Warten auf Manuel Neuer Die Einser-Hysterie

Spielt er? Spielt er nicht? Fährt er schon Fahrrad? Beim Trainingslager des DFB dreht sich fast alles nur um die Personalie Manuel Neuer. Marc-André ter Stegen dürfte das kaum gefallen.

Bongarts/Getty Images

Aus Eppan/Italien berichtet


Der DFB hat auf seinem verbandseigenen Fernsehkanal dieser Tage eine kleine Videoserie produziert und veröffentlicht. Sie heißt "Manu - die Serie", und in den kleinen Minutenschnipseln, die täglich fortgesetzt werden, wird so ungefähr jede Körperbewegung von Manuel Neuer im Südtiroler Trainingslager im Bild festgehalten. Neuer läuft ein paar Schritte durchs Bild, Neuer fährt Fahrrad, der TV-Pressesprecher Uli Voigt wirft Stichworte ein. "Fitness?" Neuer sagt, er sei fit. Voigt: "Spaß?" Neuer sagt, er habe Spaß.

Bei den Pressekonferenzen gilt so etwa jede dritte Frage dem Tormann, der seit neun Monaten keinen Ball mehr gehalten hat, weil sein gebrochener Fuß das verhinderte. Egal, wer da vorne auf dem Podium sitzt: Neuer, Neuer, Neuer. Wie steht's um Neuer, wie geht's dem Fuß, was ist der Eindruck? Jeder darf, jeder muss seine Wasserstandsmeldungen abgeben. Sieht gut aus. Macht einen guten Eindruck. Muss man mal sehen.

Als die DFB-Auswahl am Montagabend ein kleines 30-minütiges Testspielchen gegen die U20 unter Ausschluss der Öffentlichkeit absolvierte, vermeldete "Sky" alarmiert: "Neuer nicht in der Startelf." Es fehlten noch die drei Ausrufezeichen. Über die Nachrichtenagenturen lief dann anschließend, dass Neuer wie geplant gespielt habe.

Manu, der Messias

Es wirkt in diesen Tagen von Eppan so, als hänge Wohl und Wehe der Nationalmannschaft bei der WM in Russland alleinig davon ab, ob der Bayern-Torwart noch rechtzeitig für das Turnier fit wird oder nicht. Manuel Neuer, der Heilsbringer, Manu, nicht mehr der Libero, Manu, der Messias. Als gäbe es da nicht noch Mats Hummels, Thomas Müller, Toni Kroos und die anderen Weltmeister. Torwarttrainer Andreas Köpke sitzt am Dienstagmittag vor der Presse, er wird nur ein einziges Thema zu behandeln haben.

Der Bundestrainer hatte sich schon vor Tagen festgelegt: "Wenn Neuer zur WM fährt, dann wird er auch die Nummer eins sein", hat Joachim Löw gesagt. Ob dies alles zur sättigenden Motivation des als Neuer-Stellvertreter fest eingeplanten Marc-André ter Stegen beiträgt, ist nicht überliefert. Ter Stegen steht beim FC Barcelona als unumstrittene Nummer eins zwischen den Pfosten, obwohl Barca auch den niederländischen Nationaltorwart Jesper Cillessen im Kader hat. Wahrlich kein schlechter Mann.

Boateng hat sich festgelegt

Ter Stegen hat ein ganzes Jahr lang das Tor der Nationalmannschaft gehütet, er hat mit ihr den Confed Cup gewonnen, Barcelona hat in der Liga nur ein einziges Saisonspiel verloren, und man darf davon ausgehen, dass ter Stegen daran seinen Anteil hatte. "Er hat eine überragende Saison bei Barcelona gespielt", sagt DFB-Kollege Julian Draxler über den 26-jährigen Ex-Gladbacher.

Eigentlich müsste ter Stegen demnach die Rückendeckung des Bundestrainers erhalten, er ist voll im Saft, er hat alle Argumente auf seiner Seite. Aber er ist eben nicht derjenige, auf den die Blicke gerichtet sind. "Neuer hat eine ganz andere Ausstrahlung als alle anderen", hat Verteidiger Jérome Boateng im "Kicker"-Interview gesagt. Es war nur ein Satz aus einem langen Gespräch, aber der "Kicker" hat daraus instinktsicher die Überschrift gebastelt, es ist das sportliche Aufregerthema derzeit. Und wenn Mesut Özil und Ilkay Gündogan in der Vorwoche nicht mit dem türkischen Diktator ins Bild gelächelt hätten, wäre es noch ein größerer Aufreger gewesen.

Spielpraxis hat der Bayern-Torwart jedenfalls nicht vorzuweisen, und wenn er tatsächlich am Samstag beim Testspiel gegen Österreich im Tor stehen sollte (Torwarttrainer Köpke hat diesen Einsatz zumindest angekündigt), wird dies auch nicht großartig etwas daran ändern. Andererseits ist er ausgeruht, voll motiviert, und vielleicht ist Spielpraxis bei Torleuten ja auch ein Mythos.

Es ist in jedem Fall eine heikle Personalie, zumal ter Stegen für seinen Ehrgeiz bekannt ist. Und so eiert Köpke im Interview auch ein wenig herum, wenn er sagt: "Ich hätte absolut auch keine Bedenken, mit Marc in die WM zu gehen", sagt er der "Süddeutschen Zeitung", ter Stegen solle "nicht das Gefühl bekommen, er sei hier nur der Notnagel". Das dürfte ihm im Moment etwas schwerfallen.



insgesamt 87 Beiträge
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pariah_aflame 29.05.2018
1. Der Trainer entscheidet halt
Der Trainer entscheidet und trägt dann auch die Verantwortung. So ist das halt, das dürfte ter Stegen nicht allzuviel dran zu knabbern haben - ein Torwart, der seine erste Saison bei Barcs ausschließlich in der CL randurfte. Was ter Stegen hingegen übel aufstoßen dürfte ist, dass immer so getan wird, als sei er "ja auch ein ganz Guter", aber eben nicht Neuer. Das ist wirklich reine Heldenverklärung, denn ter Stegen hat in einigen Bereichen deutlich mehr drauf als Neuer. Man frage mal Lionel Messi nach ter Stegens Passspiel.
nixproblem 29.05.2018
2. Angebot und Nachfrage
Der DFB würde diese Neuermanie sicher nicht so zelebrieren, wenn die Journalisten (natürlich m/w) sich nicht auf jede Meldung - und beträfe sie nur die Verdauung - stürzen würden. Das Problem dabei ist, dass auch die verbrauchenden Leser und Seher dieser Flut nur bedingt entgehen können.
Knack5401 29.05.2018
3. Jetzt Größe beweisen
und verzichten, lieber Manuel, das wäre sportlich.
sylkeheimlich 29.05.2018
4.
Wenn er fit ist, dann soll er im Tor stehen. Er ist für mich beste Torwart in Deutschland und weltweit. Ich denke, dass Manuel Neuer der Mannschaft mehr Sicherheit geben wird, wie irgendein anderer.
Nonvaio01 29.05.2018
5. Super Jogi
die cleverness von Jogi ist schon extrem gut. Mit der nominierung von Neuer hat er dafuer gesort das die presse und die buerher ein lieblingsthema haben. Alles redet nur von Neuer und will bei Interviews auch nur ueber Neuer reden. Somit hat Jogi's team ruhe um mit dem rest der mannschaft zu arbeiten, keiner nervt mit fragen zu einzelnen spieleren, es geht nur um Neuer..... Ich finde das sehr smart.
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