SPIEGEL ONLINE: Der SV Wehen Wiesbaden hat seit Ende 2008 sechs Trainer entlassen, zuletzt Gino Lettieri. Wie ist das zu erklären?
Gräf: Fußball ist ein Ergebnissport. Und die Ergebnisse haben oft nicht gestimmt. Aber seit ich Geschäftsführer bin, gab es nur zwei Entlassungen in knapp drei Jahren.
SPIEGEL ONLINE: Warum wurde Lettieri jetzt gefeuert, den Sie selbst 2010 als Hoffnungsträger geholt haben?
Gräf: Die Mannschaft spielte trotz intensiver Vorbereitung nach der Winterpause genauso schwach wie zuvor. Es war keine Entwicklung zum Besseren zu erkennen, weder bei einzelnen Spielern noch bei der Mannschaft als Ganzes. Der Auftritt beim letzten Auswärtsspiel in Osnabrück war katastrophal. Da mussten wir handeln.
SPIEGEL ONLINE: Wehen startete als Aufstiegsfavorit, steht aber jetzt in der Tabelle weit unten. Ist das wirklich die alleinige Schuld des Trainers?
Gräf: Sicher nicht. Aber es ist ihm nicht gelungen, aus guten Einzelspielern eine erfolgreiche Mannschaft zu formen.
SPIEGEL ONLINE: In der Fanszene wird seit Wochen auch Ihr Rauswurf gefordert. Wackelt Ihr Stuhl?
Gräf: Da müssen Sie das Präsidium fragen.
SPIEGEL ONLINE: Die Fans werfen Ihnen vor, ohne Not die erfolgreiche Mannschaft der Vorsaison, die nur ganz knapp die Relegation verpasste, auseinandergerissen zu haben. Warum wurde in der Sommerpause fast die gesamte Mannschaft verkauft und ein Dutzend neuer Spieler geholt?
Gräf: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber klar, wir haben alle Fehler gemacht. Aus heutiger Sicht würde auch ich bei der einen oder anderen Personalie anders handeln. Einige neue Spieler, auf die wir große Hoffnungen gesetzt haben, sind längst nicht so eingeschlagen, wie wir das erwartet hatten. Und während der Saison sind uns zwei Leistungsträger durch undiszipliniertes Verhalten abhanden gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Die ständige Fluktuation sorgt auch bei den Anhängern für Verwirrung. Es gibt keine Identifikationsfigur mehr. Wie wollen Sie das ändern?
Gräf: Wir versuchen, die Verträge mit Stammspielern zu verlängern, bei einigen ist uns das auch schon gelungen, zum Beispiel mit unserem Torwart Michael Gurski. Der hat bei unseren Fans viel Kredit.
SPIEGEL ONLINE: Auch der Spagat, den einstigen Dorfclub Wehen in die Landeshauptstadt Wiesbaden zu integrieren, ist bislang nicht wirklich geglückt. Die Zuschauerzahlen sinken permanent. Der SV gilt als Retortenverein, der am Tropf des Hauptsponsors Brita-Filter und seines Eigners Markus Hankammer hängt, der gleichzeitig Vereinspräsident ist. Was können Sie gegen dieses Image tun?
Gräf: Das sehe ich längst nicht so negativ. Wir haben inzwischen über 120 Sponsoren. Unsere Aktionen in Schulen und Vereinen haben große Resonanz gefunden, wir werden in Wiesbaden immer mehr wahrgenommen und akzeptiert. Aber wir brauchen Geduld. Als ich noch Manager in Fürth war, haben wir in der zweiten Liga öfter in Mainz gespielt. Das kamen anfangs 3500 Zuschauer, später waren es dann 4000, schließlich 5000. Und jeder weiß, wo Mainz heute steht.
SPIEGEL ONLINE: Warum wurde ausgerechnet Peter Vollmann als neuer Trainer verpflichtet? Der ist doch erst vor kurzem wegen Erfolglosigkeit in Rostock gefeuert worden.
Gräf: Vollmann ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein besonnener Typ mit großer Erfahrung. Er kennt die dritte Liga, ist mit Eintracht Braunschweig und Hansa Rostock in die zweite Liga aufgestiegen. Wir hoffen, dass er unseren Spielern wieder Selbstvertrauen und die richtige Einstellung vermittelt.
SPIEGEL ONLINE: Gab es keine anderen Optionen?
Gräf: Jede Menge. Schon fünf Minuten nach der Meldung von Lettieris Freistellung klingelte bei mir erstmals das Telefon. Mindestens 50 Trainer haben sich seitdem um den Job beim SV Wehen Wiesbaden beworben, darunter auch sehr bekannte Namen. Aber wir vertrauen Vollmann.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die nächsten Ziele?
Gräf: Wir brauchen so schnell wie möglich 45 Punkte, um den Abstieg zu vermeiden. Unsere langfristige Perspektive ist die zweite Liga, in der dritten Liga kann man auf Dauer nicht überleben.
Die Fragen stellte Bruno Schrep
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