Neuer Leipzig-Trainer Rangnick Dann mach ich's eben selbst

Die Wunschkandidaten des RB Leipzig haben abgesagt - jetzt übernimmt Ralf Rangnick persönlich als Trainer. Der 56-Jährige möchte sich als Aufstiegscoach unsterblich machen. Er stellt sich sogar schon vor, wie die Stadt dann ausflippt.

DPA

Von Ullrich Kroemer, Leipzig


Willi Orban ist eines der größten deutschen Talente in der Innenverteidigung, keine Frage. Doch dass ein 22-Jähriger aus Kaiserslautern nun dazu beigetragen hat, dass Ralf Rangnick künftig Trainer von RB Leipzig ist, hätten ihm wohl nur wenige zugetraut. Genauso berichtete es aber Rangnick am Freitagmittag in Leipzig, wo sich der Sportdirektor des Zweitligisten überraschend selbst als neuen Übungsleiter vorstellte. Zumindest ein Jahr wird der 56-Jährige das Projekt Aufstieg in Doppelfunktion verantworten. Es ist wohl auch eine Form der Selbstfindung.

Vorstandsboss Oliver Mintzlaff verkündete denn auch fröhlich "Heute ist ein guter Tag für RB Leipzig, denn ich kann Ihnen die 1A-Lösung auf der so wichtigen Trainerposition präsentieren." Dabei ist der erfahrene Aufstiegstrainer Rangnick zwar eine erstklassiger Wahl, dennoch war diese Option nur die dritte oder vierte Alternative, RB hatte sich zuvor etliche Absagen eingeholt. "Nicht viele, aber auch nicht nur ein oder zwei", gab Rangnick zu.

Tatsächlich hatte Rangnick nach der Absage seines Wunschtrainers Thomas Tuchel zunächst keinen Plan B. Später fielen auch andere Kandidaten wie der Leverkusener Sascha Lewandowski oder Jocelyn Gourvennec vom französischen Erstligisten EA Guingamp weg.

Absagen wegen schlechten Images

Dass der Sportdirektor seinen Klub trotz bester finanzieller Ausstattung, hervorragender Trainingsbedingungen und einer Mannschaft voller Talente anbieten musste wie Sauerbier, erklärt Rangnick mit der fehlenden Bereitschaft seiner Wunschkandidaten, auch in der zweiten Liga arbeiten zu wollen: "Offensichtlich hat da meine Überzeugungskraft nicht ausgereicht", sagte er.

Dabei hängen die vielen Absagen wohl auch mit dem schlechten Image von RB Leipzig und Rangnick selbst zusammen. Dass es Reibereien zwischen dem Sportchef und seinen bisherigen Trainern gegeben hat, ist kein Geheimnis. Nun darf der machtbewusste und bisweilen überehrgeizige Sportdirektor Rangnick selbst entscheiden, wie viel Freiraum er dem Cheftrainer Rangnick gibt.

"Es braucht Visionen, Vorstellungskraft und Mut, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen", sagte Rangnick. "Daran mangelt es mir nicht, deshalb habe ich auch jetzt gesagt: Okay, wenn es jemand schafft, die Mannschaft weiterzuentwickeln, ..." Dann, ich, wollte Rangnick wohl noch sagen.

Dabei hatte der Schwabe in den vergangenen Wochen immer wieder betont, für den Job als Trainer nicht zur Verfügung zu stehen. Dazu sei ihm seine Funktion als Supervisor der RB-Klubs viel zu wichtig. An der Kehrtwende waren offenbar auch die Verhandlungen mit Orban beteiligt, den Mintzlaff als bislang dritten Neuzugang vorstellte.

Entscheidung am Donnerstag

Rangnick gab zu, dass er nicht mehr wirklich an die Verpflichtung des 22-Jährigen geglaubt hatte. Von neun Interessenten unter anderem aus der Bundesliga und England habe sich Leipzig lediglich auf vorletzter Position befunden: "Ich habe ihm dann gesagt, dass ich es selber übernehme, und was bei uns passieren wird und passieren kann." Daraufhin musste Orban nicht lange überlegen. Nach nur einer Nacht Bedenkzeit rief der künftige Leipziger bei seinem künftigen Trainer an und sagte: "Herr Rangnick, ich komm' zu Ihnen."

Nachdem die RB-Führungsriege am Dienstag zusammengesessen hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass Rangnick den Job übernehmen soll, entschied er selbst sich erst am Donnerstag endgültig dafür. "Wir haben so die Möglichkeit, den ein oder anderen Spieler hierher zu holen, den wir sonst nicht hätten begeistern können", sagte er, bestätigt durch die Orban-Unterschrift.

Der bisherige Interimstrainer Achim Beierlorzer, der im Februar für den entlassenen Alexander Zorniger eingesprungen war, wird künftig als einer von zwei Assistenztrainern arbeiten. Beierlorzer erreichte die Nachricht im Urlaub. Rangnick berichtet, dass Beierlorzer sofort zugesagt und "Riesenbock" auf die gemeinsame Aufgabe habe. Zudem gibt es auch im weiteren Trainerteam einige Umstellungen. Vorstandsboss Mintzlaff verkündete gar eine "neue Zeitrechnung".

Klar ist, dass Rangnick in der Denkweise des RB-Imperiums mit dem neuen Kader mit Stürmertalent Davie Selke, Orban & Co. aufsteigen muss. "Ich weiß genau, was es in diesen Momenten braucht", sagte Rangnick. "Es geht nur über die tägliche Weiterentwicklung der Gruppe. Wir müssen den Spielern mit an die Hand geben, wie sie auswärts mehr Punkte holen." Das Risiko, dass er als Trainer einer bedingungslosen Aufstiegsmission scheitert, geht Rangnick nun bewusst ein.

Doch er besitzt genügend Selbstvertrauen, sich diese Aufgabe zuzutrauen - auch gesundheitlich. Antrieb gibt ihm sein Ehrgeiz, als alleiniger Aufstiegsmacher in die junge Klubgeschichte von Rasenballsport einzugehen. "Was an dem Tag hier in Leipzig los sein wird, dieses Bild habe ich schon im Kopf", sagt Rangnick.

insgesamt 69 Beiträge
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kuschkusch 29.05.2015
1.
Sportdirektor stellt sich selber ein. Ganz im Sinne der handvoll Geschäftsführer im Brause Konzern. Keine Beteiligung, keine Parität, kein Mitspracherecht und nun auch keine Ämterteilung. Dieser Limonadenhersteller hat im Fußball nichts zu suchen. Und in den Bundesligen erst recht nichts!
wortmacht 29.05.2015
2.
Keiner wollte? Also ich hätte es sogar bei RB gemacht. Also Herr Rangnick, habe zwar die Lizent nicht, aber die Quakifikation für den Fußballleherlehrgang habe ich. Falls Sie doch nicht wollen, einfach melden.
clauebers 29.05.2015
3.
naja, ich glaube ja nicht, dass "keiner" da als trainer arbeiten will. die ansprüche an den trainer in leibzig sind halt sehr hoch, wahrscheinlich sogar höher als die von so manchen erstligisten, und die weniger trainer die das erfüllen gehen halt auch verständlicherweise lieber zu vereinen die bereits weiter oben stehen. ich bin gespannt ob rangnick das gleiche "kunststück" wie in hoffenheim noch mal schaft (die "" sind wegen der extem hohen qualität in der mannschaft) schafft er es hat er sicher respekt verdient, wenn nicht sägt er selbst an seinen früheren leistungen. aber dennoch eine gute wahl für einen trainer finde ich. denn auch wenn er über seine ganze karriere nie wirklich sympathien bei mir geweckt hat, so kann man ihm den sachverstand wohl kaum absprechen
herrm. 29.05.2015
4. Das
Die Leipziger Marketingabteilung des klebrig, stinkenden Brauseherstellers verkörpert all das, was Fans des traditionellen Fußballs an der hemmungslosen Kommerzialisierung des Fußballs verachten! Mit Geld können sie sich offensichtlich alles kaufen, aber nicht die Bewunderung und Achtung! Es handelt sich hierbei nach VW Wolfsburg, Audi Ingolstadt, Pille Leverkusen, Milliardär Hoffenheim um einen weiteren Schritt in die falsche Richtung!
Lankoron 29.05.2015
5. Entlässt er sich
dann auch selbst, wenn Retortenbaby Leipzig nicht auf nem Aufstiegsplatz ist?
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