Weltfußballer-Wahl Torwart ohne Rückhalt

Weltmeister, Welttorhüter - aber nur Platz drei bei der Weltfußballer-Wahl. Bayern-Keeper Manuel Neuer hatte gegen Cristiano Ronaldo keine Chance. Die Fifa-Wahl würdigt mal wieder nur das Offensivspektakel und prominente Namen.

Von Sebastian Winter, München


Manuel Neuer gab sich schon vorher entspannt. Als er sich aus dem Bayern-Trainingslager in Katar zur Weltfußballer-Wahl nach Zürich aufmachte, sah er in seiner Freizeitkluft eher aus wie ein Tourist, der gleich Shoppen geht. Coffee-to-go-Becher in der linken und Banane in der rechten Hand.

Der 28-Jährige hatte vor der Entscheidung gesagt: "Ich verlasse dieses Haus so oder so mit einem Grinsen. Es ist ein gewonnener Tag für mich." Er ahnte da wohl schon, was die Wahl für ihn bringen würde: Platz drei hinter dem Sieger Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Das Ergebnis fiel überdeutlich aus: Ronaldo gewann mit 37,66 Prozent der Stimmen vor Messi (15,76) und Neuer (15,72).

Auch wenn Neuer das Ergebnis ohne sichtbare Enttäuschung hinnahm: Von der Veranstaltung im Zürcher Kongresssaal bleibt ein Beigeschmack zurück. Es gibt, so die Botschaft von Zürich, auch weiterhin keinen Paradigmenwechsel im Weltfußball, der es zulässt, dass Torhüter den Feldspielern auf Augenhöhe begegnen. Platz zwei wäre für Neuer das Mindeste gewesen, denn Messis Jahr 2014 war gemessen an den Jahren zuvor und an dem, was der Argentinier zu leisten imstande ist, eines zum Vergessen gewesen.

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Das Zeichen, das von den abstimmungsberechtigten Nationaltrainern, ihren Kapitänen und ausgesuchten Medienvertretern ausgesendet wurde, ist klar: Torhüter haben nicht das Ansehen, die Lobby und den Namen von Feldspielern wie Ronaldo oder Messi, um die Weltfußballer-Wahl zu gewinnen.

Dabei wäre es der richtige Zeitpunkt gewesen, um zum ersten Mal einen Torwart auf höchster Ebene für seine Leistungen zu würdigen. Denn Neuer hat seine Position neu definiert. Das Zitat von Sepp Maier, der einst sagte, "als Torwart bist du im Strafraum festgenagelt, kannst nur reagieren", gilt spätestens mit Neuers Interpretation des Torwartspiels nicht mehr.

Was für Maier und auch noch für Oliver Kahn der Strafraum war, ist für Neuer die komplette eigene Hälfte. Er spielt auf der Linie, eröffnet mit seinen schnellen, weiten Abwürfen gefährliche Konter, ist Innenverteidiger, Mittelfeldmann und bei eigenen Angriffen Abfangjäger. Neuer hat seine Position aus dem Strafraum herausgeholt und die Taktik seines Klubs und auch der deutschen Nationalmannschaft dadurch verändert. Die Außenverteidiger, ja die gesamte Mannschaft kann mit Neuer im Rücken offensiver spielen als je zuvor.

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Die Leistung eines Stürmers bemisst sich leicht nach Zahlen. Und natürlich beeindrucken Ronaldos 38 Tore und 16 Vorlagen in der Primera División, seine 13 Treffer und sieben Vorlagen in der Champions League aus dem vergangenen Jahr. Bei Neuer ist das schwieriger, eine Quote von um die 90 Prozent abgewehrter Schüsse bei der WM klingt weitaus weniger spektakulär als Ronaldos Werte. Aber Zahlen sind nicht alles, um die Leistung als Ganzes zu erfassen.

Als bisherig einziger Keeper war 1963 der Russe Lew Jaschin zu Europas Fußballer des Jahres gekürt worden. Bei der Wahl zum Weltfußballer war Oliver Kahn 2002 immerhin Zweiter geworden - hinter Brasiliens Stürmer Ronaldo. Seit 2008 gewannen entweder Ronaldo oder Messi die Trophäe. Welch antiquierte Meinung selbst bei Spitzentrainern noch vorherrscht, zeigte Rolland Courbis, der Trainer des französischen Erstligisten Montpellier, der im Dezember spottete: "In 30 Jahren wird dich dein Sohn fragen: 'Vater, war Neuer wirklich besser als Messi und Cristiano Ronaldo?' Dann musst du dich winden, um so eine Dummheit zu beantworten."

Immerhin wählten neben den Kapitänen von Laos, Liechtenstein und den Salomonen, um einige zu nennen, auch so renommierte Trainer wie Claudio Ranieri, der Coach der Griechen, und Russlands Nationaltrainer Fabio Capello Neuer auf Platz eins - wie übrigens auch US-Trainer Jürgen Klinsmann. Das ehrt Neuer, der am Dienstag zu den Bayern nach Katar zurückfliegt. Ronaldo hingegen beendete die Veranstaltung mit einem urtümlichen Siegesschrei und sagte mit Blick auf seine jetzt drei und Messis vier Weltfußballer-Titel: "Vielleicht hole ich Messi noch ein."

Wenn bei der Wahl weiterhin nur Tore den Ausschlag geben, könnte er das schaffen.

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thommy2130 13.01.2015
1. Witzveranstaltung
Die Ehrung sollte sofort abgeschafft werden. Fussball ist ein Teamsport, und nicht für Alleinunterhalter, genau so einer ist Ronaldo. Er stellt sein können nicht in den Dienst der Mannschaft.
dietmaras 13.01.2015
2. schon wieder ronaldo ?
es sind immer elf spieler, ohne den mitspielern hätte auch ronaldo nicht tore schiessen können. mit seinem jahresgehalt hat er wohl (wie immer beim fussball) bestimmte leute gut bezahlen können um den titel wieder zu bekommen. schade
Leser161 13.01.2015
3. Hmm
Vorweg. Ich mag Ronaldo. Der Fussball braucht mehr Typen wie ihn. Aber ein bisschen mehr Abwechslung beim Weltfussballer wäre schon mal ganz nett.
spiegelleser861 13.01.2015
4. nicht so wichtig
Man sollte den Titel nicht so wichtig nehmen. Er ist ein Medienereignis, in dem sich der Fußball selbst feiert. Dass hier nur ein subjektive Meinung rauskommt, liegt in der Natur der Sache. Von daher sollte man die Verleihung als das nehmen, was sie ist: Eine große Show. Ähnliches gilt z.B. für Bambi, goldener Bär, deutscher Fernsehpreis oder auch die ganzen Miss-sonst-was Wahlen...
Boesor 13.01.2015
5.
Eine Veranstaltung die aus einer Mannschaftssportart eine Individualauszeichnung macht und dabei auch noch positionsübergreifend vergleicht kann nicht funktionieren. Von daher kann man der leicht angesäuerten "deutschen" Position hier nicht widersprechen...aber eben auch nicht zustimmen.
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