Weltmeister Deutschland Elfmeter-Heldin Angerer rettet das Herbstmärchen

Ihr haben die deutschen Fußball-Frauen die Weltmeisterschaft zu verdanken: Torhüterin Nadine Angerer parierte beim 2:0 im Finale gegen Brasilien einen Elfmeter und vollendete so das "Herbstmärchen" in Shanghai. Die 28-Jährige aus Potsdam darf sich nun als neuer Superstar feiern lassen.

Aus Shanghai berichtet Katrin Weber-Klüver


Shanghai - Da stand sie nun im Shanghaier Hongkou-Stadion auf dem Weg von der Kabine zum Bus und grinste. Nadine Angerer, die Torhüterin des Turniers, der erste Torwart überhaupt, der bei einer Weltmeisterschaft ohne ein einziges Gegentor im gesamten Turnier den Titel gewinnen konnte. Und sie erzählte ein ums andere Mal, wie sie die spielentscheidende Situation beim 2:0-Sieg gegen Brasilien gemeistert hatte, den Elfmeter von Marta Mitte der zweiten Halbzeit.

Weil die Brasilianerin im Viertelfinale einen Strafstoß in die linke Ecke geschossen hatte, "habe ich gedacht, jetzt schießt sie in die rechte, und ich bleibe so lange stehen, wie es geht. Das war die richtige Entscheidung." Und grinste wieder. Da kam auch schon DFB-Präsident Theo Zwanziger vorbei, begeistert von den besten Fußballerinnen des Landes, die nun die besten der Welt sind ("Wir haben tolle Vorbilder hier!"), gab Angerer ein Küsschen, und die nahm auch das mit einer Mischung aus seligem und ironischem Lächeln an. Das Spiel sagte sie noch, habe "natürlich viel Spaß gemacht. Alle waren heiß, und heute haben wir es bewiesen, dass wir zu Recht wieder Weltmeister geworden sind." Sie selbst habe nach dem gehaltenen Elfmeter gespürt, dass "ein Ruck durch die Mannschaft" gehe, war aber sogar noch nach dem 2:0 in der 86. Minute durch Laudehr angespannt: "Ich habe die anderen angeschrieen: 'Konzentriert bleiben!'" Das taten sie.

Und so ging alles seinen sporthistorischen Gang. In der Kabine habe sie, sagte Angerer "eine positive Leere gespürt, man checkt es überhaupt nicht." Auf dem Weg zum Bus war alles immer noch positiv, aber nicht mehr leer. Auch Mitspielerin Melanie Behringer wusste da schon, wem der Titel zu guten Teilen zu danken ist. Während die meisten Spielerinnen noch in der Kabine saßen ("Wir trinken da ein bisschen, und die Trainer werden geduscht"), kam Behringer herangehüpft, um "Nadine Angerer Fußballgott" zu feiern. Und die lachte wieder und ließ sich herzen.

Auch Silvia Neid zollte der Leistung ihrer Torfrau Lob. Etwas dezenter. Sie sagte, nach dem Elfmeter habe sie "das Gefühl gehabt, dass bei dieser Weltmeisterschaft nichts mehr schiefgehen kann." Aber wie immer lobte die Bundestrainerin öffentlich alle und nicht eine. Nachdem Neid auf dem Feld bei der Siegesfeier fast ausgelassener getanzt hatte als die Spielerinnen, würdigte sie besonders die geschlossene Defensivleistung.

"Es ist immer einfach, nach vorne zu laufen. Wir haben gesagt: Nach hinten darf kein Weg zu weit sein." Und meinte noch, ein Geheimnis des deutschen Erfolges sei "der absolute Wille, kein Tor zuzulassen" gewesen. Plus der Wille von Birgit Prinz, der Spielerin, die "die wichtigen Tore schießt, die die Mannschaft mitreißt." Nach Prinz' Führungstreffer, bekannte Neid, "wurde ich dann sehr gelassen und wusste, dass uns noch nicht einmal Brasilien stoppen kann."

Und was sagte Prinz dazu? Als sie mit zwei kleinen roten Rucksäcken auf dem Rücken, einem Energiedrink in der rechten und einen Harry Potter in der linken aus der Kabine geschlurft kam, sah sie eher aus wie jemand auf dem Weg zum Strand als eine, die gerade zum zweiten Mal Weltmeisterin geworden ist. Das Buch hatte sie auf der Fahrt zum Stadion gelesen. "Ich brauche immer etwas, um mich abzulenken." Sich aufzuputschen ist nicht ihre Sache. Wie gewohnt sprach sie denn auch nach dem Erfolg sehr bedächtig und versammelt über ihre Gefühle.

Grölgesang vor dem Mannschaftsbus

Wie es war, das 1:0 zu erzielen? "Wenn man wenige Chancen hat, muss man sie nutzen. Das Tor zu schießen, war ein schönes Erlebnis." Wann sie sicher gewesen sei, dass sie das Spiel gewinnen würden? "Als die vier Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden." Dann sei es ein "tolles Gefühl gewesen, den Pokal als Erste zu nehmen und an die Mannschaft zu übergeben."

Als die Brasilianerinnen, die wie üblich musikmachend ins Stadion gezogen waren, längst mit hängenden Instrumenten den Ort der Niederlage verlassen hatten, versammelten sich schließlich kurz nach Mitternacht auch die deutschen Spielerinnen zum Musizieren vorm Bus. Unter einer Art Grölgesang "Und wir haben den Pokal, und wir geben ihn nicht mehr her" samt Variationen beliebter Fußballlieder fuhren sie ins Mannschaftshotel ab zur Titelfeier.

Da diese Fahrten in Shanghais zähem Verkehr gemeinhin lang sind, überlegte Prinz pragmatisch: "Eine lange Nacht wird es nicht werden." So schwarz sahen nicht alle. Nadine Angerer, die Frau, die Fußballgeschichte geschrieben hat, sagte auf die Frage, wer denn wohl den Pokal vom Bankett mitnehmen dürfe: "Die am längsten auf dem Fest bleibt." Wer das sein werde: "Ja wohl ich." Und grinste wieder. Ein bisschen müde und ein bisschen selig.



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