutäuschen. Der Kongress werde selbstverständlich wie geplant stattfinden, ebenso die Wahlprozedur, sagte er. Niemand habe auch nur einen Gedanken daran verschwendet, die Wahl zu verschieben. Wobei das ein bisschen so klang wie: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Schließlich hatten Schweizer Zeitungen zuvor berichtet, Blatter erwäge ernsthaft, die Wahl zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen, um sie nicht zu zeitnah mit all den unschönen Meldungen vom Mittwoch in Verbindung zu bringen.

"Kein schöner, aber ein guter Tag"

"Er ist nicht verwickelt, warum sollte er zurücktreten?", fragte De Gregorio mit allem gespielten Erstaunen, das ihm zur Verfügung stand. Und über die WM-Vergaben 2018 an Russland und Katar 2022, seit Jahren unter Korruptionsverdacht stehend, werde auch nicht mehr neu diskutiert. Wobei die Hauptermittlungen der Schweizer und US-Ermittler gar nicht ursächlich mit der hochumstrittenen Vergabe zu tun hat. Sondern mit den Bestechungs- und Geldwäsche-Vorgängen um die Fernseh- und Vermarktungsrechte in den Neunzigerjahren.

"Dies ist kein schöner Tag für die Fifa, aber ein guter Tag", versuchte sich De Gregorio in den Feinheiten der Sprache. Mit der klaren Strategie: Jeder der Anwesenden sollte glauben, dass jetzt im Sinne des großen Aufklärers Joseph Blatter durchgegriffen werde. Das ist kein ganz neuer Marketing-Kunstgriff. Schon 2011 hat Blatter die Vorgänge um seinen damaligen Herausforderer Mohammed Bin Hammam am Ende so dargestellt, als seien all die Ermittlungen gegen den früheren Fifa-Vizepräsidenten nur dem Transparenzbestreben des Präsidenten zu verdanken gewesen. "Wir gehen diesen Weg der Aufklärung weiter, und niemand wird uns aufhalten", sagt De Gregorio. Das ist zu befürchten.

Auch jetzt hieß es, die Fifa habe gewusst, dass es zu diesem Tag kommen würde. Schließlich habe man selbst mit einer Anzeige aus dem Vorjahr die Vorgänge ins Rollen gebracht, betonte De Gregorio. Wie denn der Präsident das alles aufgenommen habe? Blatter habe "nicht im Büro getanzt", sei aber "entspannt und ruhig und sieht zu, was passiert", höchstens "der Stresslevel ist heute etwas höher als gestern", sagte De Gregorio. Note eins für das Herunterspielen einer Mega-Affäre. Mit Sternchen.

2010 hat der heutige Fifa-Mediendirektor, damals noch als Journalist für die Zürcher "Weltwoche", einen Text über Korruption in der Fifa verfasst. Darin schrieb er: "Wären wir konsequent und ethisch so erhaben, wie wir alle glauben, wir würden die Finger lassen vom Fußball und vom professionellen Wettkampfsport allgemein. Wer beginnt damit?" Walter De Gregorio in jedem Fall nicht.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
tkedm 27.05.2015
1.
Statt den Paten schicken sie den Clown vor. Ach, ist das herrliches Kino.
winki 27.05.2015
2. Wie wäre es denn, wenn Deutschland ...
aus diesem korrupten Verein austritt. Garantiert ziehen einige andere Länder mit. Allerdings würden Beckenbauer und Co. dafür sorgen, dass so etwas nicht passiert. Ihnen gehen sonst reichliche Pfründe verloren.
rambleon 27.05.2015
3. Man weiß es nicht
Vielleicht sind die Herren und die beteiligten Personen so gelassen, weil sie durch finanzielle Unterstützung, oder anderer Maßnahmen, der Ermittler nichts zu befürchten haben.
stargazer1971 27.05.2015
4. Dass einer wie De Gregorio...
...der vom Boulevardblatt Blick kam, Medienzampano ist bei der FIFA sagt alles. Er ist Experte darin, die Dinge zu verdrehen, die Realität zu verbiegen bis zur Schmerzgrenze. Es ist trotzdem kein trauriger Tag für den Fussball, sondern ein hoffnungsvoller. Möge dieser sogenannte Fussballverband endlich von der Bildfläche verschwinden und mögen die Fussballnationen endlich den Mut haben, ihre eigene WM zu spielen und ganz sicher nicht in Russland oder Qatar.
quittenmarmelade 27.05.2015
5. Diktatorische Macht
Solange sich Staaten von Verbänden wie dem IOC oder der FIFA Bedingungen für die Austragungen Ihrer verseuchten Veranstaltungen oktroyieren lassen ist keinerlei Besserung in Sicht. Man bekommt regelmäßig den Eindruck ein Blatter oder ein Bach habe mehr Macht als Regierungen demokratischer Länder. Dass ein solches Verhalten bei Undemokratischen oder Autoritären Staaten auf fruchtbaren Boden fällt ist selbstverständlich. Große Sportveranstaltungen waren schon immer ein willkommenes Propagandamittel. Lasst die mächtigen und reichen Verbände endlich auch angemessen für Ihre Präsenz bezahlen und gebt ihnen nicht die Möglichkeit mit jeder Veranstaltung noch reicher und mächtiger zu werden.
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