Maradona in Weißrussland Maskottchen der Autokraten

Merkwürdiger Personalcoup im Weltfußball: Der weißrussische Klub Dinamo Brest hat Diego Maradona verpflichtet. In welcher Funktion, weiß der argentinische Star allerdings selbst nicht so genau.

DPA

Von


Ist er es wirklich? Hat Diego Armando Maradona tatsächlich bei Dinamo Brest angeheuert? Der Maradona, der Argentinien 1986 fast im Alleingang zum WM-Titel führte und dabei unter anderem das legendäre Tor mit der "Hand Gottes" erzielte? Einer der besten Fußballer der Geschichte bei einem weißrussischen Provinzklub?

Als die ersten Gerüchte zu dem Thema die Runde machten, konnten oder wollten es die wenigsten Weißrussen glauben. Doch seit Mittwoch ist es offiziell. "Ja, Diego ist bei uns", verkündete Dinamo voller Stolz auf seiner Internetseite. Dazu ein Foto der argentinischen Fußballlegende, wie er auf einem weißen Sofa sitzend und mit der weißrussischen Fahne im Rücken einen Drei-Jahres-Vertrag unterzeichnet.

Die Verwunderung im Rest der Welt ist nachvollziehbar. Auch wenn Bate Borisov, in der abgelaufenen Europa-League-Saison Gruppengegner des 1. FC Köln, mittlerweile zum regelmäßigen Teilnehmer in den europäischen Vereinswettbewerben gehört, ist Weißrussland alles andere als ein großer Name im Fußball. Das Land konnte sich noch nie für ein großes Turnier qualifizieren und die Zeiten, als mit Aleksandr Hleb zumindest ein Profi im Westen für Schlagzeilen sorgte, sind auch schon lange vorbei.

Dies soll sich mit Maradona nun ändern. "Das ist nicht nur für unseren Klub ein großes Ereignis. Ich glaube, das gilt auch für das ganze Land, für ganz Weißrussland. Es ist diese Erscheinung, dieses Image, diese Aura, dieses Charisma", erklärte Valdas Ivanauskas, der von 1993 bis 1997 für den HSV stürmte und seit dem vergangenem Jahr Sportdirektor bei Dinamo Brest ist. Und für dieses ehrgeizige Vorhaben kann es keinen passenderen Ort geben als den Klub aus der Stadt an der Grenze zu Polen.

Fotostrecke

16  Bilder
Fußball-Legende Maradona: Von Boca Juniors zu Dinamo Brest

Nach Jahrzehnten, in denen das Gründungsmitglied der Wyschejschaja Liga über das Mittelmaß nicht hinauskam und mit immer größeren finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, ergoss sich 2016 über Dinamo Brest ein warmer Geldregen. Der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Scheich Pol Daher, der mit seiner Firma Sohra Overseas weißrussische Traktoren, Lastwagen und Agrarprodukte nach Afrika und in den Nahen Osten verkauft, wurde Eigentümer des Klubs.

Seit dieser Saison soll nun der weißrussische Geschäftsmann Aleksandr Zajtsev der Besitzer von Dinamo Brest sein. Auch wenn der Klub die genauen Besitzverhältnisse geheim hält.

Diego Maradona (l.) 2001 mit Fidel Castro
REUTERS

Diego Maradona (l.) 2001 mit Fidel Castro

Mit dem Einstieg des Scheichs stiegen auch die Ambitionen. Neben dem schon erwähnten Ivanauskas wurde auch die Mannschaft mit für weißrussische Verhältnisse überdurchschnittlichen Spielern wie dem vom SC Braga geholten Chidi Osuchukwu, einem ehemaligen nigerianischem U-20-Nationalspieler, verstärkt. Mit Erfolg: 2017 belegte Dinamo Brest nicht nur den vierten Platz in der Tabelle, sondern holte auch den nationalen Pokal.

Mit der im Frühjahr begonnen Saison, in Weißrussland wird im Frühling-Herbst-System gespielt, sollte der sportliche Aufstieg fortgesetzt werden. Aus diesem Grund wurde nach Ivanauskaus ein weiterer alter Bekannter aus der Bundesliga nach Brest geholt. Der Tscheche Radoslav Latal, der sieben Jahre lang die Schuhe für den FC Schalke 04 schnürte und sich nach seiner aktiven Laufbahn östlich der Oder einen guten Ruf als Trainer erarbeitet hat, wurde Übungsleiter des Klubs. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus. Mit nur sechs Punkten nach sechs Spieltagen wurde Latal eine Woche vor Maradonas Verpflichtung entlassen.

Finanziell dürfte sich der Job lohnen

Doch welche Aufgabe soll Maradona überhaupt übernehmen? Dies schien selbst der argentinischen Legende bei seiner Unterschrift nicht klar gewesen zu sein. Während er verkündet, Präsident und Trainer des Klubs zu werden, folgte kurz darauf das Dementi aus Brest: "Maradona wird bei Dinamo Vorstandsvorsitzender werden und den Klub nicht nur repräsentieren, sondern auch dessen Entwicklung sowie die Arbeit der Nachwuchsakademie koordinieren." Nach seinen schwachen sportlichen Erfolgen als Trainer in den Vereinigten Arabischen Emiraten scheint man dem 57-Jährigen nicht zu viel Verantwortung überlassen zu wollen.

Maradona mit Nicolas Maduro
DPA

Maradona mit Nicolas Maduro

Bis Maradona seinen Dienst in Brest antritt, wird es noch etwas dauern. Erst für die Zeit nach der WM in Russland gilt sein Vertrag. Stattdessen leistet der argentinische Volksheld in Caracas Wahlkampfhilfe für den venezolanischen Autokraten Nicolas Maduro, der sich am morgigen Sonntag zum Präsidenten wiederwählen lässt. Danach ist er im venezolanischen Fernsehen während der WM als Experte zu sehen.

Und einiges deutet daraufhin, dass auch der umstrittene weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko von Maradonas Ruf profitieren möchte. In der Vergangenheit war der angebliche Klub-Besitzer Zajtsev Assistent des ältesten Lukaschenko-Sohnes Viktor, der seinen Vater in Sicherheitsfragen berät. Finanziell dürfte sich der Job, wie immer er genau auch aussehen mag, für Maradona jedenfalls lohnen. Laut argentinischen Medien bekommt er für die drei Jahre bei Dinamo Brest 20 Millionen Dollar.

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Garda 20.05.2018
1. Lustig
... im Gegensatz zu den beiden Schwachköpfen bei Erdo und Steini....
kopi4 21.05.2018
2. Pecunia non olet
Auch Saudi-Arabien ( Torwarttrainer Oliver Kahn) und Katar ( Berater Guardiola, strategische Partnerschaft u.a. mit dem FC Bayern) sind keine Musterstaaten der Demokratie. Vespasians Motto ist halt gang und gäbe im Fußball. Maradonas Engagement in Weißrussland ist nur, typisch Diego, besonders exotisch. Vielleicht hat er ja eine Erschwernis-Zulage ausgehandelt weil er bei Weißrussland davon ausging in dem Teil Russlands arbeiten zu müssen wo immer Schnee liegt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.