Weltmeister Deutschland: Fußball-Heldinnen feiern ihren historischen Triumph

Aus Shanghai berichtet Katrin Weber-Klüver

Jubelschreie, Freudentänze, Umarmungen: Die deutschen Fußball-Frauen sind nach dem 2:0 gegen Brasilien wieder Weltmeister. Eine Halbzeit lang schien zwar der Gegner besser zu sein. Am Ende hielten aber Birgit Prinz und ihre Mitspielerinnen den Pokal in den Händen - sie verwerteten die Chancen besser.

Als sie zur Halbzeitpause des WM-Finales in den Kabinengang des Hongkou-Stadions von Shanghai verschwand, warf Simone Laudehr einen kurzen Blick auf die Siegertrophäe, die dort auf dem roten Teppich bereits zur Präsentation bereitstand. Es war ein eher erschöpfter denn sehnsuchtsvoller Blick.

Nach einer Halbzeit, die der deutschen Nationalmannschaft einiges an Nerven und Kraft abgefordert hatte, stand es noch 0:0. Aber Laudehr und die anderen hätten auch gut und gern schon zurückliegen können. Sie hatten mit einem forcierten und aggressiven Spiel der technisch überlegenen Brasilianerinnen gerechnet. Sie hatten es bekommen. Und sie hatten es mit einiger Not erstmal überstanden. Gut eine Stunde später wusste Simone Laudehr gar nicht, wohin vor Glück, als der Schlusspfiff ertönte. Der ersten Hälfte war eine zweite gefolgt, in der das passierte, was 45 Minuten lang noch sehr fragwürdig gewesen war: Die deutschen Frauen sind nach 2003 erneut Weltmeister. Und sie sind die ersten überhaupt, denen es gelungen ist, den Titel zu verteidigen. Und: Das Team gewann den Titel in China mit fünf Siegen und einem Unentschieden, mit 21 geschossenen Toren und keinem einzigen Gegentreffer in insgesamt 540 Spielminuten. Das ist dann auch Grund genug, für einen Moment schwindelig zu werden, die Orientierung zu verlieren. Simone Laudehr hüpfte also ein paar Schritte gen Auswechselbank, dann mit einer Kehrtwende zu einer deutschen Spielertraube.

Dann Jubel im Pulk. Eine Siegerehrung mit "We are the Champions" und Feuerwerk und Goldregen, eine Ehrenrunde, die in diesem Fall den Dank der Spielerinnen an die chinesischen Fans ("Thank you for your support") einschloss.

Zuvor war es ein ausgezeichnetes, sehr spannendes Finale gewesen in einem ausverkauften Stadion, in dem die Zuschauer zunächst Deutschland als Team und außerdem Marta als Spielerin anzufeuern bereit waren. Letzteres dauerte nicht lange, denn die Brasilianerin kam nur selten zur Entfaltung, und nie so, wie sie es sich gewünscht hätte. Ähnliches ließ sich über Christiane sagen, über Daniela, über diese ganze Mannschaft so begabter Spielerinnen. Sie verzettelten sich öfter zu sehr, und sie hatten Pech im Abschluss. Insbesondere in der 24. Minute, als Daniela erst nur den Pfosten traf und anschließend am Tor vorbei schoss.

Zuviel Offensive fast bestraft

Zur Person
Katrin Weber-Klüver berichtet während der Frauenfußball-WM (10. bis 30. September) für SPIEGEL ONLINE aus China. WM-Jahrgang 1966, lebt in Berlin und schreibt freiberuflich über Fußball und allerlei.
Kurz vor dieser Szene hatte Sandra Smisek auf der Gegenseite eine große Chance vergeben. Viele gab es davon nicht bis zur Pause, weder für sie noch für Birgit Prinz. Erst in der zweiten Halbzeit kam Smisek dann zu ihrem Erfolgserlebnis, indem sie tat, was sie am liebsten und am besten tut: für Prinz auflegen. Das 1:0 der Kapitänin in der 52. Minute erzürnte die Brasilianerinnen sichtlich. Martas Aktionen wurden danach nicht besser, nur verzweifelter. Die Deutschen dagegen ließen sich nun in einem Anflug von Euphorie kurzzeitig auf zu viel Offensivspiel ein.

Es war das einzige Mal im gesamten Turnier, dass sie ihre Marschroute des durch und durch kontrollierten Spiels aufgaben, die einzige Phase, in der sie die defensiven Aufgaben vernachlässigten. Weil ihnen das zuvor so gut wie nie passiert war, sind sie Weltmeister geworden. Nicht mit dem schönsten, aber mit dem effektivsten Spiel. In der kurzen ungestümen Phase deutschen Angreifens blieb bei einem Gegenzug der Brasilianerinnen Linda Bresonik nichts als ein Foulspiel gegen Christiane im eigenen Strafraum. Den fälligen Elfmeter von Marta in der 64. Minute parierte Nadine Angerer.

Es war eine gute Parade. Vor allem aber ein sehr schlechter Schuss. Und es war die Entscheidung des Spiels. Endgültig begraben wurden die brasilianischen Hoffnungen im ersten WM-Endspiel beim 2:0. Renate Lingor trat eine Ecke, und Simone Laudehr stieg zum erfolgreichen Kopfball hoch. So viel Kraft hatte sie nun doch noch. Oder auch schon wieder. Später sagte sie: "Das 2:0 war entscheidend." Und: "Das war ein totaler emotionaler Schub. Wer wird man schon mit 21 zum ersten Mal Weltmeister?"

Erst recht, wenn man zur Halbzeit aussieht, als wolle man am liebsten in der Kabine bleiben. So schnell ändern sich die Gefühle. So ist Fußball.

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