Wahl des Weltfußballers Monoton und mutlos

Mal wieder Messi. Warum nicht Neuer, warum nicht Jérôme Boateng? Bei der Weltfußballer-Wahl haben Defensivspieler keine Chance. Weil der Mut fehlt - und der Fußball ein fatales Wahrnehmungsproblem hat.

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Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr aber gewinnt Meisterschaften: Josef Heynckes hat diese kluge Weisheit aus dem US-Sport auf den Fußball übertragen. Und natürlich muss der Mann es wissen, er gewann als Trainer viele Meisterschaften, mit Real Madrid und dem FC Bayern sogar die Champions League. Der Heynckes-Spruch macht bewusst einen Bedeutungsunterschied zwischen Sturm und Verteidigung, er gewichtet letztere höher, weil er sagt: Wer wirklich Titel gewinnen will, braucht die da hinten.

Aber nicht, wenn es um den Titel des Weltfußballers geht.

Die Weltfußballerwahl braucht die da hinten nicht, sie hat sie noch nie gebraucht. Die wichtigste individuelle Auszeichnung für einen Fußballspieler ignoriert defensive Mannschaftsteile seit 1991, dem ersten Jahr der offiziellen Vergabe, nahezu komplett.

Auch 2015 waren auf den ersten drei Plätzen nur Angreifer zu finden, auf der 23-köpfigen Kandidatenliste standen mit Javier Mascherano (FC Barcelona) und Manuel Neuer vom FC Bayern nur zwei Fußballer, die in der Verteidigung oder im Tor spielen. Am Ende setzte sich Lionel Messi vor Cristiano Ronaldo durch. Neymar wurde wie erwartet Dritter. Alles wie immer.

Erst ein Verteidiger wurde in 25 Jahren überhaupt gewählt, Italiens WM-Kapitän Fabio Cannavaro im Jahr 2006.

Und unter die besten drei schafften es bisher nur drei Abwehrspieler und zwei Torhüter, Oliver Kahn 2002 und zuletzt Manuel Neuer 2014 (Platz drei). DFB-Keeper Neuer halfen weder sein großer Beitrag zum WM-Titel noch Joachim Löws Lob, Neuer sei in Brasilien "der elfte Feldspieler" gewesen. Selbst als Feldspieler war er machtlos gegen Messi und Ronaldo.

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Weltfußballer: Lothar, George und Lionel
Warum ist das so? Warum werden in unschöner Regelmäßigkeit immer die Offensivstars gewählt? Warum kommt nie ein Abwehrspieler zum Zug?

Lionel Messi und Cristiano Ronaldo tragen seit acht Jahren ein Privatduell um die Trophäe aus, die beiden teilen sich die Auszeichnung seitdem auf. Sie profitieren von einer Überhöhung, wie es sie in dieser Ausprägung vielleicht noch nie gegeben hat. Die Superstars von Barcelona und Real liefern auf dem Platz regelmäßig Großes ab, sind aber auch abseits zu absurd omnipräsenten Weltmarken geworden. Fußball? Zuerst sind das Messi und Ronaldo. Diese Reduktion geht zu Lasten aller anderen - es geht gar nicht mehr um die Frage, wer Weltfußballer wird, sondern nur noch, wer von beiden.

Sich für einen anderen zu entscheiden als Messi oder Ronaldo (die ihre Wahl natürlich auch verdient haben) erfordert viel Mut. Und den haben die Stimmberechtigten - die Kapitäne und Trainer der Nationalmannschaften sowie ein ausgewählter Medienvertreter pro Nation - offenbar einfach nicht.

Messi, Ronaldo oder auch Neymar hilft aber auch ihre Position auf dem Spielfeld: Wer viele Tore schießt, steht im Mittelpunkt. Und das können sie ausgesprochen gut. Verteidigen ist verglichen damit einfach unspektakulär. Hier kommt ein fatales Wahrnehmungsproblem ins Spiel. Über Abwehrspieler und Torhüter wird vor allem geredet, wenn sie Fehler machen. Bei den Offensivstars ist es andersrum: Ein Tor kann jeden individuellen Fehler überlagern. Das führt dazu, dass selbst ein Torhüter-Revolutionär wie Neuer chancenlos ist und Jérôme Boateng als modernster Innenverteidiger der Welt es wohl bleiben wird.

Die Wahl zum Weltfußballer wird auch in naher Zukunft langweilig und berechenbar sein. Aus Messi wird Neymar, aus Ronaldo vielleicht Douglas Costa. Die Verteidiger müssen sich dann weiter mit den Titeln begnügen, die wirklich wichtig sind.



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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
-volver- 11.01.2016
1. :-)
wie sagte ibrahimovic: "ich brauche keinen Preis um zu wissen dass ich der beste bin."
alfmül 11.01.2016
2.
Ich finde, man sollte den/die Fussballer wählen die auch wirklich am besten waren, und nicht den, "weil es sonst ja blöd und langweilig und unfair usw." ist. Ronaldo und Messi sind nunmal die momentan besten Fußballer. Daran kann man nichts ändern!
idleberg 11.01.2016
3.
stimmt schon alles, aber der satz, dass boateng der modernste verteidiger der welt sei, hat den artikel dann doch noch unseriös gemacht. dabei gab es gerade bei spon viel schlechtes über ihn zu lesen (und ja, er ist sicher auch in den letzten jahren besser geworden!)
doktordoktormueller 11.01.2016
4. Alberner Vorschlag
Wie soll man international Neuer oder Boateng als "Weltfußballer" verkaufen? Absolut lächerlich. Rosarote Bayern-Brille mal absetzen und auf den Teppich zurück kehren.
ugk 11.01.2016
5. Messi ist ok
Beim Fußball geht es darum, zu gewinnen. Nicht darum, nicht zu verlieren. Deshalb gewinnen "Gewinner" die Wahl zum Fußballer des Jahres, und nicht " Verhinderer". Gut so.
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